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Der junge Franz Schubert, vor 1818 gemalt vom Oberösterreicher Josef Abel (1764-1818), Kunsthistorisches Museum Wien (Foto: Wikipedia).

Adventskalender 17.12.2021

Franz Schubert im Dezember 1820: Der Wiener Liederkomponist reißt die Idylle des Biedermeier auf und reflektiert über die Geheimnisse des Lebens in unerhörten Klängen und Gesängen. 

Schubert in Wien, 17. Dezember 1820

von Karl Böhmer

Was war eigentlich geschehen im Leben des Franz Schubert, um diese Stürme auszulösen? Auf den idyllischen 23. Psalm ließ er im Advent 1820 drei himmelstürmende Werke folgen, in denen himmlische Idyllen von Lebensstürmen aufgerissen werden: das Lied Im Walde nach Friedrich von Schlegel, Goethes Gesang der Geister über den Wassern für Männerchor und tiefe Streicher und den Quartettsatz c-Moll. Über den Anlass zu dieser Trias lässt sich nur spekulieren. Schubert selbst hat wie stets kein Wort darüber verloren.

Zauberspiel und Geisterklänge

War es der totale Misserfolg der Zauberharfe am Theater an der Wien, der ihn in eine Krise stürzte? Das „verunglückte Zauberspiel“ des Spätsommers war selbst durch Schuberts schöne Musik nicht zu retten gewesen, was sich rasch in ganz Wien und weit darüber hinaus herumsprach. Ließ ihn dieser Rückschlag neue Wege wählen, um in die Klänge des Geisterreichs einzudringen? Oder war es schlicht die Heirat seiner Jugendliebe Therese Grob am 21. November, die in ihm alte Wunden aufriss? Was hielt er von den visionären Worten des Musikkritikers Höhler, der im Dezember an die Dresdner Abendzeitung schrieb: „Der junge Komponist Schubert hat mehrere Lieder der besten Dichter (meistens von Goethe) in Musik gesetzt, welche das tiefste Studium, verbunden mit bewundernswürdiger Genialität beurkunden … [Sie] übertreffen an charakteristischer Wahrheit alles, was man im Liederfache aufzuweisen hat.“ Wollte Schubert diesen Weg der „charakteristischen Wahrheit“ nun vehement weiter vorantreiben? Oder wuchs einfach die Verzweiflung des Dreiundzwanzigjährigen an der Welt?

Der Geist der Welt

Im September 1820 vertraute Schubert seinem Tagebuch ein dreistrophiges Gedicht an, das wie ein Auftakt zu den stürmischen Werken des Dezembers wirkt: Der Geist der Welt. Es besingt den Wahn der Menschen aus der Perspektive des göttlichen Geistes – jenes Geistes, der auch durch die Werke des Dezembers weht, mal zauberisch und geheimnisvoll, mal voll wild aufschäumenden Lebens:

Laßt sie mir in ihrem Wahn,
Spricht der Geist der Welt,
Er ists, der im schwanken Kahn
So sie mir erhält.

Laßt sie rennen, jagen nur
Hin nach einem fernen Ziel,
Glauben viel, beweisen viel
Auf der dunkeln Spur.

Nicht ist wahr von alledem,
Doch ist’s kein Verlust;
Menschlich ist ihr Weltsystem,
Göttlich bin ich’s mir bewusst.

23. Psalm

Das harmloseste der vier Adventsstücke von 1820 war zugleich das einzige Auftragswerk der Serie: der 23. Psalm D 706 für Frauenchor und Klavier. Anna Frölich, die bekannte Sängerin und Pianistin, bat Schubert um einen Chorsatz als Prüfungsstück für ihre Gesangsklasse am Wiener Konservatorium. Ihre Schülerinnen sollten nicht nur als Solistinnen bestehen, sie sollten auch lernen, im Chor aufeinander zu hören und Schubertsche Harmonien treffsicher zu bewältigen. Dass der Komponist dafür den 23. Psalm auswählte, „Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln“, offenbart die für ihn so typische Annäherung an das Göttliche über Dichtung und Musik. Während ihm die Predigten der katholischen Pfarrer zu Wien und anderswo ein Greul waren, während er manchem Glaubensartikel im Credo distanziert gegenüberstand, hat Schubert die Suche nach dem Allerhöchsten in seiner Musik nie aufgegeben. Für ihn offenbarte sich Gott zuerst im Wehen des schöpferischen Geistes.

Im Walde

Windes Rauschen, Gottes Flügel
Tief in kühler Waldesnacht,
Wie der Held in Rosses Bügel
Schwingt sich des Gedankens Macht.

