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Die Gemeinde der Leipziger Nikolaikirche hatte stets die Ehre der ersten Weihnachtskantate am Christfest (Foto: Wikipedia)

Adventskalender 19.12.2021

Trompetenschall und Weihnachtsjubel: Am vierten Advent geht es um Bachs erste Leipziger Weihnachtskantate und sein Magnificat mit den weihnachtlichen Einlagesätzen. 

Weihnachten In Leipzig: Bach probt für das Fest 1723

Gerade erst drei Wochen war sie alt, die neue Schulordnung der Thomasschule. Noch schwelte der Konflikt um die zukünftige Rolle der Musik an dem ehrwürdigen Institut, da versammelte der Thomaskantor alles um sich, was an guten Musikern verfügbar war. Den Leipzigern sollte am Christtag Hören und Sehen vergehen, so prächtig war die Weihnachtsmusik besetzt. Am vierten Advent begannen die Proben, und nur wenige befreundete Ratsherren und Schulkollegen waren als Zuhörer zugelassen.

Weihnachts-Spielplan

Die prunkvolle Weihnachtskantate war am Morgen des 25. Dezembers als „Hauptmusic“ in der Nikolaikirche aufzuführen und zur Vesper in der Thomaskirche zu wiederholen. Bach legte sie prachtvoller an als alles, was die Leipziger bis dato gehört hatten: „Christen, ätzet diesen Tag“, das größte Vokalwerk, das er in seiner Weimarer Zeit komponiert hatte, nun bearbeitet für Leipzig. Zur Probe mussten die Musiker auf der Westempore der Thomaskirche eng zusammenrücken. Im Orchester standen nicht nur drei, sondern vier Trompeter, angeführt vom Stadtpfeifer Gottfried Reiche. Nicht minder klangvoll das Quartett der Holzbläser: drei Oboen und Fagott mit dem erfahrenen Johann Caspar Gleditsch als Solo-Oboisten. Hinzu kamen der Paukenist, der Organist und ein Streichorchester, das Bach so reich besetzte wie nur möglich. Die Oboisten hatten ihre Blockflöten mitzubringen, denn neben der Hauptmusik hatte er für die Vesper in St. Thomas noch ein zweites Werk vorgesehen: sein großes Magnificat in Es. Er hatte es ein halbes Jahr zuvor für sein erstes Marienfest in Leipzig komponiert: Mariä Heimsuchung am 2. Juli. Nun wiederholte er das biblische Canticum, erweitert um vier Einlagesätze zum Weihnachtsfest. Nur bei der Vesper in der Thomaskirche war dieses Prachtstück zu hören. Damit wuchs das Pensum der Thomaner allein an diesem Nachmittag auf zwölf Chorsätze, fünf Arien und vier Duette an. Morgens in der Nikolaikirche fehlte zwar das Magnificat, dafür kamen Kyrie und Gloria einer lateinischen Messvertonung hinzu, die üblichen Weihnachtsmotetten und Choräle. Alle Musiker, ob Stadtpfeifer, Studenten oder Thomaner, mussten ihre Kräfte anspannen, um dieses Pensum zu bewältigen. Keiner wollte sich an Weihnachten eine Blöße geben, schon gar nicht vor den Verfechtern der „Reformpädagogik“ an der Thomasschule, denen die Pracht der Kirchenmusik ein Dorn im Auge war.

Christen, ätzet diesen Tag

Freunde des festlichen Bach, der glänzenden Trompeten in C-Dur und der vitalen Tanzrhythmen, kommen in seiner ersten Leipziger Weihnachtskantate voll auf ihre Kosten. Der Eingangschor ist ein veritables Menuett, das dreichörig auf Oboen, Trompeten und Streicher verteilt wird. Die jubelnde Melodie verdrängt sogar im Chor jeden Anflug von Fuge: „Christen, ätzet diesen Tag in Metall und Marmorsteine“. Mit andern Worten: Die Christen sollen die Geburt des Erlösers feiern, indem sie den Weihnachtstag in Metall- und Marmorplatten einätzen, zum ewigen Gedenken. DIe seltsame Metapher hängt auf verschlungenen Wegen mit einer Hallenser Festkantate zum Reformationsjubiläum 1717 zusammen.

