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Das Hofburgtheater in Wien, wenige Jahre, bevor es dem neuen Flügel der Hofburg weichen musste, gemalt von Gustav Klimt. Hier spielte Mozart am 22.12.1785 sein Es-Dur-Klavierkonzert KV 482.

Adventskalender 13.12.2021

Am Montag nach dem dritten Advent 1785 trug Mozart eine neue Violinsonate in sein Werkverzeichnis ein, gefolgt von einem neuen Klavierkonzert. Ein Wiener Advent in Es-Dur.

Advent in Es-Dur, Mozart im Dezember 1785

von Karl Böhmer

Am Montag nach dem dritten Advent 1785, dem 12. Dezember, trug Mozart eine neue Sonate in sein eigenhändiges Werkverzeichnis ein: „Eine Klavier Sonata mit Begleitung einer Violin“. Die Sonate KV 481 zählt seltsamerweise nicht zu seinen beliebten Violinsonaten, obwohl sie schon durch die pathetische Tonart Es-Dur ausgezeichnet ist. In jenem Advent herrschte in Mozarts innerem Tonartenplan gleichsam ein Übermaß an Es-Dur, denn auch für das nächste Werk wählte er die feierliche und prachtvolle Tonart mit den drei B: für das Klavierkonzert KV 482, vollendet am 16. Dezember. Das Jahr 1785 schloss für Mozart in Es-Dur. Woran das lag, soll im heutigen Kalenderblatt erkundet werden.

Zwangspause im Figaro

Eigentlich hatte Mozart für das Spätjahr 1785 ganz andere Pläne: Le nozze di Figaro, seine erste Wiener Opera buffa, sollte längst für die Uraufführung einstudiert werden. Ende September hatte er seinem Vater zum ersten Mal von der neuen Oper berichtet, im November schrieb er mit Hochdruck am zweiten Akt. Doch dann kam die Arbeit ins Stocken. Die letzten beiden Akte wurden erst im Frühjahr 1786 komponiert. Schuld daran war die Sängerin Nancy Storace. Die viel bewunderte „prima buffa“ der Wiener Hofoper hatte am 1. Juni 1785 ihre Stimme verloren und erst im September halbwegs wieder erlangt. Dies war für Mozart das Signal, endlich mit der Komposition des Figaro zu beginnen. Mitte November aber bat sie plötzlich um Lösung ihres Vertrags wegen anhaltender Stimmprobleme. Zwangsläufig musste die Arbeit an der Oper ruhen, bis geklärt war, ob sie weiter in Wien bleiben würde. Ohne Storace keine Susanna! Nicht zufällig durchziehen Echos des halbfertigen Figaro die beiden neuen Werke vom Advent 1785. Es-Dur war die Tonart der ersten Cherubino-Arie und des grandiosen Finales zum zweiten Akt. Diese beiden Meisterstücke hatte Mozart schon im Herbst 1785 vollendet. Sie hallen in den beiden Es-Dur-Werken des Advents nach. (Die Es-Dur-Cavatina der Gräfin schrieb er offenbar erst im Frühjahr 1786.)

Adventssonate

Mozart musste schnell reagieren, um die erhofften Einnahmen durch die Oper zu kompensieren: Er schrieb eilig die neue Violinsonate für den Verleger Hoffmeister, der ihm dafür sofort ein Honorar zahlte. Und er komponierte ein neues Klavierkonzert für drei Adventskonzerte, die er aus dem Boden stampfte. Dies erfuhr seine Schwester Nannerl in einem Brief des Vaters: „Dein Bruder schrieb mir daß er in Eÿle 3 SubscriptionsAccademien gegeben von 120 Subscribenten; – daß er ein neues Clavierconcert ex Eb dazu gemacht, wo er (das etwas seltsammes ist) das Andante repetieren musste; und daß er mir mit dem Postwagen eine neue Clavier Sonate schicken werde.“ Bei der Sonate handelte es sich just um die neue Violinsonate, die nach damaligem Verständnis eine Klaviersonate „mit Begleitung der Violine“ war. Tatsächlich hat Mozart in diesem Werk alle Hauptthemen dem Klavier anvertraut und von der Violine nur wiederholen lassen, was die geringe Popularität bei den Geigern erklären mag. Gerade diese Violinsonate ist aber ein Beleg dafür, dass besonders einfache Anfänge bei ihm oft besonders kunstvolle Sätze nach sich ziehen. 