Mit diesen Worten beginnt das Schlegel-Lied Im Walde, D 708: zerrissene Phrasen der Singstimme, eingetaucht in einen stürmisch wogenden Klaviersatz, der ständig moduliert, ständig nach oben drängt und ständig die Fesseln der Konvention sprengt. Das Lied gipfelt in der Versen: „Schöpferischer Lüfte Wehen / Fühlt man durch die Seele gehen.“ Kaum begriffen seine Freunde, was sich da vor ihren Ohren ereignete, als dieses Lied an Weihnachten 1820 in geselliger Rund zum ersten Mal erklang.

Gesang der Geister über den Wassern 

Vom Widerspiel zwischen Wasser und Wind handelt Goethes Gesang der Geister über den Wassern, eines der großen metaphorischen Gedichte des Weimarer Klassikers: „Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.“ Wenige Tage vor Weihnachten 1820 skizzierte Schubert dieses gewaltige Gedicht in ebenso gewaltigen Tönen für achtstimmigen Männerchor und tiefe Streicher D 714 – nicht die erste Vertonung, die er von Goethes Gedicht anfertigte, aber die großartigste, vollendet erst im Februar 1821. Bratschen, Celli und Kontrabässe gehen mit einem geheimnisvollen Klanggrund im fatalistischen „Wanderrhythmus“ Schuberts voran. Darüber setzen Tenöre und Bässe so schemenhaft ein wie Geisterstimmen, die aus der Ferne ihren Gesang über das Wasser senden. Die Klippen, an denen sich später die Wasserwogen brechen, sind so gefährlich wie die Abgründe der Schubertschen Harmonien in diesem wahrhaft monumentalen Chorsatz, der doch mit so wenigen Mitteln auskommt. 

Quartettsatz c-Moll

„Für seinen Vater und die älteren Brüder war es ein vorzüglicher Genuss, mit ihm Quartetten zu spielen. Bei diesen spielte Franz immer Viola, sein Bruder Ignaz die zweite, Ferdinand die erste Violine, und der Papa Violoncello“. So berichteten Schuberts Freunde über das Familienquartett in Lichtenthal. Die Aussicht darauf, an Weihnachten mit Vater und Brüdern wieder einmal ungestört Streichquartett spielen zu können, hat Schubert wohl dazu animiert, nicht mit leeren Händen zu kommen: Im Advent 1820 begann er mit der Komposition eines neuen Streichquartetts. Schon elf Quartette aus seinen früheren Jahren lagen bei seiner Familie im Notenschrank, doch wollte er von diesen Jugendwerken anno 1820 nichts mehr wissen: Auch im Quartett wollte er neue Bahnen einschlagen. Der so genannte Quartettsatz c-Moll ist dafür das erschütternde Dokument – auch ein Dokument des Scheiterns. Denn hier stürmt und drängt alles so unerhört und so rücksichtlos, dass Schubert im Andante keine rechte Fortsetzung finden konnte und es nach 41 Takten abbrach. Den Faden dieses visionären Fragments hat er erst mit seinen großen Streichquartetten von 1824 und 1826 wieder aufgegriffen. Vorerst blieb der Schubert des hemmungslos aufgewühlten Streicherklangs ein Unikat: ein Tremolo-Sturm als Einstieg, ein klaustrophobisch um sich selbst kreisendes Hauptthema, das trotz des lyrischen Seitenthemas nie zur Ruhe kommt, und die Zerstörung der Idylle, die sich vor dem Hörer in singender Seligkeit ausbreitet, bis sie vom nächsten Tremolo hinweggefegt wird: aus diesen Bausteinen ist der seltsame Satz geformt, der sich so wild drängend in neue schöpferische Höhen aufschwingt wie Schuberts Schlegel-Lied. 

Zum Hören:

Schubert: Der 23. Psalm, Jugendchor Zürich, Leitung Michael Gohl (Wettbewerb Korea 2014)

https://www.youtube.com/watch?v=MMM1RusMuzU

Goethes Gesang der Geister über den Wassern in Schuberts Vertonung für achtstimmigen Männerchor, zwei Bratschen, zwei Celli und Kontrabass, gesungen vom Norske Solistkor und gespielt von der Oslo Camerata unter der Leitung von Grete Pedersen:

https://www.youtube.com/watch?v=nD5bswx-ENI

Das Schlegellied Im Walde, in der klassischen Aufnahme mit Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore:

https://www.youtube.com/watch?v=0sALuGY8yfw

Schuberts Quartettsatz c-Moll mit dem Abeo Quartet (Juilliard School of Music, New York):

https://www.youtube.com/watch?v=LBTIV-OSLdM