Auf den Eingangstor folgen zwei Duette und keine Arie – ein Unikum in Bachs Kantatenschaffen. „Gott, du hast es wohl gefüget, was uns itzo widerfährt“ singen Sopran und Bass in den ekstatisch sich umschlingenden Linien ihres a-Moll-Duetts. Dem geht eines der ausdrucksvollsten Oboensoli voraus, die Bach jemals geschrieben hat. Im zweiten Duett antworten Alt, Tenor und Streicher in fröhlichem G-Dur. „Ruft und fleht den Himmel an, kommt, ihr Christen, kommt zum Reihen!“ Die Aufforderung zum Reigen lassen sich die Streicher nicht zwei Mal sagen und spielen ein jubelndes Allegro im Dreiertakt, das man einen Bachschen „Ohrwurm“ nennen könnte.  

Die drei Rezitative fügen zum Weihnachtsjubel theologische Bedeutung und Tiefe hinzu: „O selger Tag! O ungemeines Heute!“ singt der Alt im ersten Rezitativ zu feierlicher Streicherbegleitung. Im Bassrezitativ lassen Oboen und Streicher die „heißen Andachtsflammen brünstiglich“ zusammen schlagen. Es ist der Auftakt zum eigentlichen Höhepunkt der Kantate: dem Schlusschor. Eine prachtvollere Musik für Trompeten, Oboen und Streicher lässt sich schwerlich denken. Mitten hinein in dieses rauschende Konzertieren hat Bach jene Fuge geschrieben, die er im Eingangschor ausgespart hatte: „Höchster schau in Gnaden an“.

Magnificat mit Einlagesätzen

Wer Bachs Magnificat nur in der späteren D-Dur-Fassung mit Traversflöten, Oboen, Trompeten und Streichern kennt, wird in der Weihnachtsversion von 1723 so manche Überraschung erleben: Die Tonart ist Es-Dur mit den bei Bach raren Es-Trompeten. In den Chören fehlen noch die Traversflöten, die in der Altarie „Esurientes implebit bonis“ durch Blockflöten ersetzt sind. Der schöne Aufbau des Werkes in der Abfolge von jeweils einem Chor und zwei Solosätzen wird durch vier weihnachtliche Einlagesätze aufgebrochen. Sie waren Bachs besondere Weihnachtsgeschenke an die Leipziger zur Vesper in der Thomaskirche: Luthers Choral  „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ als kurze, schöne Motette, das deutsche „Freut euch und jubiliert“ als Quartett für die vier hohen Solisten, der lateinische Weihnachtsjubel „Gloria in excelsis Deo“ für Chor und Orchester und schließlich ein herrliches Duett für Sopran und Bass: „Virga Jesse floruit“. Wenn Bachs Thomaner am Ende auch noch das „Gloria“ und das „Sicut erat in principio“ glücklich überstanden hatten, durften sie sich endlich ein wenig Ruhe gönnen. Am nächsten Morgen um sieben Uhr hatten sie schon wieder in der Thomaskirche zu stehen und zu singen – die nächste Bachsche Weihnachtskantate.

Zum Hören und Schauen:

Weihnachtskantate „Christen, ätzet diesen Tag“, BWV 63

Niederländische Bachvereinigung unter der Leitung von Marcus Creed

https://www.youtube.com/watch?v=ugwRo3md1CM

Magnificat Es-Dur, BWV 243a mit den vier weihnachtlichen Einlagesätzen

Amsterdam Baroque Orchestra und Chorus, Leitung: Ton Koopman (Thomaskirche Leipzig, Bachfest 2003)

https://www.youtube.com/watch?v=3YHf3CtEi8E