Archiv: Schumann zum Träumen

Martin Ostertag und Kalle Randalu haben sämtliche Werke für Violoncello und Klavier von Robert Schumann eingespielt – zum Träumen schön, wie unser Autor Jan-Geert Wolff findet.

Streng genommen taugt Robert Schumanns Originalschaffen für Violoncello und Klavier nicht für eine CD – es sei denn, man wählt das Format einer Single: Einzig die “Fünf Stücke im Volkston” op. 102 sind eine Originalkomposition für diese Instrumente. Bearbeitungen schaffen Abhilfe, wie eine wundervolle neue CD beweist. Es ist die Folge 2 in der Serie mit Kammermusikwerken Schumanns, die derzeit vom Ensemble Villa Musica bei Dabringhaus & Grimm (MDG) eingespielt wird. Natürlich eröffnen die intensiv gespielten “Stücke im Volkston” diese CD. Sie enthält daneben die “Märchenbilder” op. 113 (original für Viola), die “Fantasiestücke” op. 73 (original für Klarinette) sowie “Adagio und Allegro” op. 70 (original für Horn). Von den letzten beiden Zyklen liegen Cellofassungen vor, die von Schumann autorisiert wurden.

Selbst wenn die Kritik dem Opus 102 schon 1851 attestierte, die “Fünf Volksstücke” taugten nicht dazu, dass Virtuosen an ihnen ihre “Bravour“ unter Beweis stellten, tun Martin Ostertag (Violoncello) und Kalle Randalu (Klavier) doch genau das: In den stimmungsvollen Miniaturen, in denen Schumann statt großer Geste kantable Noblesse verwirklicht hören wollte, bewegen sich die Künstler mit leichtfüßig tänzerischem Gestus. Fließende Bewegungen und kraftvoller Ton, mit dem das Cello phasenweise markante Ausrufezeichen setzt, sind der eine Teil des Dialogs, dem sich der Pianist mit feiner Linienführung stellt. Ostertag gelingen hier wundervoll singende und erzählende Passagen, die schon im zweiten langsamen Satz einen ersten Höhepunkt erklimmen, wenn das Klavier das rezitativische Thema vom Saiteninstrument übernimmt, das sich seinerseits im wunderbaren Diskant darüber setzt.

Auch in den bearbeiteten Stücken beglückt die Eleganz der beiden Virtuosen, die
stets die Balance zwischen Solo- und Ensemblespiel halten und damit für eine äußerst vitale Interpretation Sorge tragen. Auch lenken sie ohne Mühe davon ab, dass es sich hier nicht um Originalkompositionen handelt: Zu keinem Zeitpunkt fehlt einem in Opus 70 das Strahlen des Horns, denn Ostertag setzt mit zartem Schmelz und inniger Eleganz ganz eigene Akzente, die auch in den anderen Arrangements immer wieder durchklingen. Mag sein, dass sich die Alternativbesetzungen ursprünglich vor allem aus finanziellen Absatzgründen angeboten haben – Ostertag und Randalu halten dem schnöden pekuniären Argument ein eigenes, künstlerisch überzeugendes entgegen. Die Bearbeitung der Märchenbilder op. 113 stammt hierbei von Martin Ostertag selbst.

Die CD schließt mit einem besonders schönen Juwel: der dritten Suite für Violoncello
von Johann Sebastian Bach – allerdings mit der Klavierbegleitung von Robert Schumann. Hier trifft das barocke Uhrwerk von BWV 1009 auf die romantisch klangvolle Annäherung an den Komponisten, den Schumann selbst einmal als den „größten Schöpfer aller Zeiten“ bezeichnet hat. Er war es, der es Felix Mendelssohn Bartholdy gleich tat, der die Bachsche Matthäuspassion für seine Zeit bearbeitete und damit wieder aufführbar machte, indem er ähnlich mit der Johannespassion verfuhr. Auch die Klavierbegleitung für die Cellosuite lässt die tiefe Verehrung, den unbedingten Willen nach dem Durchdringen der Musik des großen Vorbildes spüren.

In der vorliegenden Einspielung ergänzen sich die beiden Interpreten Martin Ostertag und Kalle Randalu einmal mehr vortrefflich! Nehme man einzig die Sarabande: Mit drängendem Ton treibt das Cello das Largo voran, während sich das Klavier wie eine Katze um die Bögen schmiegt. Man könnte meinen, dass man sich in Schumanns Begleitmusik erst einhören müsse; doch Randalu und Ostertag haben ihr Spiel derart intensiv miteinander verwoben, dass man fast meint, es „gehöre so“ und sich auf jeden Fall sicher ist: Dem alten Bach hätte es gefallen. Zumal Randalu die Untermalung des Barocken mit einer Leichtigkeit und Transparenz gelingt, dass man eigentlich vergisst, dass es das Klavier in der gehörten Form zu Bachs Zeiten ja noch gar nicht gab.

Die CD weckt auf jeden Fall den Wunsch nach mehr – was gleich eine kleine Enttäuschung mit sich bringt: Offenbar hat sich Schumann bearbeitend einzig der dritten Cellosuite von Bach zugewandt – zumindest existiert nur von dieser eine singuläre Abschrift mit Klavierbegleitung. Man hätte aber auch gerne die Cellosuiten Nr. 1, 2 sowie 4 bis 6 mit Martin Ostertag und Kalle Randalu auf CD. Abhilfe kann hier nur die Originalfassung schaffen – in Martin Ostertags markanter, wundervoll klangsatter Einspielung der Bachschen Cellosuiten.

Jan-Geert Wolff
Musikkritiker der Allgemeinen Zeitung Mainz

Robert Schumann: Werke für Violoncello und Klavier
Ensemble Villa Musica
Martin Ostertag Violoncello
Kalle Randalu Klavier
MDG 304 1648-2