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Alessandro Scarlatti, der große Barockmeister aus Palermo, mit dem päptslichen Orden der Milites Christi, den ihm Papst Clemens XI. auch wegen seiner schönen Weihnachtsmusik verlieh (Foto: Wikipedia).

Adventskalender 11.12.2021

Am 11. Dezember 1706 schickte Alessandro Scarlatti die Partitur seines neuen Weihnachtsoratoriums von Venedig nach Rom. Ein Kalenderblatt über römische Hirten und jüdische Propheten im Vatikanpalast.

Alessandro Scarlatti zwischen Venedig und Rom, 11. Dezember 1706

von Karl Böhmer

Alessandro Scarlatti war wieder einmal spät dran: Der älteste Neffe des Papstes hatte bei ihm eine Kantate für den Heiligen Abend in Auftrag gegeben, doch er konnte die Noten erst am 11. Dezember 1706 von Venedig nach Rom senden. 13 Tage vor der Uraufführung kannte noch kein Sänger in Rom die neue Musik des großen Sizilianers. Sie war für den denkbar festlichsten Anlass bestimmt: für das jährliche Bankett der Kardinäle am Heiligen Abend im Apostolischen Palast. 

Hirtenklänge im Vatikanpalast

Zwischen Vesper und Christmette wurden die Kirchenfürsten alljährlich mit einem üppigen Nachtmahl beschenkt. Man gedachte der Armut des Jesuskindes bei barocken Tafelfreuden! Davor wurde jeweils ein knapp einstündiges Weihnachtsoratorium in italienischer Sprache aufgeführt, eigens zum Anlass neu gedichtet und komponiert. Die großen Kastraten der Ewigen Stadt reflektierten zum üppigen Orchesterklang unter Corellis Leitung das Weihnachtsgeheimnis aus den unterschiedlichsten Perspektiven: mal mit dem Blick der Engel auf Bethlehem, mal als Hirten auf den Feldern, mal als Propheten des Alten Testaments, die ihre Prophezeiungen endlich erfüllt sehen dürfen. Unter den 62 Werken dieser Art, die zwischen 1676 bis 1740 aufgeführt wurden, hat Scarlatti immerhin fünf geschrieben. Die Libretto zu allen 62 Weihnachtskantaten sind erhalten, nur zu drei Werke freilich auch die Musik. Leider gehört Scarlattis spät geliefertes Weihnachtsoratorium von 1706 nicht dazu. Die Musik zum heutigen Kalenderblatt stammt aus dem Werk von 1705, „Cinque Profeti“. Die Orchesterstimmen, die sich in der Santini-Bibliothek in Münster erhalten haben, belegen, wie groß das Orchester besetzt war und wie sehr die Oboisten den Streicherklang auch im Tutti verstärkten. Als Hirteninstrumente hatten ihre „Schalmeien“ einen prominenten Platz an der Krippe und sie mussten dafür sorgen, dass die Streicher den weiten Festsaal im Vatikanpalast auch wirklich füllen konnten.

Scarlatti und die Familie Albani

Scarlattis Auftraggeber von 1706 war der älteste Neffe von Papst Clemens XI., Annibale Albani. Zwei Jahre zuvor hatte ihn seine Mutter aus der Stadt Pesaro an der Adria nach Rom gebracht, damit er sich unter den Fittichen seines päpstlichen Onkels erste Sporen verdienen konnte. Clemens XI. machte es seinem Neffen nicht leicht: Viel länger als üblich ließ er ihn auf den Kardinalshut warten und erprobte ihn erst Jahre lang in heiklen diplomatischen Missionen. Nach den Usancen des römischen Mäzenatentums musste sich der Prälat Annibale auch durch gezielte Kulturförderung bewähren, wozu die jährliche Weihnachtskantate ein probates Mittel war. Deshalb gab er 1706 den Auftrag, obwohl er noch gar nicht zum erlauchten Kreis der Kardinäle gehörte. Für einen Papstneffen war das Beste gerade gut genug: Annibale wandte sich an Alessandro Scarlatti, den Sizilianer aus Palermo, der schon als Kind nach Rom gekommen war und nach fast zwanzig Jahren in Neapel nun wieder in der Ewigen Stadt lebte. Seitdem hatte er zur Familie Albani immer engere Beziehungen aufgebaut, besonders zum ältesten Neffen des Papstes. Im Umgang mit den kirchlichen Autoritäten war Scarlatti geübt und erfüllte alle Wünsche der Papstfamilie normalerweise pünktlich. Doch nun kam er ausgerechnet mit dem Weihnachtsauftrag ins Schleudern. 

