News

Weihnachten zwischen korinthischen Säulen: die Kirche La Madeleine in Paris, wo Camille Saint-Saëns 1858 sein Oratorio de Noël zuerst aufführte (Foto: Wikimedia).

Adventskalender 14.12.2021

Kurz vor dem 100. Todestag von Camille Saint-Saëns widmet sich unser Kalenderblatt dem Weihnachtsoratorium, das er als blutjunger Organist in Paris geschrieben hat.

Saint-Saëns in Paris, Weihnachten 1858

von Karl Böhmer

Als der greise Camille Saint-Saëns am 16. Dezember 1921 in Algier starb, waren die Zeitläufte über seine Musik längst hinweg gegangen. Zuhause in Paris löckten schon die jungen Wilden der „Groupe des Six“ wider den Stachel der üppigen Romantik und der impressionistischen „Nebelschwaden“. Musikalische Prosa statt Poesie lautete die Devise der Stunde Null nach dem Großen Krieg. In den Pariser Kirchen aber war die Begeisterung für Saint-Saëns ungebrochen. Jedes Jahr von Neuem wurde sein Weihnachtsoratorium aufgeführt. In seinen rührenden pastoralen Tönen und seinem strengen liturgischen Duktus sprach es den gläubigen Franzosen aus der Seele. Als Saint-Saëns starb, war dieses Werk bereits sagenhafte 63 Jahre alt.

Organist an der Madeleine

22 Jahre jung und schon einer der größten Organisten der Welt: Der junge Pariser Camille Saint-Saëns wusste, was er wert war, als er im Advent 1857 bereits seine dritte Organistenstille in der Hauptstadt antrat: an der Église de la Madeleine. Es war die bei weitem bedeutendste. Der riesige Kirchenraum der Madeleine und die nicht minder eindrucksvolle Orgel von Cavaillé-Coll boten ungeahnte Möglichkeiten, von denen er alsbald so virtuosen Gebrauch machen sollte, dass halb Paris hinpilgerte, um ihn zu hören. Franz Liszt nannte Saint-Saëns kurz und bündig „den größten Organisten der Welt“.

Oratorio de Noël

1858, zu seinem zweiten Weihnachtsfest im neuen Amt, stellte er sein Oratorio de Noël vor, ein lateinisches Weihnachtsoratorium nach Worten der Heiligen Schrift in der Fassung der Vulgata. Es war die französische Antwort auf Händels englischen Messias und Bachs deutsches Weihnachtsoratorium, geschrieben von einem, der sich in der Barockmusik auskannte, aber zugleich der französischen Romantik ihre ganz eigene Stimme gab. Liturgisch gesehen, beschränkte er sich auf die Verse 8 bis 14 aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums, also die Verkündigung an die Hirten. Daran schloss der Komponist umfangreiche Betrachtungen auf biblische Texte aus dem Alten und Neuen Testament an, die er raffiniert staffelte: Von solistischen Arien weitet sich die Perspektive kontinuierlich über Duett, Terzett und Quartett bis hin zum Quintett mit Chor und dem folgenden Schlusschor. Mit seinen zehn Nummern und 40 Minuten Spieldauer ist es für die Epoche ein eher knappes Werk, zudem im Stil schlicht gehalten. Dennoch blieb der junge Komponist dem rührenden Sujet an Stimmungsmalerei nichts schuldig. 

Vorspiel im Stil von Bach

Unverkennbar handelt es sich um Musik eines Organisten, beschränkte sich Saint-Saëns im Orchester doch auf Streicher, solistische Orgel und die von ihm so geliebte Harfe. Das Orchestervorspiel wird von der Orgel mit einer Hirtenweise eröffnet. Saint-Saëns dachte sich dieses Präludium „dans le style de Séb. Bach“, im Stile von Bach. Im weich schwingenden Siciliano-Rhythmus spielte er auf die Sinfonia zum zweiten Teil des „Weihnachtsoratoriums“ an und suggerierte damit – wie Bach – das Bild der musizierenden Hirten auf dem Feld bei Bethlehem. Zur Schalmei der Orgel gesellt sich alsbald die ekstatische Engelsmusik der Streicher hinzu. Ein Konzert der Hirten und Engel entsteht. Unwillkürlich mischten sich dem Organisten Saint-Saëns auch andere Farben ins Bild: Anklänge an französische Drehleiermusik und Reminiszenzen an die „Noëls“, jene pastoralen Weihnachtsstücke, die französische Organisten in der Christmette zu improvisieren pflegen. Die Tradition der „Noëls“, der Arrangements von Weihnachtsliedern, hatte in Paris auch im öffentlichen Konzert eine viel längere Tradition als anderswo. Man denke an jene Noëls für Orchester, die alljährlich am ersten Weihnachtsfeiertag im Concert spirituel gespielt wurden – seit 1725! 

