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Jenny Lind im Jahre 1846, gemalt von Eduard Magnus.

Adventskalender Berlin 2.12.1845

Das zweite Türchen in unserem Adventskalender: Felix Mendelssohn hört die schwedische Sopranistin Jenny Lind als Norma an der Berliner Oper und ist hingerissen. Eine Advents-Romanze, nacherzählt von Karl Böhmer.

Advent mit schwedischer Nachtigall, Berlin, 2.12.1845

Als Giacomo Meyerbeer in Berlin von der sagenhaften Gesangskunst einer jungen Schwedin in Kopenhagen hörte, griff er sofort zu und engagierte sie für die Berliner Oper. Ihr Name war Jenny Lind. Als „schwedische Nachtigall“ zog sie im Advent 1845 den berühmtesten Komponisten Deutschlands in ihren Bann: Felix Mendelssohn Bartholdy.

Arme Kinder in Kopenhagen

„Es ist doch schön, dass ich so singen kann.“ Nur ein einziges Mal gönnte sich die große Jenny Lind ein solches Lob auf ihre eigene Gesangskunst: nachdem sie armen Kindern in Kopenhagen durch ihren schönen Gesang hatte helfen können. Kurz vor ihrer Abreise nach Berlin hatte sie von einer wohltätigen Gesellschaft erfahren, die sich vornahm, „unglücklichen Kindern zu helfen, die von ihren Eltern mißhandelt oder zum Betteln oder Stehlen gezwungen werden, und sie in andere bessere Verhältnisse zu setzen“. Sofort beschloss sie zu handeln: „Habe ich denn nicht noch einen freien Abend? Lassen Sie mich eine Vorstellung zum Besten dieser armen Kinder geben, aber da wollen wir doppelte Preise nehmen.“ Das Konzert war ein rauschender Erfolg. „Als sie dies erfuhr, und daß dadurch einer Anzahl armer Kinder für mehrere Jahre geholfen werden konnte, da leuchtete ihr Antlitz und die Tränen standen ihr in den Augen.“

Kein Geringerer als Hans Christian Andersen hat diese Geschichte in seiner Autobiographie Das Märchen meines Lebens überliefert. Fünf Seiten dieses Buches füllte der dänische Märchendichter, um seiner Bewunderung für Jenny Lind Ausdruck zu verleihen: „Durch Jenny Lind habe ich zuerst die Heiligkeit der Kunst empfunden, durch sie habe ich gelernt, daß man sich selbst im Dienste des Höheren vergessen muß. Keine Bücher, keine Menschen haben besser und veredelnder auf mich als Dichter eingewirkt als Jenny Lind, und darum habe ich hier so lange und so lebhaft von ihr gesprochen.“

Ein verliebter Komponist in Berlin

Andersen war nicht der Einzige, dem Herz und Mund überliefen vor Bewunderung für die „schwedische Nachtigall“. „In Jahrhunderten wird nicht eine Persönlichkeit gleich der ihrigen geboren“, gestand Mendelssohn seinem dänischen Freund. Wiewohl ein glücklich verheirateter Familienvater, geriet der 36-Jährige Komponist und Dirigent vollends in den Bann der jungen Schwedin. Schuld daran war Bellinis Norma, die er im Advent 1845 in Berlin mit Lind in der Titelrolle hörte. Mendelssohn hatte im Auftrag von Friedrich Wilhelm IV. eine Schauspielmusik zu Racines geistlicher Tragödie Athalie komponiert und dirigierte am 1. Dezember, dem Montag nach dem ersten Advent, die Uraufführung im Schloss Charlottenburg. Der feierliche Bläserchoral der Ouvertüre verbreitete adventliche Stimmung am steifen Berliner Hof – ein Gebet in Tönen, bevor die stürmischen Streicherwellen des Allegro über die Köpfe der Höflinge hinwegfegten wie Vorboten einer Revolution. Tags darauf gönnte sich Mendelssohn einen freien Abend: Es zog ihn in die Berliner Hofoper, um wieder Jenny Lind zu hören, dieses Mal als Norma in Bellinis Meisterwerk. Dem Zauber dieser „heiligen Priesterin“ konnte er sich ebensowenig entziehen wie Andersen: „Ihre Norma ist plastisch, jede Stellung könnte einem Bildhauer zum schönsten Modell dienen, und doch fühlt man, daß dies Spiel die Eingebung des Augenblicks und nicht vor dem Spiegel einstudiert ist. ‚Norma, du heilige Priesterin’ singt der Chor, und diese heilige Priesterin hat Jenny Lind aufgefaßt und zeigt es uns in der Arie: casta diva.“ So Andersens Schilderung. 