Ein Brief aus Venedig

Scarlatti weilte im Advent 1706 nicht in Rom, sondern in Venedig. Dort steckte er mitten in den komplizierten Vorbereitungen zu zwei großen Seria-Opern, die er für das größte venezianische Opernhaus zu schreiben hatte. Dies erklärt, warum er das Notenpaket mit der römischen Weihnachtskantate erst am 11. Dezember absenden konnte. Ein unterwürfiger Brief an den Besteller war das Mindeste, was er beifügen musste, um seinen Gönner zu besänftigen. Vorsichtshalber ließ er sich von seinem venezianischen Gastgeber Antonio Ottoboni, dem Vater des päpstlichen Vizekanzlers, ein Attest über seinen Fleiß ausstellen. Scarlattis eigener Brief war in den Formeln barocker Unterwürfigkeit gehalten: 

„Wenn der gütige Blick Eurer Eminenz die Schamesröte sehen könnte, mit der ich das angefügte Ergebnis meiner schwächlichen Bemühung präsentiere, nämlich jene musikalische Komposition, die Eure Eminenz für die übliche Unterhaltung des Kardinalskollegiums in der Heiligen Nacht im Palast unseres Herrschers in Auftrag gegeben haben, könnte ich mir Eurer milden Anteilnahme sicher sein. Ich sage Schamesröte, weil ich nicht das getan habe, was ich hätte tun müssen und können; wenn mir nicht die mühsame und aufreibende Vorbereitung gleich zweier Opern für das hiesige Teatro Grimani die nötige Zeit geraubt hätten, um mich weniger fehlerhaft zu erweisen, nach meiner üblichen, unkorrigierbaren Schwäche. Mein erlauchter hiesiger Padrone, der fürstliche Prokurator Antonio Ottoboni, hat ein unzweifelhaftes Zeugnis für meinen Fleiß beigefügt.“

Römisches Weihnachtsoratorium

In der Tat: Annibale Albani war kurzzeitig besorgt gewesen. Die weihnachtliche Festkantate war von seinem Sekretär Ortensio Fabbri längst gedichtet worden und lag schon in prachtvoll gebundenen Libretti gedruckt vor. Was, wenn die Noten aus Venedig ausblieben? Die Blamage für den Papstneffen wäre nicht auszudenken gewesen, zumal seine gestrenge Mutter, Maria Bernarda Ondedei, die vatikanischen Karrieren ihrer Söhne mit eiserner Hand lenkte. Glücklicherweise kamen besänftigende Worte von einem, der sich auskannte: Kardinal Pietro Ottoboni, der Vizekanzler seiner Heiligkeit, arbeitete seit Jahrzehnten mit Scarlatti zusammen und wusste: Er liefert zwar spät, aber gerade noch rechtzeitig und immer Musik von höchster Qualität. Außerdem kannte Ottoboni das Niveau der römischen Musiker. Ein Weihnachtsoratorium von einer Stunde in einer Woche einstudieren, war für sie kein Problem. Ein einziger Wink von Arcangelo Corelli, und das Orchester würde aus den besten Streichern Roms bestehen, die praktisch alles vom Blatt spielen konnten. 

Kastraten als Hirten und Propheten

Auch die führenden Kastraten Roms standen schon parat, um ihre Partien in wenigen Tagen zu lernen, allen voran Francesco Besci, genannt „Checchino“, der neue Kastratenstar der Ewigen Stadt. Der Neffe des Kantors der Cappella Sistina war ein Koloratursopran mit hoher Tessitura und strahlender Stimme, der seit einigen Jahren in Rom für Furore sorgte. In der Weihnachtskantate des Vorjahres hatte er die Partie des Propheten Daniel gesungen, und Scarlatti hatte ihm die schönsten Pastoralarien auf den Leib geschrieben. Am Ende war der Papstneffe beruhigt und wartete, bis das erlösende Paket aus Venedig eintraf. Was es enthielt, ist leider verloren gegangen, nämlich die umfangreiche Weihnachtskantate „Acone, ove per questo“. Von den fünf Weihnachtsoratorien Scarlatti für den päpstlichen Palast hat sich nur das Werk des Jahres 1705 erhalten. 

