News

Der Frankfurter Saalbau in der Junghofstraße, wo Brahms kurz nach Weihnachten 1882 sein Klaviertrio Opus 87 zur Uraufführung brachte (Foto von 1890, Quelle: Wikipedia).

Adventskalender 21.12.2021

Weihnachten in Frankfurt anno 1882: Clara Schumann empfängt ihren alten Freund Brahms zu einer Kammermusik-Weihnacht mit Klaviertrio - zu hören im Weihnachtskonzert der Villa Musica.

Weihnachten in Frankfurt 1882

von Karl Böhmer

Im Dezember 1882 hatte Clara Schumann das seltene Vergnügen, ihren Freund Johannes Brahms zu Weihnachten in Frankfurt willkommen zu heißen. Die Mainmetropole war ihre Wahlheimat, seit sie zur Professorin an Dr. Hoch's Konservatorium berufen worden war und dort hochbegabte junge Pianistinnen unterrichtete. Entsprechend streng fiel ihr Urteil über das Klavierspiel des alten Freundes aus Wien aus, doch zuvor hatte das Schicksal den Beiden glückliche Weihnachtstage beschert.

Zwei Uraufführungen im Museumskonzert

Obwohl Brahms die Frankfurter Freundinnen von Clara Schumann nur schwer ertragen konnte, hatte er 1882 einen triftigen Grund, nach Frankfurt zu kommen: In der Museumsgesellschaft standen gleich zwei kammermusikalische Uraufführungen auf dem Plan. Während des Sommers hatte er in Bad Ischl im Salzkammergut zwei sehr gegensätzliche neue Kammermusikwerke vollendet: das disparate, mitunter düstere C-Dur-Klaviertrio Opus 87 und das lieblich pastorale F-Dur-Streichquintett Opus 88. Beide sollten am 29. Dezember 1882 im 5. Kam­mer­mu­sik­abend der Frank­fur­ter Mu­se­ums­ge­sell­schaft aus der Taufe gehoben werden. Dafür zeichnete der Frankfurter Geiger Hugo Heermann verantwortlich, 1844 in Heilbronn geboren und seit 1878 Clara Schumanns Kollege an Dr. Hoch’s Konservatorium in der Mainmetropole. Als Primarius im „Museums-Quartett“ prägte er über Jahre und Jahrzehnte die Kammermusikabende der Museumsgesellschaft, die im 1861 errichteten „Saalbau“ in der Junghofstraße stattfanden. Dies war der rechte Rahmen auch für beiden Brahms-Novitäten kurz nach Weihnachten 1882. Im F-Dur-Quintett leitete Heermann sein erweitertes Streichquartett. Im C-Dur-Trio saß der Komponist selbst am Flügel und lieferte sich mit Hugo Heermann an der Violine und Valentin Müller am Cello einen überaus lebhaften Dialog.

Kammermusik-Weihnacht bei Clara Schumann

Clara Schumann fieberte dem Ereignis wie dem Weihnachtsbesuch ihres Freundes regelrecht entgegen. Dabei hatte es ihr das Streichquintett nach dem ersten Durchspielen in vierhändiger Klavierfassung besonders angetan, wie sie in einem Brief an Brahms vom 17. Dezember gestand: „Lieber Johannes, könntest Du nicht die Stimmen zu dem herrlichen Quintett (ich bin ganz hingerissen davon schon nach dem à 4 mains) hierher schicken, damit Heermann und Kollegen sich dasselbe mal durchgingen und es dann spielten, wenn Du kommst? Und wie bin ich voll des Trios, das mich seit ein paar Tagen (seit ich es habe) nicht losläßt!“ Offenbar hatte Brahms ursprünglich nur an die Uraufführung des neuen Klaviertrios gedacht. Erst nach dem Durchspielen entschlossen sich „Heermann und Kollegen“ auch zur Uraufführung des Quintetts. Wie man lesen kann, war Clara auch vom C-Dur-Trio vor Weihnachten überaus angetan - noch.

Vom Weihnachtsfest selbst berichtet der Brahms-Biograph Siegfried Kross: „Dank Brahms’ anhaltend guter Stimmung, die ja nicht immer vorauszusetzen war, verliefen die Feiertage in der Familie Schumann harmonisch. Zwar wurde auch am Heiligen Abend und am 1. Feiertag an den neuen Kammermusik-Werken mit dem Heermann-Quartett geprobt, um deren erfolgreiche Uraufführung zu sichern, aber der Genuss an den neuen Stücken erhöhte nur die Festtagsfreude.“ (Siegfried Kross)