Drei scheinbar einfache Sätze

Das Klavier eröffnet die Violinsonate KV 481 mit einem veritablen Volkstanz im schnellen Dreiertakt. Schon die erste Phrase freilich wird empfindsam über die üblichen vier Takte hinaus gedehnt. Darauf folgen noch zwei weitere gesangliche Klavierthemen, die durch zwei ruppige Überleitungen voneinander getrennt werden. Die erste dieser Überleitungen hat Mozart in der Reprise ausgespart und erst in der Coda wiederholt. Dort griff er auch ein neues Thema auf, das in der Durchführung plötzlich von der Violine angestimmt wird. Es sind die berühmten vier langen Noten, mit denen er drei Jahre später das Finale seiner „Jupitersinfonie“ eröffnen sollte. In der Durchführung werden sie durch die Tonarten geführt und erst ganz am Ende des Allegro harmonisch und melodisch geschlossen. Die Romanze des Mittelsatzes ist an Einfachheit nicht zu übertreffen. Bei jeder Wiederholung freilich ziert der Pianist das simple Thema mit neuen Verzierungen aus. So offerierte Mozart den Käufern dieses Werkes ein Musterbuch an exemplarischen Klavier-Ornamenten. Wie üblich wird die Romanze von zwei Couplets unterbrochen. Hier darf die Violine endlich lange Melodiebögen spielen und dringt dabei tief in die Regionen der Romantik vor, indem sie mehrfach die Grenze der „enharmonischen Verwechslung“ überschreitet, von den B- zu den Kreuztonarten und umgekehrt (Des wird zu Cis, As-Dur zu Gis-Dur etc.). Auch diese harmonische Demonstration hat etwas Mustergültiges, ganz so wie die Variationen, mit denen die Sonate schließt. Klavier und Violine spielen zusammen ein ganz einfaches Liedthema mit seufzenden Auftakten, den so genannten „suoni smorzati“. Es wird in sechs Variationen bis zum rauschenden Jagdfinale gesteigert. Als diese Sonate bei Mozarts Schwester Nannerl in Sankt Gilgen bei Salzburg eintraf, war es für die virtuose Pianistin ein Festtag. Vater Leopold in Salzburg ließ das Werk gleich von seinem Lieblingsschüler Heinrich Marchand spielen. Aus der Wiener Adventssonate wurde ein Salzburger Winterstück.

Melodienbescherung im Klavierkonzert

Die übergroße Festlichkeit des Es-Dur-Klavierkonzerts KV 482 verrät, dass Mozart mit diesem Prachtstück mehr im Sinn hatte, als es vor nur 120 Abonnenten in einem kleinen Wiener Konzertsaal zu spielen: Es war für das Weihnachtskonzert der Wiener Tonkünstler-Societät bestimmt. Bei diesem jährlich wiederkehrenden Großereignis wurde im Hofburgtheater ein Oratorium mit besonders großem Orchester aufgeführt, um Geld für die Witwen und Waisen verstorbener Musiker zu sammeln. Für den 22. Dezember 1785 ist der Titel des Oratoriums zwar nicht überliefert, sicher aber ist, dass Mozart zwischen den beiden Teilen ein Klavierkonzert spielte, offensichtlich KV 482. Es war sein erstes Klavierkonzert mit Klarinetten. Zusammen mit Flöte, Fagotten und Hörnern, Pauken, Trompeten und Streichern entfalteten die Gebrüder Stadler an den Klarinetten schon im Vorspiel einen so festlichen Orchesterlärm, wie ihn Mozart bis dahin im Klavierkonzert noch nicht gewagt hatte. Darauf ließ der Komponist am Hammerflügel eine Art freie Fantasie folgen. Mozart überließ sich minutenlang dem melodischen Strömen seiner Einfälle und griff nur in zwölf Takten das Hauptthema kurz auf. Offenbar wollte er den Wienern beweisen, dass seine Fantasie auch im zwölften seiner großen Klavierkonzerte noch unerschöpflich war – eine wahre Melodien-Bescherung zwei Tage vor Heiligabend. Dazu passte auch der besinnliche Mittelsatz: Variationen über ein feierliches c-Moll-Thema im Stil des großen Gluck. Dass die Wiener just diesen Satz Da Capo klatschten, bezeugt, mit wie viel Empfindung Mozart die ausdrucksvollen Verzierungen vortrug und die feinen Dialoge mit den Holzbläsern. Als Finale schrieb er ein veritables Jagdfinale, das zum festlichen Lärm des Kopfsatzes zurückkehrt. An zwei Stellen freilich wird der Galopp des Rondo-Themas durch ein empfindsames Andante unterbrochen. Über ein „zu wenig“ an Musik brauchten sich die Wiener in diesem Werk wahrlich nicht zu beschweren. Erfüllt von Mozarts Melodien durften sie am Ende wahrhaft beseelt dem Weihnachtsfest zustreben und hatten, ohne es zu ahnen, schon einige Vorgriffe auf Die Hochzeit des Figaro im Ohr. 

Zum Hören:

Mozart: Violinsonate Es-Dur, KV 481, Anne Sophie Mutter (Violine), Lambert Orkis (Klavier)

https://www.youtube.com/watch?v=YPhSOONUJ7w

Klavierkonzert Es-Dur, KV 482, mit dem jungen Pianisten Hannes Minnaar und der Südniederländischen Phlharmonie unter Kevin John Edusei im Concertgebouw Amsterdam (Juli 2017), Kadenz mit obligaten Bläsern

https://www.youtube.com/watch?v=IdZjvkKf3XA