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Ein barocker Potentat mit musischen Neigungen: Fürst Antoine I. Grimaldi, der Ahnherr der Regenten von Monaco, Gemälde von Hyacinthe Rigaud aus dem Jahre 1706 (Quelle: Wikipedia).

Adventskalender 3.12.2021

Monaco im Jahre 1718: Lange vor den Zeiten des Jetsets und der Boulevardpresse nimmt ein Musenfürst im Zwergenstaat ein Weihnachtskonzert seines Kapellmeisters Manfredini entgegen. 

Weihnachten in Monaco, 1718

von Karl Böhmer

Als ob sich die Geschichte ewig wiederholen sollte: Die Ehetragödie von Fürst Albert von Monaco und seiner Gattin Charlène, die sich derzeit vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt, erinnert fatal an ähnlich prekäre Verhältnisse, nicht nur zwischen Alberts Eltern, Fürst Rainier und Fürstin Gracia Patricia. Schon Alberts Urgroßvater Albert I. führte eine schwierige Ehe, und auch Antoine I., der Gründer der Dynastie und Jugendfreund des Sonnenkönigs, war nicht mit Eheglück gesegnet. Beide Fürsten aber unterscheiden sich vom heutigen Regenten durch ihre große Liebe zur Musik. Sie interessierten sich mehr für Kunst und Wissenschaften als für Jetset und Sport. Oder waren es auch damals schon ihre Frauen, die diese Interessen vorantrieben? An einem weihnachtlichen Kapitel aus der Musikgeschichte von Monaco sei diese Frage beantwortet: am Weihnachtskonzert von Manfredini aus dem Jahre 1718.

Eine französische Ehe

Fürst Antoine I. Grimaldi (1661-17341) war mit Marie de Lorraine aus dem Hause Guise verheiratet (1674-1724) – eine Ehe, die sein Jugendfreund Ludwig XIV. arrangiert hatte. Nachdem sie ihrem Gemahl sechs Töchter zur Welt gebracht hatte, von denen die resolute Marie Hyppolyte dereinst die Nachfolgerin ihres Vaters werden sollte, zog sich Fürstin Marie ins innere Exil zurück, wie so viele ihrer Nachfolgerinnen. Ihr Mann frönte derweil ungehindert seinen Leidenschaften, besonders während seiner langen Aufenthalte in Paris. Mindestens drei uneheliche Kinder waren das Ergebnis seiner Liaisons mit Tänzerinnen der Pariser Oper. In Paris förderte er auch so bedeutende Künstler wie den Komponisten François Couperin, den Maler Jean-Baptiste van Loo und den Architekten Robert de Cotte. Der kunstsinnige Mäzen in der Familie war eindeutig der Fürst selbst – was unter Albert I. um 1900 übrigens ganz anders war.

Weihnachtskonzert anno 1718

1718 nahm der Fürst von Monaco voller Freuden einen Band mit Streicherkonzerten entgegen, die ihm sein Hofkapellmeister Francesco Manfredini widmete. Rechtzeitig zu Weihnachten 1718 brachte der Geiger und Komponist aus der Toskana sein Opus 3 mit zwölf Concerti für Streicher heraus. Es schließt es mit einer „Pastorale per il Santissimo Natale“, einem Hirtenkonzert für die Heilige Nacht – heute ein Klassiker unter den „Weihnachtskonzerten“ des italienischen Barock, damals aber eine der ersten Nachahmungen von Corellis berühmtem „Concerto per la notte di Natale“. Auch Manfredinis Lehrer in Bologna, Giuseppe Torelli, hatte ein berühmtes „Weihnachtskonzert“ verfasst. Nun verpflanzte der Toskaner Manfredini diese Tradition aus Rom und Bologna nach Monaco.

Es war ein Ausflug nach Venedig 1711, der dem Fürsten Antoine die glänzende Idee eingab, den Italiener Manfredini als Kapellmeister nach Monaco zu holen. Der Musikersohn aus dem toskanischen Pistoia war in Bologna ausgebildet worden – von Torelli zum Geiger und von Perti zum profunden Komponisten. Als Streicher in der berühmten Kapelle von San Petronio hatte er die Bologneser Tradition des Concerto grosso studiert, die er nun nach Monaco mitbrachte, an einen Hof, der durch und durch französisch geprägt war. Sein Dienstherr war in Paris zur Welt gekommen und aufgewachsen, als Page am Hof des Sonnenkönigs, der Fürst Antoine ins Herz geschlossen hatte. Nur ungern ließ Louis XIV. seinen Freund Richtung Süden ziehen: „Adieu, Monsieur de Monaco, rechnen Sie auf meine Wertschätzung, meine Freundschaft und mein Vertrauen“ soll er ihm beim Abschied gesagt haben - Worte, denen Louis Taten folgen ließ. Denn im Spanischen Erbfolgekrieg hielt er seine Hand schützend über das kleine Fürstentum, das beinahe von dem italienischen Haus Savoyen annektiert worden wäre.

Endlich Frieden

Das Jahr 1714 hatte den Monegassen endlich Frieden beschert und der Familie Grimaldi eine sichere Zukunft im eigenen Territorium. Seitdem konnte man im kleinen Fürstentum an der Côte d’Azur Weihnachten wieder unbeschwert feiern. Dass sich diese Ruhe und das Fürstenhaus noch weitere 200 Jahre halten würden, konnte damals im zweitkleinsten Staat der Erde niemand ahnen.

Manfredinis Weihnachtskonzert könnte durchaus bereits zum Friedensfest des Jahres 1714 entstanden sein. Friedlicher und idyllischer könnte man die Heilige Nacht auf Streichinstrumenten nicht einläuten: Über lang ausgehaltenen Basstönen stimmen die Geigen zu Beginn ein Weihnachtslied an – ein italienisches, kein französisches. Unverkennbar griff Manfredini hier auf die gleiche Volksmusik der Hirtenmusikanten im Kirchenstaat zurück, die auch sein Lehrer Torelli und der große Corelli nachgeahmt hatten. Alljährlich im Advent suchten die „Zampognari“ aus den Abruzzen die Ewige Stadt Rom heim, so wie die Hirten vom Apennin die Stadt Bologna – stets zu zweit, auf Dudelsack (Zampogna) und Schalmei (Piffero) musizierend, stets vor Madonnenbildnissen und stets laut und fröhlich, als echte Freiluftmusik. Um diese rustikalen Klänge für die erlauchten Ohren fürstlicher Herrschaften herauszuputzen, übertrugen geigende Komponisten wie Manfredini oder Corelli den rauen Klang des Dudelsacks auf das edle Streichorchester. In seiner „Pastorale per il Santissimo Natale“ ließ Manfredini auf die Dudelsack-Klänge des ersten Satzes ein feierliches Largo in Moll folgen und ein heiteres Finale im Rhythmus eines Menuetts. Beschwingt durften die Monegassen nach der Christmette den Heimweg antreten, beflügelt von Hirtenklängen aus dem nahen Italien.

Zum Hören

Manfredinis „Pastorale per il Santissimo Natale“ aus dem Concertgebouw Amsterdam mit dem niederländischen Barockorchester „Musica Amphion“ unter Pieter-Jan Belder.

https://www.youtube.com/watch?v=rYnPmFdZuN4