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Thomasschule und Thomaskirche zu Leipzig vor dem Umbau von 1731, abgebildet neben dem Titel der neuen Schulordnung von 1723.

Adventskalender 12.12.2021

Zum dritten Advent wiederholen wir noch einmal die Geschichte über Bachs erste Leipziger Adventskantate und die neue Schulordnung der Thomasschule von 1723.

Bach in Leipzig, 28.11.1723

von Karl Böhmer

Arbeitsgruppen zur Reform der Schule gehören nicht erst im 21. Jahrhundert zum Alltag der Lehrerinnen und Lehrer. Schon vor 300 Jahren konnten die Ergebnisse eines solchen Teamworks unliebsame Konsequenzen haben, zumindest für einen Teil der Lehrerschaft. Dies bekam im Advent 1723 ausgerechnet der neue Thomaskantor Johann Sebastian Bach in Leipzig zu spüren.

Advent mit neuer Schulordnung

Seit fast zwanzig Jahren schwebte über der ehrwürdigen Thomasschule das Damoklesschwert einer neuen Schulordnung, an der eine Arbeitsgruppe in wechselnder Intensität gefeilt hatte. Ausgerechnet ein halbes Jahr nach Bachs Amtsantritt wurde sie erlassen: am 3. Dezember 1723, dem ersten Freitag im Advent. Dies wusste Bach schon, als er fünf Tage zuvor die Kantate zum ersten Advent dirigierte: „Nun komm der Heiden Heiland“, seine Weimarer Adventskantate von 1714. Um eine neue Kantate für diesen Tag zu schreiben, blieb keine Zeit. Bach stürzte sich zusammen mit seinen drei Leitungskollegen, dem Rektor Ernesti, dem Konrektor Ludovici und dem Tertius Pezold, in die Abfassung eines Protestschreibens gegen die neue Schulordnung. Rektor Ernesti kündigte es dem Stadtrat zwar an, hat es dann aber offenbar nicht abgeschickt. Der Leipziger Bachforscher Michael Maul entdeckte die 23 Seiten lange Eingabe erst vor zehn Jahren im Stadtarchiv wieder und publizierte sie in seinem brillanten Buch „Dero berühmbter Chor“. Die Leipziger Thomasschule und ihre Kantoren 1212-1804. Daraus wird ersichtlich, wie sehr Bach in Leipzig von Anfang an mit Einschränkungen der Musik an der Thomasschule zu kämpfen hatte – Vorbote aller künftigen Auseinandersetzungen mit dem Stadtrat und der Schulleitung um diesen Punkt.

Gegen die Musik

Die Änderungen in der neuen Schulordnung mussten Bach zwangsläufig auf die Barrikaden treiben: Der Jahrhunderte alte musikalische Schwerpunkt der Thomasschule im Gegensatz zur wissenschaftlich ausgerichteten Nikolaischule sollte stark eingeschränkt werden. „Neue Lerninhalte“ hieß das Schlagwort der Stunde. Die Thomasschule sollte keine verkappte Musikhochschule mehr sein, sondern ein Institut für die kommenden Geistesgrößen einer neuen Zeit: der beginnenden Aufklärung. Um dies sicherzustellen, verlor der Kantor das letzte Wort bei den Aufnahmeprüfungen: Zukünftig waren nicht mehr eine schöne, kräftige Stimme und das perfekte Vom-Blatt-Singen entscheidend für die Eignung, sondern der Intelligenzquotient. Zugleich wurden die vier „Praeceptores“ der höheren Klassen in ihren Privilegien beschnitten, um die Lehrer der unteren Klassen zu stärken. Auch die Eliteschüler der oberen Klassen, die „Alumni“, wurden vom hohen Ross geholt, auf dem sie dank der Musik saßen. All dies geschah ein halbes Jahr, nachdem man ausgerechnet den Hofkapellmeister Bach zum Kantor gemacht hatte – einen Mann, der in seinen Ansprüchen an Professionalität bekanntlich kompromisslos war. Der Konflikt war vorprogrammiert.

Unhaltbare Zustände

Natürlich gingen der Reform unhaltbare Zustände voraus, die von den Lehrern der unteren Klassen in drastischen Worten angeprangert wurden. Die „Alumni“ drangsalierten nicht nur die kleineren Schüler, sondern auch deren Lehrer durch ein Gebaren, das heutigen Problemschülern in nichts nachsteht: lautes Türenschlagen, unflätiges Herumlungern, vermummtes Auftreten, respektlose Reden und Untaten bis hin zum Beschmieren des Ofens im unteren Schulraum mit Unflat. Da sich gerade auch die privilegierten Sänger des „Chorus musicus“ zu derlei Primaner-Terrorismus hinreißen ließen, stand die Musik an der Thomasschule automatisch im Kreuzfeuer der Kritik. Fazit: Wenn man bevorzugt Schüler mit Stimme, aber ohne Manieren aufnimmt, kennt die Arroganz der Musiker bald keine Grenzen mehr. Dem ist Einhalt zu gebieten. Basta! Dass die leidenden Lehrer im unteren Klassenzimmer auch noch die munteren Mäuse und Ratten der Thomasschule und das Gepolter der Schulgespenster als Argumente für ihre tägliche Drangsal anführten, hätte dem Rat der Stadt eigentlich zu denken geben müssen. Einige Stadträte erinnerten mit Nachdruck daran, dass gerade die Musik seit Jahrhunderten das „Alleinstellungsmerkmal“ der Thomaner war, ein Aushängeschild der Stadt und eine der größten Einnahmequellen der Schule. Doch es half nichts: Wo eine neue Pädagogik die Köpfe lenkt, gibt es keine Tabus.