Ein strenges Urteil

Wie festlich müssen sich Musiker und Publikum gefühlt haben, als man am 29. Dezember zur doppelten Uraufführung schritt! Freilich: „Nach dem melodien- und harmonieseligen Quintett hatte es das Trio beim Publikum wie schon bei Frau Schumann schwerer.“ (Kross) Schon nach den weihnachtlichen Proben vertraute die große Pianistin ihrem Tagebuch massive Zweifel am C-Dur-Trio und herbe Kritik am Pianisten Brahms an: „Auch das Trio wur­de pro­biert, so sehr ich aber bei ein­zel­nem schwär­me, so habe ich vom Gan­zen kei­nen be­frie­di­gen­den Ein­druck, au­ßer vom An­dan­te, das wun­der­voll ist. Scha­de doch, daß er zu­wei­len nicht mehr feilt, flaue Stel­len he­raus­wirft. Lei­der nur spielt Brahms im­mer schreck­li­cher – es ist nichts mehr als ein Schla­gen, Sto­ßen, Grab­beln!“ Geht man in die Entstehungsgeschichte des C-Dur-Trios zurück, erscheint diese Kritik verständlich: Brahms’ Freunde hatten schon 1880 gegen den ersten Satz des Trios ihre Einwände erhoben.

Kla­vier­trio C-Dur, op. 87

Der Som­mer 1882 war der ers­te, den Brahms in Bad Ischl im lieb­li­chen Salz­kam­mer­gut ver­brach­te. Erst 1889 soll­te er sich ent­schlie­ßen, dort all­jähr­lich im Som­mer Sta­ti­on zu ma­chen. Sechs Jah­re frü­her war für ihn die At­mo­sphä­re des Kai­ser­bads mit sei­ner lieb­li­chen Land­schaft noch ganz neu und ent­zü­ckend, wie die bei­den wun­der­voll in­spi­rier­ten Kam­mer­mu­sik­wer­ke Opus 87 und 88 belegen. Lediglich der Kopf­satz des C-Dur-Tri­os war schon zwei Jahre älter. Ihn hat Brahms be­reits 1880 kom­po­niert, und zwar pa­ral­lel zum Kopf­satz ei­nes wei­te­ren Kla­vier­tri­os in Es-Dur, das sei­nen Freun­den viel bes­ser ge­fiel als das in C. Den­noch ver­nich­te­te er den Es-Dur-Satz und er­wei­ter­te den un­ge­lieb­ten C-Dur-Satz 1882 zum vier­sät­zi­gen Trio. Sei­ne Freun­de dank­ten es ihm nicht, wie die herbe Kritik von Clara Schumann verrät. Ge­gen­über dem „auto-hy­per­kri­ti­schen“ Brahms, wie ihn sein Freund The­o­dor Bill­roth nann­te, war der Vorwurf, nicht genug an einem Werk zu feilen, wahrhaft absurd. Andere Gründe müssen für die Abneigung von Clara Schumann verantwortlich gewesen sein - sicher vor allem das für die Klavierpädagogin kaum erträgliche Klavierspiel des Komponisten.

Brahms‘ Bi­o­graph Max Kal­beck deu­te­te das C-Dur-Trio in der blu­mi­gen Her­me­neu­tik der Ära fol­gen­der­ma­ßen: „Das dä­mo­ni­sche Ele­ment be­haup­tet sich in al­len vier Sät­zen des Tri­os; ne­ben der Licht- er­scheint manch­mal un­ver­mit­telt die Nacht­sei­te der mensch­li­chen Na­tur, zu­wei­len aber brei­tet sich eine aus bei­den ge­misch­te Däm­me­rung aus, wel­che die Zeit aus den An­geln he­ben und die Ge­gen­stän­de im Rau­me ver­tau­schen möch­te. Da­mit zie­len wir be­son­ders auf das un­heim­li­che c-Moll-Scher­zo ... Das An­dan­te mit Va­ri­a­ti­o­nen ver­dient der schöns­te und dank­bars­te Satz des Wer­kes ge­nannt zu wer­den.“

Wer nun Recht hatte, ob Clara Schumann oder Max Kalbeck, kann das Publikum der Villa Musica in Schloss Engers und Mainz selbst beurteilen: Der Pianist Oliver Triendl spielt das C-Dur-Trio von Brahms am zweiten Weihnachtsfeiertag im DIanasaal und zum Jahresschluss am 30.12. in der Villa Musica in Mainz. Von den Ufern des Mains kommt Brahms' Frankfurter Weihnachtstrio an den Rhein, um allen Zuhörerinnen und Zuhörern frohe Weihnachten zu wünschen.

Zum Hören und Schauen:

Brahms: Klaviertrio C-Dur, op. 87, gespielt vom Trio Gaon. Die Streicher des Münchner Klaviertrios, Jehye Lee und Samuel Lutzker, spielen das Trio mit dem Pianisten Oliver Triendl im Weihnachtskonzert der Villa Musica am 26.12. in Schloss Engers.

https://www.youtube.com/watch?v=r43rmTzIf50