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Die elegante Clara Wieck im Jahre 1838, Lithographie von Andreas Staub (Quelle: Wikipedia).

Adventskalender 2.12.2021

Clara Wieck im Trubel des vorweihnachtlichen Berlin anno 1839. Ihr geplanter Klavierabend in der Singakademie kam zwar nicht zustande, dafür aber musizierte sie mit dem Mainzer Cellovirtuosen Moritz Ganz.

Clara Schumann in Berlin, 2. Dezember 1839

von Karl Böhmer

Am 2. Dezember 1839, dem Montag nach dem ersten Advent, schrieb Robert Schumann einen nervösen Brief an seine Verlobte Clara Wieck. Sie weilte gerade in Berlin und bereitete zwei Adventssoireen für das preußische Publikum vor. Werke ihres Verlobten sollten dabei auch erklingen, doch welche? „Mit dem Programm zu Deinen Soireen überleg es also gut, mein Klärchen. Ist’s noch Zeit, und Du hast es noch nicht veröffentlicht, so mache es, wie ich Dir gestern schrieb: spiele die drei Sätze der Sonate in Deiner zweiten oder die in D-Dur in der ersten, oder wie es Dir Freude macht. Nur freundlich mußt Du am Clavier aussehen, wenn Du von mir spielst.“ Letzteres war leichter gesagt als getan. Clara, kaum 20 geworden, musste alleine fern von Leipzig zwei Programme für ein anspruchsvolles Hauptstadt-Publikum vorbereiten, mitten in der Hektik des vorweihnachtlichen Berlin.

„Schlechte Concertzeit“

Schon bald häuften sich die Schwierigkeiten: Clara fand keine freien Konzerttermine und ließ sich durch die Konkurrenz einschüchtern. Gerade erst hatten die Berliner Franz Liszt erlebt und immer noch Felix Mendelssohn im Ohr. Täglich wurden sie von Größen des Musiklebens verwöhnt und meldeten nun auch bei der jungen Virtuosin aus Leipzig ihre Wünsche an. Für Roberts Werke blieb da wenig Platz, wie sie am 3. Dezember nach Leipzig meldete: „Wegen Deiner Compositionen hab ich viel nachgedacht; die Sonate kann ich nicht spielen, als wenn ich die Soli’s dann weglasse; nun hat man mich aber allgemein aufgefordert, den Erlkönig und das von Scarlatti, auch das Ave Maria zu spielen, und so werde ich mich denn am Ende auf eine Novelette beschränken müssen, und habe die erste gewählt. Die ist am leichtesten faßlich, der schöne innige Gesang in der Mitte muß jeden ansprechen.“

Die große fis-Moll-Sonate war Roberts erste, Clara gewidmete Klaviersonate von 1835 – mehr als eine halbe Stunde anspruchsvollster Klaviermusik. Die Noveletten dagegen hatte er 1838 als intime Novitäten herausgebracht, „kleine Novellen“ als Pendants zur literarischen Gattung der knappen Erzählung. Die erste in F-Dur hätte sich wunderbar in die stimmungsvolle Advents-Soiree eingefügt, die Clara für den Saal der Singakademie unter den Linden plante: Schuberts „Erlkönig“ und „Ave Maria“ in Transkriptionen, dazu eine weihnachtliche Pastoralsonate von Domenico Scarlatti und die erste Novelette ihres Bräutigams Robert, die so schroff beginnt und sich danach so zart melodisch ausbreitet.

In den Musikbeispielen des heutigen Kalenderblatts wird dieses Programm rekonstruiert und die fis-Moll-Sonate hinzugefügt. Die Berliner haben dieses Adventskonzert freilich nie zu hören bekommen. Clara musste ihre Konzerte letztlich aufs neue Jahr vertagen: „Meine Soireen gebe ich – nicht“, schrieb sie am 5. Dezember resigniert an Robert. „Ich konnte durchaus keine Tage finden und habe sie bis Januar verschoben, es ist jetzt zu schlechte Concertzeit, denn die Leute haben nur Weihnachten im Sinn.“ Weihnachten als musikfeindliches Fest? Keineswegs, nur war die Jahreszeit für Klavierabende ungünstig. Betrachtet man Claras abendliche Verabredungen in Berlin, wird schnell deutlich, dass andere Konzertgenres die Adventszeit bestimmten: Oratorium, Oper, Sinfoniekonzert. Festliches, Großes, Prachtvolles. Letztlich ist es bis heute so geblieben – bis der Corona-Lockdown der vorweihnachtlichen Spielzeit im letzten Jahr ein jähes Ende setzte.