Der Engel erscheint den Hirten

Die Verse 2, 8-14 des Lukasevangeliums hat Saint-Saëns den vier Solisten wechselweise in den Mund gelegt – nicht einer ekstatischen Sopranistin wie Händel oder dem nüchternen Evangelisten wie Bach. Das Rezitativ des Franzosen wirkt archaischer als bei den protestantischen Barockmeistern, angelehnt an den Rezitationston der katholischen Liturgie und von der Orgel in lange ausgehaltenen Akkorden begleitet. Lediglich bei den Verkündigungsworten geht der Sopran in ein süßes Arioso mit obligater Orgel über, das seine höchste Emphase bei den Worten „Christus Dominus“ erreicht. Erst beim „Gloria in excelsis Deo“ setzen auch die Streicher ein. Dabei ließ Saint-Saëns seine Engel über Bethlehem nicht in barockem Überschwang jubilieren, wie es Bach und Händel taten, sondern im strengen Kirchenstil Palestrinas – so als würden die himmlischen Heerscharen vor dem Thron Gottes vom großen Palestrina höchst persönlich im Gesang unterrichtet.

Hirtengesänge zur Harfe

Dass alle Arien des Werkes im feierlich langsamen Duktus der Verkündigungsworte gehalten sind, erklärt sich schon aus der Akustik der Madeleine-Kirche: Im Nachhall der weiten Gewölben wäre jede schnelle, intrikate Musik unwillkürlich untergegangen. Den Reigen der feierlich schlichten Arien eröffnet der Mezzosopran in sanft schimmerndem E-Dur mit Solocello und Streichern („expectans expectavi Dominum“). Inbrünstiger und schon weit über Weihnachten hinaus weisend besingt der Tenor das Warten der Gläubigen auf den Erlöser („Domine, ego credidi“). Der Chor stimmt demütig in seinen Gesang ein. Erst die Orgelklänge des folgenden Duetts verwandeln das Kommen des Messias in eine pastorale Genremusik: „Benedictus qui venit in nomine Domini“. Über quasi hingetupften Akkorden der Orgel stimmen Sopran und Bass eine Art weihnachtlicher Barcarole an. Bei der Stelle „Deus meus“ gehen sie in innigen Choralgesang über. Der Kontrast zum folgenden Chorsatz könnte kaum größer sein: Das „Warum toben die Heiden?“ vertonte Saint-Saëns ganz im Stile Händels: als wuchtigen Aufruhr der Chorstimmen über einem kräftigen Unisono-Thema der Streicher. Umso rührender der feierliche Schluss dieses Satzes: Zu einem Mendelssohnschen Arioso der Streicher singt der Chor die Doxologie im schlichtesten Akkordsatz: “Gloria Patri, Gloria Filio, Gloria Spiritui Sancto". Hochromantisches Arpeggio der Harfe setzt im Terzett „Tecum principium“ ein. Von den neuen Möglichkeiten der Doppelpedalharfe machte Saint-Saëns so üppigen Gebrauch, dass ihn sein Freund Gabriel Fauré später in einer Zeichnung an der Harfe porträtierte. Für den Franzosen war die Harfe nicht nur das Instrument der Hirten in Bethlehem, sondern auch ein Symbol für König David, aus dessen Stamm der Heiland geboren wird – in der Stadt Davids.

Alleluja

Gegen Ende wird das Oratorio de Noël immer festlicher: Das „Alleluja“-Quartett kommt wie ein Weihnachtschoral im Dreiertakt daher. Seinen Höhepunkt erreicht das Oratorium in dem Quintett mit Chor „Consurge, Filia Sion“. Hier hat Saint-Saëns die Musik des Prélude wieder aufgegriffen. In die pseudo-Bachischen Harmonien der Hirtenmusik tönen nun die Solisten hinein: Im Wechselgesang zwischen Frauen- und Männerstimmen stimmen sie einen Hymnus an, kommentiert vom immer wiederkehrenden „Alleluja“ des Chores. Ein schlichtes Weihnachtslied im Choralsatz beschließt das Werk. Natürlich gebührt im Oratorio de Noël einem Noël das letzte Wort - so wie bei Bach dem Schlusschoral.

Zum Hören:

Camille Saint-Saëns, Oratorio de Noël, Solisten (Ruth Ziesak u.a.), Konzertchor Darmstadt, Deutsche Radio Pilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Leitung: Christoph Poppen (Saarbrücken 2008)

https://www.youtube.com/watch?v=Sr7WiMBYzAE