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Der dreißigjährige Engelbert Humperdinck, Hauspianist von Alfred Krupp in der Villa Hügel anno 1885 (Foto: br).

Adventskalender 23.12.2021

Auf dem Bechstein-Flügel der Villa Hügel in Essen komponierte Engelbert Humperdinck seine Märchenoper Hänsel und Gretel, uraufgeführt am 23.12.1893.

Weihnachten in der Oper, 23.12.1893

Zu den Musikjubilaren des Jahres 2021 zählte auch Engelbert Humperdinck, der Schöpfer von Hänsel und Gretel, der am 27. September 1921 in Neustrelitz verstorben ist. Sein Leben und die Beziehung zwischen Weihnachten und der Oper veränderte sich für immer, als Richard Strauss am 23. Dezember 1893 im Weimarer Opernhaus den Taktstock hob und die Hornisten der Weimarer Hofkapelle die ersten, feierlichen Akkorde des Vorspiels zu seiner Märchenoper intonierten. Schon damals dürften die Musiker und ihr prominenter Dirigent geahnt haben, dass sie einen Welterfolg aus der Taufe hoben, obwohl sie die Dimensionen kaum absehen konnten. Diese unglaubliche Erfolgsgeschichte begann auf den Tasten eines Bechsteinflügels aus Essen.

Der Bechstein der Villa Hügel

Nach der Uraufführung und dem Erscheinen des gedruckten Materials beim Schott-Verlag in Mainz sandte Humperdinck einen Klavierauszug ausgerechnet an Margarethe Krupp in die Villa Hügel, begleitet von folgendem Brief: „Hochverehrte Frau, gestatten Sie mir, dass ich Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl in Erinnerung an die auf der Villa Hügel verlebten Tage einen Klavierauszug meiner Oper Hänsel und Gretel dediziere. Ich tue dies umso lieber, als das Werkchen, welches im Begriffe steht, sich auf den deutschen Bühnen einzubringen, ihrer Liebenswürdigkeit einen großen Teil seines Daseins verdankt. Einem Bechstein’schen Märchen entnommen, wurde es auf dem Ihnen wohlbekannten Flügel von Bechstein ausgeführt, der seit einigen Jahren mein unzertrennlicher Begleiter geworden ist. Ich darf darum annehmen, dass das Buch ein gewisses Anrecht darauf besitzt, Ihrer Hausbibliothek beigezählt zu werden und bitte sie daher, ihn als bescheidenes Zeichen meiner dankbaren Verehrung ein Plätzchen in derselben zu gönnen.“ 

Der besagte Bechstein-Flügel war während seiner Monate in der Villa Hügel anno 1885 Humperdincks tägliches Instrument, um darauf dem Firmensenior Alfred Krupp und dessen internationalen Gästen musikalische Kostproben zu kredenzen. Wann immer der Magnat wichtige Gäste empfing, hatte sein Hausmusiker aus seinem „Ecksalon“ herabzusteigen und „etwas vorzuklimpern, zu was ich Lust habe“, wie Humperdinck ironisch meinte. „Für diese enorm künstlerische Leistung habe ich schwelgerische Ätzung und Schlürfung, einen prächtigen Ecksalon mit schöner Aussicht ins Tal und famosen Bechsteinflügel.“ Letzteren schenkte die Familie nach dem Tod des Seniors dem ehemaligen Hauspianisten, so dass er auf eben auf diesem Instrument Hänsel und Gretel erfinden konnte.

Quadratur des Kreises

Dem Rheinländer Humperdinck mit seinem Herz für Kinder gelang die Quadratur des Kreises. Der Komponist aus Siegburg, Jahrgang 1854, erst Assistent Richard Wagners bei den Vorbereitungen zum Parsifal in Bayreuth, dann Hauspianist von Alfred Krupp in der Villa Hügel, wirkte schließlich als Lehrer an verschiedenen Konservatorien von Barcelona bis Köln. Zehn Jahre nach dem Tod seines Mentors Wagner schuf er „die“ deutsche Weihnachtsoper: ein Wagnersches Musikdrama über ein Kindermärchen, im Stile des Idols durchkomponiert und mit Leitmotiven ausgestattet, dabei aber so volkstümlich und kindgerecht in der Anlage, dass Große wie Kleine daraus den größten Genuss ziehen können. Wie sich hier Zitate aus echten Volksliedern mit neu komponierten Nummern „im Volkston“ ablösen, die dann erst nachträglich zu Volksliedern wurden, ist in der Geschichte der deutschen romantischen Oper einmalig. Das schönste Beispiel dafür ist der „Abendsegen“: Das Kindergebet vor dem Schlafengehen hüllte Humperdinck in eine Melodie von so großer Wärme und Schlichtheit, dass man die Nähe der Schutzengel förmlich zu spüren scheint. Nicht zufällig stellte Humperdinck gerade diese Melodie an den Beginn des Vorspiels, gespielt von vier Hörnern und zwei Fagotten. Die Streicher und die hohen Holzbläser treten leise hinzu, bis endlich auch die aufgeregtesten Kinder im Theater ganz still geworden sind.