Adventsabende in Berlin

An musikalischer Ablenkung herrschte auch im Berlin des Jahres 1839 kein Mangel, gerade im Advent. Kaum war Clara in Berlin eingetroffen, häuften sich schon die abendlichen Einladungen, stets verbunden mit Musik: „Heute abend ist Eroica bei Moeser – ich will hingehen“ berichtete sie am 3. Dezember an Robert: „Morgen ist Iphigenie in Tauris, Donnerstag soll ich mit Mendelssohns in die Jahreszeiten in die Singakademie. Freitag müssen wir eine Probe mit anhören (ich aus Rücksicht wegen meiner Concerte) von einem Oratorium von einem jungen Mädchen, das schrecklich sein soll, bei dem aber die Vornehmsten Berlin’s mitwirken. Sonnabend ist Concert von Prume, Sonntag meines, Montag bin ich in Gesellschaft bei der Dirichlet und so geht es fort.“

Noch war Claras Konzert für den zweiten Advent fest eingeplant, doch bald schon zehrten die vielen Ablenkungen an ihren Nerven: „Gestern war ich in Iphigenia. Ich wünschte Du hörtest einmal eine Gluck’sche Oper hier – vielleicht trifft es sich, wenn Du hier bist. Die Musik ist ganz originell und sehr großartig, aber auf die Länge halt ich’s nicht aus. Eine Stunde solcher Musik verschafft mir großen Genuß, doch dann werde ich stumpf. Es ist zu wenig Abwechslung darin. Heute höre ich die Jahreszeiten, worauf ich mich sehr freue, doch fürchte ich mich auch wieder vor der Länge. Sie sollen 3 Stunden dauern, so stand’s in der Zeitung heute.“

Noch viel ärger erging es ihr in dem Oratorium des Berliner Wunderkindes: „Neulich hörten wir ein Oratorium von einem jungen Mädchen, von ihr selbst dirigirt; ich wollte Du hättest’s gehört, das war originell schlecht. Man wußte manchmal gar nicht, ob es Musik war. Solche Opfer muß nun der Künstler bringen, so Etwas anhören, ganz entzückt sein, der Mutter die Hände drücken, dem Vater viel Schönes sagen und … die Componistin zärtlich küssen, und das Alles aus Rücksicht! – Zuletzt muß man noch aus übergroßer Dankbarkeit Etwas spielen auf einem Klapperkasten.“ Wahrlich: die Berliner Adventsereignisse waren nichts für die zarte Seele und die feinen Ohren der genialen Musikerin aus Leipzig.

Kammermusik mit einem Mainzer Cellisten

Wie viel mehr genoss sie die Kammermusik im intimen Kreis, wo sie nach Herzenslust auftrumpfen konnte. Statt des geplanten Konzerts gönnte sie sich am zweiten Advent zwei Stunden Kammermusik mit dem Solocellisten der Berliner Hofkapelle Moritz Ganz. Der komponierende Solist, dessen g-Moll-Konzert zu den gewichtigsten Cellokonzerten der Romantik zählt, war 1806 in Mainz zur Welt gekommen und dort als Moises Salomon Ganz aufgewachsen. Aus dem Mainzer Theaterorchester wurde er 1827 für Berlin abgeworben und zum königlichen Kammermusikus ernannt. Mit seinen 33 Jahren stand er auf dem Zenit seiner Kunst und beflügelte Clara zu vollendetem Duomusizieren: „Heute Morgen hab ich Genuß gehabt durch den Moritz Ganz, mit dem ich viel musicirt. Wir haben das Duo von Chopin und Franchomme, eine Polonaise von Chopin und die A-Dur-Sonate von Beethoven gespielt, die ich – denke Dir – noch nicht gekannt. Das ist gewiß eine der Schönsten von Beethoven. Ich habe überhaupt schon Manches von Beethoven hier kennen gelernt, das ich nicht gekannt.“ Und so hatte sich der Berliner Adventsausflug für Clara Wieck am Ende doch noch gelohnt – wegen der Begegnung mit einer wunderschönen Beethovensonate und einem kongenialen Mainzer Cellisten.

Karl Böhmer

Clara Schumanns Berliner Advent in Tönen:

Schubert-Liszt: Ave Maria, Valentina Lisitsa, London 2012

https://www.youtube.com/watch?v=RCucnn-95nY

Domenico Scarlatti: Sonata pastorale C-Dur, K. 513, Elisabeth Kounalaki (Konservatorium Athen 2017)

https://www.youtube.com/watch?v=GCjSBzKnQHM

Schumann: Novelette Nr. 1 F-Dur, op. 21 Nr. 1, You Chih Hsu (Taiwan)

https://www.youtube.com/watch?v=QCqpUDNMO0g&list=RDaBz7i9gVa20&index=2

Schumann: Klaviersonate fis-Moll, op. 11, Maurizio Pollini

https://www.youtube.com/watch?v=2bKWRDsC02o

Beethoven: Cellosonate A-Dur, op. 69, Antonio Meneses, Cello, Maria Joao Pires

https://www.youtube.com/watch?v=xZtu43s1xNE