Ouvertüre zum Kirchenjahr

All dies schwelte in Bach, als er am 28. November 1723 in Leipzig die prachtvolle französische Ouvertüre dirigierte, mit der seine früheste Adventskantate anhebt. Schon mit dem Eingangschor zeigte er seinen Kritikern, wer der Herr im Hause Gottes war: „Nun komm der Heiden Heiland“. Wie sollte man den Menschensohn im Advent angemessen begrüßen, wenn nicht durch eine so prachtvolle Musik, ausgeführt von den Stadtmusikern und den gut ausgebildeten „Alumni“ der Thomasschule? Sie mochten dabei so arrogant sein, wie sie wollten. Neun Jahre zuvor hatte er dieses Werk in der Schlosskapelle zu Weimar mit den dortigen Hofmusikern uraufgeführt, einem Eliteensemble von Profis, die im Deckengewölbe der Weimarer Schlosskapelle exquisit musizierten. Der Heiland stieg damals buchstäblich aus dem Himmelsgewölbe auf die Erde herab und senkte durch Bachs Musik seinen Segen auf „Kanzel und Altar“. Dies wiederholte sich nun von der Westempore der Thomaskirche herunter. Um das Eintreten des Himmelskönigs in die Welt zu illustrieren, eröffnete Bach die Kantate mit den feierlichen punktierten Rhythmen einer französischen Ouvertüre – jene Rhythmen, mit denen einst Lully zu Beginn seiner Opern den Sonnenkönig begrüßt hatte. Zugleich war es die angemessene Ouvertüre für das neue Kirchenjahr, das am ersten Advent beginnt. Mitten hinein in diese höfische Musik par excellence intonieren die vier Chorstimmen nacheinander die erste Choralzeile „Nun komm der Heiden Heiland“. Im schreitenden Duktus der Musik kündigt sich das Kommen des Erlösers an – Advent! In der zweiten Zeile vereinen sich alle vier Chorstimmen und singen „Der Jungfrauen Kind erkannt“ im vollen Brustton des göttlichen Wunders. Die dritte Zeile nutzte Bach für den schnellen Mittelteil der Ouvertüre: „Des sich freue alle Welt“. Die Menschenstimmen swingen im Dreiertakt eines freudigen Fugato. Gebieterisch kehrt am Ende der punktierte Rhythmus zurück, wenn von Gottvater die Rede ist: „Gott solch Geburt ihm bestellt“. Gott regiert mit seinem Sohn, auch über die Geschicke der Thomasschule! So die Botschaft dieser betont höfischen und majestätischen Musik.

Jesus klopft an

Zwei Paare aus Rezitativen und Arien folgen auf den Eingangschor – wie in den allermeisten Bachkantaten. In beiden Satzpaaren sparte Bach nicht mit tonmalerischen Details, um die Ankunft des Heilands im Advent zu illustrieren. „Du kommst und lässt dein Licht mit vollem Segen scheinen“ wird vom Tenor im Arioso zu leuchtenden Cellolinien ausgemalt. Im schwingenden 9/8-Takt zeichnen die Streicher ein liebliches Bild: wie sich der Segen des Herrn aus der Höhe der Empore auf Kanzel und Altar herabsenkt. Dazu singt der Tenor „Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche“. Endlich erscheint der Gottessohn in Gestalt des Bassisten, wie immer bei Bach, aber er kommt nicht in Saus und Braus, sondern ganz leise. Im Pizzicato der Streicher klopft er an die Tür: „Siehe, siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Da Bach am ersten Advent nicht nur eine „Hauptmusik“ vor der Predigt, sondern auch eine Kantate „sub communione“ dirigierte, also zur Austeilung der Kommunion an mehrere Hundert Gläubige, hat der Hinweis auf das Abendmahl hier seinen besonderen Sinn. Die Tür, die sich Jesu auftun soll, ist nicht nur die Pforte der Kirche, sondern auch die Herzenspforte: Der Mensch soll im Advent dem kommenden Erlöser vor allem sein Herz öffnen. Dies tut der Sopran in einer schlichten, schönen Arie mit Cellobegleitung: „Öffne dich, mein ganzes Herze, Jesus kömmt und ziehet ein.“ Es ist nicht bekannt, welcher Alumne der Thomasschule diese Arie am ersten Advent 1723 sang, ob er ein frommer Schüler oder ein aufgeblasener Pennäler war. In diesem Moment aber sang er mit der vollen Inbrunst des gläubigen Herzens und im Bewusstsein, damit zugleich für die Zukunft der Musik an der Thomasschule zu werben.

Karl Böhmer

Zum Hören:

Bachs Kantate BWV 61 mit der Niederländischen Bachvereinigung unter Jos van Veldhoven:

https://www.youtube.com/watch?v=MzWJsRjanC4