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Die Carnegie Hall in Downtown Manhattan anno 1895, im Advent 1893 Ort der berühmtesten Dvořák-Uraufführung (Foto: Wikipedia).

Adventskalender 15.12.2021

Am Freitag, 15. Dezember 1893, erlebte New York City die folgenreichste Vorpremiere seiner Geschichte: Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ erklang zum ersten Mal.

Dvořák in New York, 15. Dezember 1893

von Karl Böhmer

Vorpremiere in der Carnegie Hall

In dicken Lettern brachte der New York Herald den Aufmacher der Titelseite: „Große Sinfonie von Dr. Dvořák. Vorpremiere: Sinfonie Aus der Neuen Welt erklingt erstmals, dargeboten von den Philharmonikern – Wunderbare Schönheit – Erster Satz der tragischste, zweiter der schönste, dritter der lebensfrischeste – von indianischer Musik inspiriert – Direktor des National Music Conservatory bereichert die zeitgenössische Musik um ein Meisterwerk.“ Die „Vorpremiere“ war die öffentliche Generalprobe zu Dvořáks e-Moll-Sinfonie, dirigiert von Anton Seidl am Pult des New York Philharmonic Orchestra. Trotz strömenden Regens bildete sich schon gegen halb zwei Uhr Nachmittags eine Schlange vor der Carnegie Hall, die bis zur 57. Straße reichte. Noch am Morgen hatte der New York Herald mit einem Interview groß aufgemacht: „Dvořák über sein neues Werk, gestern Abend bei ihm zuhause in der East 17th Street Nr. 327“. So viel Medieninteresse, einen solchen „Hype“ um ein neues Werk aus seiner Feder, hatte Dvořák weder in Prag noch in Wien oder London jemals erlebt. Die Medienmetropole New York lief zur Hochform auf und produzierte einen Welterfolg, der alles überstrahlte, was eine Sinfonie bis dahin an Presse-Echo hatte einheimsen können. Dabei vermerkte die Zeitung schon für die Generalprobe: „Gestern fiel es besonders auf: Das Publikum bestand fast ausschließlich aus Vertreterinnen des schönen Geschlechts!“

Uraufführung mit Ovationen

Der Vorgang wiederholte sich rund um die eigentliche Uraufführung am 16. Dezember, zu der nun auch der Komponist selbst erscheinen durfte. Schon nach dem zweiten Satz wurden ihm Ovationen bereitet. Fast verlegen schrieb Dvořák an seinen Verleger Fritz Simrock: „Ich war in der Loge: der Saal war voll besetzt mit dem besten New Yorker Publikum, die Leute applaudierten so, dass ich mich von der Loge aus bedanken und wie ein König zeigen musste à la Mascagni in Wien (lachen Sie nicht!). Sie wissen, dass ich solchen Ovationen gerne ausweiche, aber ich musste es tun und mich zeigen! Seidl sagte, er werde Ihnen über den Erfolg telegrafieren. Es wird noch zwei Aufführungen geben, am 23. und 30. in Boston. Ich bin glücklich!“ Nicht nur die New Yorker, sondern auch die Musikfreunde in Boston durften den Jahreswechsel mit den Melodien von Dvořáks berühmtester Sinfonie im Ohr feiern.

Christmas at East 17th Street

Endlich konnte sich auch der Komponist selbst auf „Christmas in New York“ freuen – ganz anders als im Jahr zuvor. Bei seinem ersten Weihnachtsfest in der Neuen Welt hatte er vier seiner Kinder dermaßen vermisst, dass in der East 17th Street „eine gedrückte Stimmung“ herrschte. Sie hatten in Tschechien bleiben müssen, was der Vater einfach nicht verkraftete. Im Sommer 1893 hatte er sie über den Ozean bringen lassen, so dass er nun mit der ganzen Familie endlich „Merry Christmas“ feiern konnte, getragen vom grandiosen Erfolg seiner neuen Sinfonie. Doch Dvořák hatte schon wieder Neues im Sinn - Wichtigeres als seinen eigenen Ruhm: Er dachte an die bittere Kälte in New York und an die vielen Armen, die nichts zum Anziehen hatten. Nur einen Tag nach der Uraufführung der Sinfonie veröffentlichte der New York Herald einen offenen Brief des Meisters:

„17. Dez. 1893, An den Herausgeber des Herald

Sehr geehrter Herr,

der Weihnachtskleiderspendenaufruf des Herald ist die beste und praktischste Aktion zur Linderung der Not, die seit Beginn der furchtbaren Leidensperiode organisiert wurde. Sie gibt jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind dieser Stadt die Möglichkeit, etwas für die Bekleidung der Tausenden von Verzweifelten zu tun, die uns von allen Seiten um Hilfe bitten. Als Direktor des National Conservatory bin ich ermächtigt mitzuteilen, dass ich ein Konzert zugunsten der Wohlfahrtsaktion dirigieren werde. Der Madison Square Garden ist bereits für den 23. Januar reserviert, und ich werde mich glücklich schätzen, alles in meiner Macht stehende für den Erfolg des Konzertes zu tun.

Herzlich, Ihr Antonin Dvořák.“

Spirituals im Madison Square Garden

Als die wohlhabenden New Yorker im Januar diesem Aufruf zu Tausenden folgten, erwartete sie im Madison Square Garden eine handfeste Überraschung: Dvořák dirigierte das Orchester des Konservatoriums und einen Chor, der ausschließlich aus African-Americans bestand. Auch die Gesangssolisten waren fast durchweg Farbige wie der Bariton H. T. Burleigh oder die Sopranistin Sissieretta Jones, auch „Black Patti“ genannt. Voller Stolz leitete Dvořák dieses musikalische Integrationsprojekt zugunsten der Ärmsten der Armen und hatte dafür rührende Arrangements geschrieben, nämlich von den traditionellen amerikanischen Liedern des Stephen Collins Foster, die er über alles liebte. „Foster hatte jahrelang Negro Spirituals gesammelt, von ihnen ausgehend Lieder geschrieben und diese 1892 in Boston in einem Almanach veröffentlicht. Dvořák bekam diesen Almanach in die Hände und schuf von den besten der Lieder sehr feinfühlige Bearbeitungen für Soli, Chor und Orchester“ (Miroslav Ivanov). 

Indian Spirit

Zum zweiten Mal erlebten die New Yorker, dass ihr berühmter Gast aus Tschechien vehement für die Opfer des Amerikanischen Traums eintrat – ganz so wie in der Sinfonie Aus der Neuen Welt, die er den Indianern widmete. „Ich habe eine Vielzahl von Indianermelodien studiert, deren Eigenschaften, vor allem ihr Geist, mich ungemein angezogen haben. Diesen Geist habe ich in meiner neuen Sinfonie wiederzugeben versucht.“  Noch nie hatten die New Yorker vor einem Weihnachtsfest das Wort „Indianer“ so oft auf der Titelseite ihrer Zeitungen gelesen und im selben Atemzug das Wort „spirit“, „Geist“. Um der indianischen Kultur überhaupt so etwas wie „Geist“ zuzubilligen, musste schon ein Tscheche nach New York kommen und sich in die Melodien und Trommelrhythmen der Indianer verlieben. Wer weiß: Vielleicht konnten ja auch einige „Native Americans“ dank Dvořák 1893 ein schöneres Weihnachten feiern.

Zum Hören und Schauen: 

Dvořák: Sinfonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“, Tschechische Philharmonie unter ihrem legendären Dirigenten Václav Neumann:

https://www.youtube.com/watch?v=XvCjb9zci3c

„Nobody Knows Duh Trouble I See“ aus dem Stephen Foster Song Book, das Dvořák im Januar 1894 mit einem Chor aus African-Americans im Madison Square Garden dirigierte, um Geld für die Obdachlosen auf den Straßen New Yorks zu sammeln.

https://www.youtube.com/watch?v=bNoIc6vobDo&list=OLAK5uy_n216aHG3DsSB8ZliBF82dkfdNHgKDy5wo&index=18