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Mendelssohn mit 21 Jahren in Rom, gemalt von Horace Vernet, dem Direktor der Französischen Akademie in der Villa Medici (Foto: Wikipedia).

Adventskalender 24.12.2021

Als Felix Mendelssohn 21 Jahre jung war, erlebte er sein einziges Weihnachtsfest in Rom – mitten im Konklave. Seine Antwort: eine Kantate über Luthers Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“.

Mendelssohn in Rom, 24. Dezember 1830

von Karl Böhmer

Da saß er nun, der 21 Jahre alte Berliner Protestant und geniale Musiker, mitten im päpstlichen Rom – ohne seine geliebte Familie, ohne Christbaum und ohne die vertrauten lutherischen Weihnachtschoräle. Wie gut, dass ihm Franz Hauser zum Abschied von Berlin ein Büchlein mit Luther-Chorälen geschenkt hatte. Es kam ihm nun von Statten: Er schrieb sich das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her" in sein Tagebuch und begann zu komponieren. Keine Kantate im Bachstil, sondern eher ein rauschendes Fest der Orchesterklänge rund um die vertraute Melodie. Ob sich der junge Deutsche doch von der italienischen Musik beeindrucken ließ, trotz der angeblich so schauerlichen Aufführungen in Roms Opernhäusern? Rossinis La donna del Lago konnte er ab 10. November im Teatro Valle hören, und Pacini, der ewig vergessene Konkurrent des jungen Verdi, probte am frisch renovierten Teatro Apollo schon seine neue Oper Il Corsaro nach Byron. Sollte da ausgerechnet Mendelssohn nicht neugierig geworden sein? Der Orchesterrausch der Ouvertüren und der großen Chöre von Rossini und Pacini ist an ihm nicht spurlos vorübergegaangen, wie der Eingangschor seiner Weihnachtskantate zeigt.

Aufführung in der Mainzer Stephanskirche

Als das ZDF 2015 sein Weihnachstkonzert in der Mainzer Stephanskirche aufzeichnete, mit Bundespräsident Joachim Gauck und Ministerpräsidentin Malu Dreyer in der ersten Reihe, da dirigierte Karl-Heinz Steffens die Deutsche Staatsphilharmonie und den Mainzer Domchor in einer mitreißenden Aufführung jener römischen Lutherkantate von Mendelssohn (wobei unser ehemaliger Freiwilliger im FSJ, Jascha Krams, als Domchorknabe in der ersten Reihe sang). Ob die Zuhörer und Zuhörerinnen damals ahnten, wie viel Kulturgeschichte sich in diesem einen Werk, musiziert vor den Chagall-Fenstern von Sankt Stephan, entfaltete? Eine hochromantische deutsche Musik über Luthers populärstes Weihnachtslied, komponiert vom berühmtesten aller jüdischen Komponisten, der doch getaufter Protestant war, mitten im katholischen Rom während des Konklave, als die Kardinäle nach einem neuen Papst suchten! Musste sich Mendelssohn dabei nicht vorkommen wie Luther selbst, der bekanntlich als Augustinermönch in Rom seine eigenen Erfahrungen mit der Kurie gesammelt hatte? Natürlich wandelte der junge Felix auf den römischen Pfaden des großen Reformators. Das war er schon seiner Familie schuldig. Ob er auch das Ghetto und die Synagoge besucht hat? Dass er das Los der Juden in der Ewigen Stadt wahrnahm, kann man seinen Briefen entnehmen. Wie sehr ihn aber die katholischen Gebräuche faszinierten oder abstießen, darüber geben seine römischen Reisebriefe nur unzureichend Auskunft. Die ironische Distanz des aufgeklärten Berliners zum „Aberglauben“ der Katholiken abgerechnet, wird noch genügend Faszinosum übrig geblieben sein. Denn von Katholizismus in seiner geballtesten Form bekam er während seiner römischen Monate weiß Gott genug zu sehen und zu hören.