Adventskonzerte in Leipzig

Solche Soprantöne wollte man auch in Leipzig hören. Es gelang Mendelssohn, die Lind zu einem Adventskonzert im Gewandhaus zu überreden: Am 4. Dezember sang sie unter seiner Leitung mit dem Gewandhausorchester die großen Szenen der Donna Anna und der Norma sowie ein Duett zwischen Romeo und Julia aus Bellinis Capuleti e Montechi. Der berühmte Dirigent musste sich dabei selbst wie ein Romeo vorkommen: „Als sie endlich auf dem Podium sichtbar wurde, diese schlanke, mädchenhafte Erscheinung mit dem blonden vollen Haar, ganz in rosa Seidenstoff gehüllt, an der Brust und im Haar weiße und rosenrote Kamelien, mit der keuschen Grazie ihres Wesens, so ohne alle Ostentation, da löste sich der Bann und jubelnder Zuruf ertönte.“ So hat es die Augenzeugin Elise Polko beschrieben. Zum Schluss versetzte die junge Schwedin das Publikum mit einem ihrer schwedischen Volkslieder in Ekstase. „Im Concert sang Jenny Lind ihre schwedischen Lieder; es war etwas so Eigenthümliches, so Hinreißendes; man dachte nicht an den Concertsaal, die Volksmelodien übten ihre Allmacht, vorgetragen von einer so reinen Weiblichkeit mit dem unsterblichen Gepräge des Genies. Die jugendfrische schöne Stimme drang in alle Herzen; hier herrschte Wahrheit und Natur. Alles erhielt Bedeutung und Klarheit.“ Andersens Worte lassen noch heute den Zauber ihrer schwedischen Lieder nachfühlen.

Sie durften auch im zweiten Leipziger Konzert der Jenny Lind nicht fehlen. Wieder konnte sie nicht widerstehen, weil es um arme Kinder ging: um den Pensionsfonds für die Witwen und Waisen verstorbener Orchestermusiker. Am 5. Dezember trat sie als Agathe und Susanna auf, sang das Finale aus Euryanthe und zum Schluss wieder schwedische Lieder. Dieses Mal aber saß Mendelssohn selbst am Flügel und begleitete sie in einigen seiner eigenen Lieder. Der Abend gipfelte in einem Ständchen der dankbaren Orchestermusiker.

Liedergeschenke zu Weihnachten

Als Jenny Lind am Nikolaustag nach Berlin zurückkehrte, reiste Mendelssohn mit ihr, aber nur bis Dessau, wo er das Textbuch zu seinem Oratorium Elias zu besprechen hatte. Auf der Fahrt unterhielten sich die Beiden über schwedische Weihnachtsbräuche. Drei Wochen später, an Heiligabend, hielt die junge Schwedin ein Notenpäckchen aus Leipzig in den Händen: innige Lieder von Mendelssohn, eigens für sie zusammengestellt. Am selben Abend durfte sich auch Cécile Mendelssohn in Leipzig über ein Heft mit 17 Liedern ihres Mannes freuen. Die paralelle Weihnachtsgabe lässt tief blicken, denn im Weihnachtsbrief an Jenny Lind wurde der Komponist deutlich: „Was mich betrifft, so wissen Sie, daß ich an jedem fröhlichen Fest und an jedem ernsten Tage mein Leben lang Ihrer gedenke.“ Sein Liedergeschenk zu Weihnachten war dafür der schönste Beweis.

Zum Hören:

Felix Mendelssohn: Ouvertüre zu Athalia, uraufgeführt am 1.12.1845 in Berlin:

https://www.youtube.com/watch?v=4sG3BeEOv88

Mendelssohns Schilflied nach Lenau aus dem weihnachtlichen Liederheft für Jenny Lind, gesungen von der jungen Frankfurter Sopranistin Katerina Kasper und begleitet auf einem historischen Hammerflügel, wie ihn auch Mendelssohn gespielt hätte:

https://www.youtube.com/watch?v=qrlf_84oZmM

Bellinis Cavatina Casta Diva aus Norma mit Renée Fleming, aufgeführt im Kreml zu Moskau:

https://www.youtube.com/watch?v=Rg4L5tcxFcA