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Der Theaterbau am Charlottenburger Schloss, wo Felix Mendelssohn am 1.12.1845 seine Schauspielmusik zu Racines Athalia aus der Taufe hob.

Adventskalender 1.12.2021

Felix Mendelssohn im Schloss Charlottenburg, 1.12.1845. Unser Adventskalenderblatt beleuchtet seine fast vergessene Schauspielmusik zum jüdischen Drama Athalia.

Mendelssohn in Charlottenburg, 1. Dezember 1845

von Karl Böhmer

Bebende Triolen der Holzbläser begleiten eine zarte Trompete. Sie stimmt ein vertrautes Weihnachtslied an: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Kein Komponist, nicht einmal Bach, hat die vier Choralzeilen des Lutherliedes in so himmlische Harmonien gehüllt wie Felix Mendelssohn. Man schreibt den 1. Dezember 1845, den Montag nach dem ersten Advent. König Friedrich Wilhelm IV. und der preußische Hof lauschen ergriffen der Vision des Himmlischen Jerusalem. Mendelssohns Himmelsmusik über Luthers Choral unterbricht die Rede des Hohen Priesters, der den rechtmäßigen Herrscher aus dem Hause David auf den Thron Judas setzen will. Derweil kündigt die leise Trompete schon jenen Spross Davids an, vor dem sich einst die Könige der Welt in Bethlehem verneigen werden:

„Welch’ neu Jerusalem erhebt sich aus der Wüste Schoß,
Von Licht umstrahlt, der Ewigkeiten Siegel auf der Stirn,
Ihr Völker, singt und freuet euch, Jerusalem ersteht in höh’rer Schönheit,
Wo kommen ihm die Kinder her, die’s nicht in deinem Schoß getragen hat?
Hoch, hoch Jerusalem, dein stolzes Haus,
Schau, all die Herrscher, die dein Glanz erstaunt.
Die Könige der Erde beugen sich, um deiner Füße Staub zu küssen,
Die Völker drängen sich zu deinem Lichte.
Beglückt wer dann, erfüllt von heil’ger Glut
Sein Herz für Zion schlagen fühle!
Gieß, Himmel, deinen Tau hernieder,
Dass ihren Heiland sich die Erde zeugt.“

Alter und Neuer Bund, Judentum und Christentum reichen einander die Hand. in den Versen von Racine, getragen von Luthers Choral. Keiner hätte diese Versöhnung schöner komponieren können als Felix Mendelssohn, der getaufte Komponist aus Berlins berühmtester jüdischer Familie. 

Jüdische und christliche Geschichte in Harmonie

Mendelssohns Schauspielmusik zu Racines geistlicher Tragödie Athalia, uraufgeführt im Schlosstheater zu Charlottenburg, war ein seliger Moment des Friedens, trotz all der kriegerischen Klänge, die diese Partitur durchziehen. Nur zwei Jahre vor seinem Tod entwarf Mendelssohn die Vision einer versöhnten Gesellschaft, einer Einheit aus jüdischer und christlicher Geschichte. Schon wenige Monate nach seinem plötzlichen Tod am 4. November 1847 wurde diese Einheit zerrissen: von der Revolution. Der Nationalismus, der die Deutschen anno 1848 auf die Barrikaden trieb, spülte den Antisemitismus mit nach oben. Der Revolutionär Richard Wagner schmähte Mendelssohns Andenken schon 1849 in der anonymen Schrift Das Judentum in der Musik. Mendelssohns christliche Musik zum jüdischen Drama Athalia verschwand in der Versenkung, trotz der schönen Zwischentexte, die man auf Deutsch wie Englisch für konzertante Aufführungen ersonnen hatte.

Die Schmähung seines Namens und seines Erbes musste Mendelssohn nicht mehr miterleben. Vielleicht dachte er an jenem Adventabend in Charlottenburg an seinen Großvater, den Philosophen Moses Mendelssohn. Den hatte man seinerzeit im Berlin Friedrichs des Großen singend durch die Straßen laufen sehen, die Gesänge aus Racines Athalia auf den Lippen. Es blieb seinem Enkel vorbehalten, dazu die vollendete Musik zu schreiben.