Konklave an Weihnachten

Der junge Mendelssohn war, ohne dass er es hätte ahnen können, genau zum richtigen Zeitpunkt nach Rom gekommen. Er erlebte all jene Ereignisse mit, die anno 2005 auch die moderne Welt bewegten: der Tod des Papstes. das Konklave, die Papstwahl. Noch mehr weltbewegende Ereignisse hätte der junge Berliner in seine erste Romreise nicht hineinpacken können. Seine Ankunft an Allerheiligen nutzte er schon zum Erlebnis des typisch römischen Totengedenkens. 30 Tage später starb Papst Pius VIII Castiglioni. Am 14. Dezember trat das Konklave zusammen, das sich erst nach 54 Tagen, am Fest Mariä Lichtmess, auf einen Nachfolger einigen konnte: Papst Gregor XVI. aus der venezianischen Familie Cappellari. Mendelssohn wunderte sich nicht wenig über die Pasquinaden und Spottgedichte, die das lange Konklave begleiteten, ebenso über den Lärm der Bauarbeiter im Petersdom, die den Katafalk für den verstorbenen Papst just während der stillen Adventsmessen zusammenhämmerten. All dies hat der Mendelssohn-Biograph Larry Todd ausführlich geschildert. Ob sich Felix mit solch typisch römischen Kontrasten jemals anfreunden konnte? Im tiefsten Innern war er dem Chaos der Italiener weit mehr gewachsen als sein Bankier-Bruder Paul, der bei seiner eigenen, viel späteren Romreise an den Zuständen in der Ewigen Stadt fast verzweifelte. Man kann davon ausgehen, dass Felix auch die lärmende Adventsmusik der Zampognari, der Hirtenmusiker aus den Abruzzen vor den Madonelle Roms, leichter ertrug als der Franzose Stendhal, und dass ihm das römische Weihnachtsfest mit seinen wundervollen Krippen und der majestätischen Musik von Palestrina letztlich doch imponierte. Wäre sonst seine eigene, lutherische Weihnachtskantate so festlich ausgefallen? Auch das Übermaß an barocken Glaubensbildern in den Kirchen Roms hat im orgiastischen Anfang dieser Kantate ihren Niederschlag gefunden - scheint es doch so, als würden hier Heerscharen von Engeln aus dem Himmel im Sturzflug zur Krippe hinunterfliegen, just so, wie man es auf den römischen Deckenfresken eines Cortona, Pozzo oder Bacciccio sehen kann.

Papstwahl an Lichtmess

Noch drei weitere Überraschungen hielt das Schicksal für den jungen Mendelssohn in Rom bereit: Just am Fest Mariä Lichtmess wurde der neue Papst gewählt, einen Tag vor Felix' 22. Geburtstag, dem 3. Februar 1831. Damit brach schlagartig die orgiastische Festfreude des Karnevals über Rom herein, der während des langen Konlave nicht hatte beginnen dürfen. Felix feierte nach Herzenslust mit und war umso erschrockener, als er, von einem Ausritt zurückkehrend, plötzlich die Plätze Roms totenstill und verwaist antraf. Überall standen die Sbirren, die päpstliche Polizei: Die Wogen der Julirevolution in Paris hatten Italien erfasst, und der neue Papst verbarrikadierte seine Stadt. Als sich die Wogen geglättet hatten, konnten sich die Römer und mit ihnen ein junger deutscher Komponist auf das erste Osterfest unter dem neuen Papst freuen. Doch das ist eine andere Geschichte ...

Mit den Klängen der Kantate „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Felix Mendelssohn wünschen wir allen Leserinnen und Lesern dieses Adventskalenders Frohe Weihnachten, gesegnete Festtage und noch viel Freude an den Geschichten dieser Serie und an weihnachtlicher Musik.

Zum Hören und Schauen:

Felix Mendelssohn: Eingangschor der Kantate „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ mit dem Mainzer Domchor und der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens (ZDF Weihnachtskonzert 2015 in der Mainzer Stephanskirche):

https://www.youtube.com/watch?v=_xyZ9o7Z8Dk

Die gesamte Kantate mit den Pueri Cantores del Veneto, live mitgeschnitten in der Basilika San Fermo  in Verona, 20. Dezember 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=D2x7GprYppQ