Fünf Propheten Israels im Vatikan 

Anno 1705 versammelten sich fünf Propheten des Alten Testaments im Vatikanpalast, um die Geburt des Messias zu feiern. Im Zentrum stand Abraham und lieh dem Werk seinen Namen: „Abramo il tuo sembiante“. Der Frankfurter Musikprofessor, Flötist und Dirigent Michael Schneider hat dieses wunderbare Weihnachtsstück unter dem Titel „Cinque Profeti“ 1992 als Erster eingespielt. Noch nach 30 Jahren hat diese wunderbare Aufnahme nichts an weihnachtlicher Festlichkeit eingebüßt. Dies beweisen unsere drei Hörbeispiele. Der Bassist Michael Schopper sang damals den Abraham. In einer stürmischen Arie erklärt er seinen Kollegen Daniel, Ezechiel und Jesaia, dass die Stürme der Irrfahrt für die unerlöste Menschheit nun beendet seien: „Qual nocchiero agitato“. Wie ein aufgeregter Seemann sei er nach dem Sturm endlich ans Ufer gelangt: Alle Verheißungen Gottes hätten sich erfüllt. Nur der schwermütige Jeremias, gesungen vom Altisten, will die Weihnachtsbotschaft noch nicht glauben. Am Ende stimmt er dann doch in den Weihnachtsjubel der anderen ein.

Wiegenlied und Ständchen für das Jesuskind

Die lieblichsten Arien hatte an jenem Heiligabend 1705 im Vatikanpalast der Sopranist „Checchino“ alias Francesco Besci in der Rolle des Propheten Daniel zu singen. Mit dem Solo-Oboistin Ignazio Ryon stimmte er ein Wiegenlied für das Jesuskind in seinen rauen Windeln an: „Pargoletto in rozze fasce“. Der Sizilianer Scarlatti schrieb dazu natürlich eine Siciliana, eine weich schwingende Melodie im zärtlichen Duktus. Zur zweiten Arie durften die römischen „Pifferari“ den Propheten Daniel begleiten, wenn auch sinnbildlich, vertreten durch Oboen und Streicher. Allzu rau wären die Hirtenmusikanten aus den Abruzzen mit Piffero und Piva in das Festmahl der Kardinäle hinein geplatzt. Außerdem hätte man ihre Schalmeien und Dudelsäcke nur schwer mit dem Stimmton römischer Barockoboen in Einklang bringen können, musizierte man in der Ewigen Stadt doch im tiefen Kammerton, mehr als einen Ganzton unter unserer heutigen Stimmung. Deshalb ersetzte Scarlatti die Hirtenmusikanten mit ihren lauten Instrumenten durch Oboen und Streicher. Ihre Melodien aber hat er in seiner Arie verwendet – im Ständchen für das Jesuskind, dargebracht von Engeln, kleinen Hirtenjungen und den Vöglein in der Luft. Unter Michael Schneiders Leitung sang dies anno 1992 Barbara Schlick:

Senti che lieto intorno al bel presepe / Gli angeli van cantando e i pastorelli, / E in ogni verde ramo e in ogni siepe / Gioconde melodie spiegarti gl’augelli.

Höre, wie freudig um die schöne Krippe / Die Engel singen und die kleinen Hirten! / Und wie in jedem Zweig und jedem Strauch / Dir die Vögel fröhliche Melodien anstimmen. 

Zum Hören

Alessandro Scarlatti: Drei Arien aus dem Weihnachtsoratorium von 1705, „Cinque Profeti“ bzw. „Abramo, il tuo sembiante“ mit La Stagione Frankfurt unter der Leitung von Michael Schneider (1992)

Michael Schopper singt die Bassarie „Qual nocchiero agitato“ 

https://www.youtube.com/watch?v=a3moXuQjKo0

Barbara Schlick und der Oboist Wolfgang Kube mit der Sopranarie „Pargoletto in rozze fasce“

https://www.youtube.com/watch?v=ZZrGDD0rMiQ

Barbara Schlick und La Stagione Frankfurt mit der Sopranarie „Sento che lieto intorno“

https://www.youtube.com/watch?v=rRvZ2Vk4GHg