Adventstheater in Schloss Charlottenburg

Am Spandauer Damm 10 steht noch heute der eindrucksvolle Bau, in dem sich anno 1845 jenes fromme Adventstheater abspielte: der Theaterbau von Schloss Charlottenburg. Friedrich Wilhelm II. ließ ihn 1788 bis 1792 von Carl Gotthard Langhans errichten, dem Architekten des Brandenburger Tors. Am Ende der großen Orangerie im Westflügel entwarf Langhans einen eindrucksvollen Sandsteinquader von elf Fensterachsen mit Mansardendach. Das Logentheater im Innern genügte mit sechs Kulissengassen und ausgesprochen tiefer Bühne jedem Anspruch an prachtvolle Inszenierungen, doch ließ der Zweite Weltkrieg davon nur Trümmer übrig. Nach dem Krieg entschloss man sich, nur den Außenbau zu rekonstruieren und im sachlich schlichten Innern Veranstaltungen zu platzieren. Im nächsten Frühjahr werden hier zwei bedeutende Institutionen einziehen: das Käthe-Kollwitz-Museum und die Kulturstiftung der Länder. Für eineinhalb Jahrhunderte freilich war dies ein Ort des deutschen Sprechtheaters. Am 1. Dezember 1845 fand hier in prachtvollster Ausstattung Racines geistliche Tragödie Athalia ihren würdigen Platz, umrahmt von der kompletten Schauspielmusik Mendelssohns. Der Komponist stand selbst am Pult und wurde von König Friedrich Wilhelm IV. herzlich willkommen geheißen. Der Hof erlebte eine vollkommene geistliche Einstimmung auf die Adventszeit, die tags zuvor begonnen hatte.

Frauenchöre und ein Kriegermarsch

Das Zitat des Weihnachtsliedes „Vom Himmel hoch“ findet sich in der großen Tempelszene mit dem Melodram des Oberpriesters. Sie wird von einem besonders schönen Chor mit Harfenbegleitung eingeleitet, „Lasst uns dem Heilgen Wort des Höchsten lauschen“, bevor der Hohe Priester des gesprochene Wort ergreift. Da Racine seine geistliche Tragödie 1691 für Saint-Cyr geschrieben hatte, das Mädchenpensionat vor den Toren von Paris, legte auch Mendelssohn viele seiner Chöre den Frauenstimmen in den Mund, betörend schöne, luftige Gesänge. Dem steht die martialische Musik der Männer gegenüber: Der Kriegermarsch der Priester war im 19. Jahrhundert mindestens so populär wie Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Die Leviten rüsten sich zum Kampf gegen Athalie, die Tyrannin, die fast das ganze Haus Davids vernichtet hat. Doch der kleine Joasch wurde vom Hohen Priester Jojada gerettet und wie sein eigener Sohn aufgezogen, versteckt im Tempel. Nun wird das Kind auf den Thron gehoben – ein König, der in seiner kindlichen Reinheit die Geburt des Heilands schon vorwegnimmt.

Dramatische Ouvertüre

Die Ouvertüre hat Mendelssohn als letztes Stück der Partitur vollendet, im Sommer 1845 auf einer Englandreise. Alle Ebenen des Dramas sind darin auf geniale Weise zusammengefasst: Der feierliche Bläserchoral der Einleitung symbolisiert die heilige Welt der Tempelpriester, gefolgt von der zarten Kantilene des Kindkönigs, die von rauschender Harfenbegleitung getragen wird: Die Harfe König Davids trägt das fromme Gebet seines Nachfahren zum Himmel. Düster dräuende Trompetenfanfaren kündigen von Ferne den Kampf um Israels Zukunft an: In d-Moll-Klangwellen trachtet die mordlüsterne Athalie dem kleinen Joasch nach dem Leben, doch die frommen Leviten geraten nicht ins Wanken. In der Durchführung hält ihr Thema dem Ansturm stand, bis in den Wolken der Segen des Himmels erscheint: Das Thema des Kindkönigs ruht segensreich über Israel. Eine einsame Klarinette klagt das Leid des Volkes, doch ein letztes Aufbäumen der Tyrannin prallt am Sieg des Guten ab. Das Thema der Leviten wendet sich plötzlich ins strahlende D-Dur: Gott hat sein auserwähltes Volk gerettet.

Wie Mendelssohn in dieser Ouvertüre den ewigen Kampf seines Volkes in Töne gefasst hat und wie sich am Ende rückhaltloser Siegesjubel Bahn bricht, gehört zu den großen Momenten in seiner Orchestermusik. Eher kurios mutet dagegen an, was dem Choreographen George Balanchine zu dieser Ouvertüre einfiel: Als er 1962 in New York Mendelssohns Musik zu Shakespeares Sommernachtstraum in ein Ballett verwandelte, fehlte ihm noch ein Satz für den Pas de deux der Feenkönigin Titania. Ausgerechnet die Ouvertüre zu Athalia inspirierte ihn zu Tänzen von elfenhafter Leichtigkeit – ein bezauberndes Mendelssohn-Missverständnis.

Zum Hören:

Mendelssohns Ouvertüre zu Athalia, uraufgeführt am 1.12.1845 in Berlin:

https://www.youtube.com/watch?v=4sG3BeEOv88

 „Lasst uns dem Heilgen Wort des Höchsten lauschen“ aus Athalia mit dem Melodram des Hohen Priesters (Gächinger Kantorei, RSO Stuttgart des SWR, Dirigent: Hellmuth Rilling):

https://www.youtube.com/watch?v=lbHBb2pPUhs&list=OLAK5uy_miHvTgxBwGCMBKNMU3HOYKQoPL11BbOgs&index=6

Die Ouvertüre zu Athalie als Pas de Deux der Titania in Balanchines Ballettfilm Ein Sommernachtstraum:

https://www.youtube.com/watch?v=8RklpMa4AVY