Liederspiel nach Bechstein

Das scheinbar Naive dieser Töne ist natürlich höchst kunstvoll erdacht, hat aber seine Wurzeln tatsächlich in einem schlichten Genre: in einem weihnachtlichen Liederspiel für Kinder. Zu den Lieblingsideen der Romantiker gehörte das „Liederspiel“, das Erzählen einer Geschichte durch Lieder, Duette und andere Gesänge zur Klavierbegleitung, wie es Robert Schumann in seinem Spanischen Liederspiel vorgezeichnet hatte. Humperdincks Schwester Adelheid Wette hatte ein solches Märchen-Liederspiel als Überraschung für ihre Kinder zu Weihnachten entworfen, und zwar über das Märchen von Hänsel und Gretel, wie sie es in Ludwig Bechsteins Buch Deutsche Märchen fand. Ihr Bruder Engelbert setzte sich an seinen Bechsteinflügel und entwarf die Musik dazu. Das im Familienkreis aufgeführte Stück ging Beiden nicht mehr aus dem Kopf, bis sie beschlossen, daraus eine große Oper zu machen – eine Weihnachtsoper für die ganze Welt.

Weihnachten in der Oper

Bis 1893 gab es keine ausgesprochenen „Weihnachtsopern“, aus dem einfachen Grund, weil die Opernstagioni überall in Europa schlicht darüber hinweggingen. In Italien blieb der 26. Dezember bis ins späte 19. Jahrhundert der Beginn der Karnevalstagione, während die Herbstsaison spätestens Anfang Dezember endete. Die Londoner Saisons begannen erst im November, die deutschen Spielpläne waren ähnlich strukturiert. „Vorweihnachtsopern“? Fehlanzeige. Ernste Opern standen auf dem Programm. Wer wäre vor 1893 ausgerechnet in die Oper gegangen, um sich auf das Fest der Feste einstimmen zu lassen? Besinnlichkeit und Oper schlossen einander ebenso aus wie Familienfest und Oper. Dies alles änderte sich mit Hänsel und Gretel schlagartig. Heute strömen in den Tagen und Wochen vor Weihnachten Tausende in die Opernhäuser, um dieses Stück zu erleben – sofern die aktuellen Corona-Verordnungen die Aufführungen zulassen. Große wie kleine Opernfans, „kids from 9 to 95“, wie es so schön im „Christmas Song“ heißt, geraten in den Sog des Abendsegens, des Sandmanns und des Taumännchens und beklatschen das Ende der bösen Hexe. Die echten Kinder kommen mit ihren Eltern oder Großeltern, die großen Kinder kommen mit Freunden und Partnern, um sich im üppigen Wagnerschen Orchesterklang auf das Fest einstimmen zu lassen. 

Bübchens Weihnachtstraum

Es ist kein Geheimnis, dass Humperdinck für den Rest seines Lebens vergeblich versuchte, dem Welterfolg von Hänsel und Gretel etwas Vergleichbares an die Seite zu stellen. 1906 erinnerte er sich dabei an die Weihnachtszeit, die er nun mit einer neuen Idee musikalisch einkleiden wollte: Am 30. Dezember 1906 lauschten mehr als 4000 Berliner im Circus Busch der Uraufführung eines „Melodramatischen Krippenspiels“ mit dem Titel Bübchens Weihnachtstraum. Den Text hatte der Hamburger Erfolgsdichter Gustav Falke entworfen und dabei alle gängigen Weihnachtslieder einbezogen, von „Still Nacht“ bis „O du fröhliche“. Humperdinck setzte seine eigenen Nummern dazwischen: ein Wiegenlied für die Mutter des „Bübchens“ und vor allem die Musik zum eigentlichen Melodram. Die Musik zu diesem Abschnitt, die zugleich als Vorspiel dient, mag verdeutlichen, warum auch diesem Weihnachts-Kinderspiel des Komponisten kein dauerhafter Erfolg beschieden war. Stücke für Weihnachten zu schreiben, ist eben kein Kinderspiel.

Zum Hören:

Der Abendsegen aus Hänsel und Gretel, gesungen von Renée Fleming und fünf Sängerknaben des Mainzer Domchors, aufgezeichnet 2006 im Mainzer Dom. Die Leitung hat Trevor Pinnock.

https://www.youtube.com/watch?v=pDpK0WAPZbI

Das Vorspiel zu Bübchens Weihnachtstraum mit den Bamberger Symphonikern unter Karl Anton Rickenbacher:

https://www.youtube.com/watch?v=7L96FEfjylg