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Händel an der Lyra, die Inspiration des Meisters darstellend. Entwurf zur berühmten Sitzstatue von Roubillac, die 1738 in Vauxhall Gardens aufgestellt wurde. Der Bozzetto befindet sich im Fitzwilliam Museum in Cambridge (eigenes Foto).

Adventskalender 10.12.2021

Händels erstes Coronation Anthem erklang nicht nur 1953 zur Krönung von Queen Elizabeth II in Westminster Abbey, sondern auch am 10.12.1741 in Dublin unter Händels Leitung.

Advent in Dublin, 10.12.1741

von Karl Böhmer

So unterschiedlich können Jubiläen sein: Am 6. Dezember diesen Jahres feierte die Republik Irland den 100. Geburtstag des Anglo-Irish Treaty, der dem Land 1921 endlich die Unabhängigkeit von der englischen Krone bescherte. England dagegen rüstet sich zum Platinum Jubilee, zum Platin-Jubiläum seiner Königin: Am 6. Februar nächsten Jahres wird Queen Elizabeth II seit 70 Jahren auf dem Thron sitzen. Die Feierlichkeiten finden Anfang Juni statt, rund um Pfingsten. Hotelzimmer sind in London keine mehr zu bekommen. Dieses Kalenderblatt ist beiden Jubiläen gewidmet.

God save the Queen in London

Bei der Krönung der blutjungen Elizabeth 1953 in Westminster Abbey erklang natürlich „Zadok the priest“, das erste Coronation Anthem von Georg Friedrich Händel, und zwar zum feierlichsten Moment der Zeremonie: zur Salbung, dem Anointing. So war es schon anno 1727 bei der Krönung von King George II und bei jeder Königskrönung seitdem. Nur dass die Chorsänger 1953 den Originaltext von Händels Anthem ändern mussten: Statt „God save the King“ sangen sie „God save the Queen, long live the Queen, may the Queen live forever“. Keiner der Anwesenden konnte ahnen, wie lange diese Königin leben und regieren würde. Anschauen und anhören kann man das heute noch in aller beeindruckenden Feierlichkeit auf You Tube (siehe unten).

God save the King in Dublin

„God save the King“ sangen am 10. Dezember 1741 irische Chorsänger in der Saint Andrew’s Church zu Dublin, unter der Leitung von George Frideric Handel höchst persönlich. Der Komponist aus London eröffnete seinen irischen Aufenthalt klugerweise mit festlicher Kirchenmusik im Gottesdienst zugunsten des Hospitals in Dublin. Mit diesem Adventskonzert in der Kirche gewann er die Herzen der Iren und die Gunst des englischen Vizekönigs, der George II auf der Grünen Insel vertrat. Ganz Irland war damals noch englische Provinz, zum Leidwesen der irischen Katholiken und Patrioten. Doch der Deutsche Händel konnte derlei Befindlichkeiten virtuos ignorieren: Kaum war er in Dublin eingetroffen, flogen ihm die Herzen aller Iren zu – wegen seiner großartigen Chormusik, seinem fantastischen Orgelspiel und seiner kraftvollen, originellen Persönlichkeit.

Die Rundkirche

In enthusiastischen Worten schilderte John James McGregor in seinem New Picture of Dublin die „Round Church“, die runde Kirche von St. Andrew’s, im Zustand des 18. Jahrhunderts, der später leider einer eher düsteren neugotischen Kirche weichen musste: „Das Innere ist licht, gut proportioniert und stark dekoriert. Die Südseite der Ellipse wird von Kanzel und Altar eingenommen, darüber erhebt sich die Orgel. Von diesem Zentrum führen die Gänge wie Sonnenstrahlen zu den Sitzen, die im Stil eines Amphitheaters ansteigen. Die Galerie bildet ein anmutiges, fast um die gesamte Kirche umlaufendes Oval und wird von kannelierten Säulen mit stark geschmückten Kapitellen getragen.“ In diesem Kirchenraum, der so sehr einem Theater glich, spielte Händel die Orgel und dirigierte zwei seiner prachtvollsten Werke: das Utrecht Te Deum mit Jubilate und das erste Coronation Anthem, „Zadok the Priest“. 

Für einen guten Zweck

Während Händels Streicher an jenem Donnerstag in Dublin die weichen Akkorde des Krönungsanthems anstimmten und sich die vier Trompeter auf ihren Einsatz vorbereiteten, probte Bach in Leipzig schon seine ähnlich prachtvollen Weihnachtskantaten. Auf dem Kontinent zählte man nach dem gregorianischen Kalender bereits den 21. Dezember, die britischen Inseln dagegen waren wie in so vielen Dingen „on their own“: Man war elf Tage zurück im julianischen Kalender, der erst zehn Jahre später außer Kraft gesetzt wurde. Das Programm jenes Adventskonzerts für einen guten Zweck wurde vom Dublin Journal genauestens referiert: „Letzten Donnerstag wurde in der Rundkirche zum Benefiz des Mercer’s Hospital Gottesdienst in Kathedralmanier gehalten, mit dem Te Deum, Jubilate und einem Krönungsanthem von Mister Handel, worauf eine ausgezeichnete Predigt von Reverend Dean Owens folgte, genau passend zur Gelegenheit.“ Festlicher hätten die Geistlichen von Dublin und der Gast aus London die Iren nicht auf Weihnachten einstimmen können. „Der Besuch war sehr zahlreich, und man hofft, dass die Aufführung jedermann so sehr befriedigt hat, dass man bei ähnlichen Gelegenheiten mit großem Zuspruch rechnen kann.“ Der Deutsche Händel hat zur großen britischen Tradition von Wohltätigkeitskonzerten nicht nur in London, sondern auch in Dublin ein erhebliches Maß beigetragen.

Händel an der Orgel

Zusätzlich zum Dirigat seiner festlichen Chorwerke nahm Händel auch an der Orgel Platz. Denn die „Governors“ des Mercer’s Hospital hatten schon am 21. November beschlossen, ihn um Orgelspiel im Gottesdienst zu ersuchen. Natürlich willigte er ein, schon aus Neugier auf das Instrument in St. Andrew’s. Händel blieb sein Leben lang leidenschaftlicher Organist und probierte auf seinen Reisen so viele Orgeln wie möglich aus. Um den größten Organisten Englands einmal in Dublin zu hören, strömten die Menschen scharenweise nach St. Andrew’s, denn von seiner rührenden Art, dieses imposante Instrument zu traktieren, erzählte man sich wahre Wunderdinge. An Solowerken für Orgel hat Händel bekanntlich kaum etwas hinterlassen – ganz im Gegensatz zu Bach. Deshalb seien diesem Kalenderblatt seine Orgelkonzerte Opus 4 hinzugefügt, und zwar in der wunderbaren TV-Produktion mit Karl Richter und dem Münchner Bachorchester. In diesen aufwendig gefilmten sechs Konzerten von 1972 kann man das Faszinosum eines großen Organisten mit eigenem Orchester spüren und wechselweise Händels grandiose wie rührende Manier an der Orgel erleben.

Karl Böhmer 

Zum Hören:

Händel: Zadok the Priest, aufgeführt vor der Salbung von Queen Elizabeth II 1953 in Westminster Abbey

https://www.youtube.com/watch?v=Y3qH0rpwwe4

Händel: Utrecht Te Deum und Jubilate, European Union Baroque Orchestra, Leitung: Lars Ulrik Mortensen

https://www.youtube.com/watch?v=LnycRbNQ-GU

Händel: Orgelkonzerte Opus 4, Karl Richter, Münchner Bachorchester

https://www.youtube.com/watch?v=uoiXvQhWrKY