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Felix Mendelssohn, gemalt von Theodor Hildebrandt, 1834 (Quelle: Wikipedia).

Adventskalender 4.12.2021

Jeden Samstag im Advent stehen Weihnachtslieder im Zentrum, heute zwei berühmte Melodien von Mendelssohn und Händel, die ursprünglich gar nicht für Weihnachten bestimmt waren.

Weihnachtslieder, die ursprünglich keine waren – 1747 und 1840

von Karl Böhmer

„Tochter Zion, freue dich“ und „Hark the herald Angels sing“ – zwei klassische Weihnachtslieder, die von ihren Komponisten gar nicht als solche gedacht waren. Erst lange nach ihrem Tod wurden die beiden berühmten Melodien von Händel und Mendelssohn mit weihnachtlichen Texten unterlegt. Händel schrieb seinen beschwingten Rigaudon für Chor und Orchester als Begrüßung des Helden Josua im gleichnamigen Oratorium: „See the conqu‘ring hero comes“. Mendelssohn erfand seine schöne Melodie ursprünglich für einen Festgesang zu den Gutenberg-Feierlichkeiten des Jahres 1840: „Vaterland in deinen Gauen“. Wie daraus zwei der beliebtesten Weihnachtslieder wurden, sei im Folgenden erzählt. Dabei überkreuzte sich der Kulturaustausch zweier Nationen: Aus einem unerträglich patriotischen Siegesgesang der Engländer von 1747 wurde ein friedliches deutsches Weihnachtslied. Aus einem unerträglich patriotischen Gesang auf das „deutsche Vaterland“ von 1840 wurde der englische Jubelgesang der Engel über die Krippe zu Bethlehem.

„Gutenberg-Festgesang“

Als die Deutschen anno 1840 beschlossen, den 400. Geburtstag von Johannes Gutenberg zu feiern – vollkommen willkürlich und ohne jeden Bezug zur Historie – durfte auch Felix Mendelssohn nicht untätig bleiben. Denn als Musikdirektor der Stadt Leipzig stand er im Epizentrum der deutschen Gutenberg-Begeisterung. Die Buch- und Messestadt in Sachsen schrieb sich den Erfinder des Buchdrucks aus dem Rheinland als Ahnherrn der Reformation auf die Fahnen. Just am Johannisfest, dem 24. Juni, ehrten die Leipziger den Nationalheros mit einer gigantischen Feier auf ihrem Marktplatz. Es ging darum, den Mainzer Gutenberg zum „Heiligen Johannes der Reformation“ hoch zu stilisieren, zum Herold, der den „Erlöser“ Luther angekündigt hatte. Im katholischen Mainz hätte man sich über derlei markige Kurzschlüsse deutscher Geschichte verständlicherweise gewundert. Schließlich war Johannes Gensfleisch zu Gutenberg dort lange vor der Reformation gut katholisch getauft worden und hatte in der Christophskirche als „Altgläubiger“ seine letzte Ruhe gefunden. Doch das störte in Leipzig Niemanden. Das Zentrum des deutschen Buchhandels sah im Erfinder des Buchdrucks den Befreier der Gedanken von der Knechtschaft des alten Glaubens. Sein Denkmal wurde enthüllt, und die Honoratioren von Stadt und Universität durften sich vom Gesang eines gewaltigen Männerchores aufgerichtet fühlen – von Mendelssohns Hymnus. Die „Fackel“ des deutschen Geistes, die einst Gutenberg entzündet habe, brannte im protestantischen Leipzig noch immer – genau dies suggerierten die Klänge des Festgesangs:

Vaterland in deinen Gauen / Brach der gold’ne Tag einst an, / Deutschland, deine Völker sah’n / Seinen Schimmer niederthauen. / Gutenberg, der deutsche Mann, / Zündete die Fackel an.

Leicht können jene Worte dem Enkel des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn nicht über die Lippen gekommen sein. Dass er überhaupt einwilligte, die Verse des Freiberger Gymnasiallehrers Adolf Prölss zu vertonen, hing mit seinem Bürgersinn zusammen. Als erster Kapellmeister der Stadt wollte er sich seiner Pflicht, beim Gutenberg-Jubiläum mitzuwirken, nicht entziehen. Außerdem wollte er die wundervolle Akustik des Leipziger Marktplatzes für einen wahrhaft monumentalen Klangeffekt nutzen: Sein Männerchor sang zur Begleitung von 16 Trompeten und 20 Posaunen, die zwischen Rathaus und Katharinenstraße mehrchörig widerhallten. Ironisch schrieb er nach der Aufführung an seine Mutter in Berlin, nicht einmal der dafür berüchtigte Berliner Hofkapellmeister Spontini habe einen so gewaltigen Klang zustande gebracht.

Weihnachtslied anno 1854

Kaum war der Jubel des Gutenbergfests verklungen, da suchte Mendelssohn schon nach einer Neuverwertung seines Festgesangs und dachte dabei an England. Seltsamerweise aber sperrte er sich gegen die Vorstellung, ihm einen geistlichen Text zu unterlegen: „Wenn man die richtigen Worte trifft, bin ich mir sicher, dass dieses Stück von Sängern wie Zuhörern sehr geschätzt werden wird, aber das wird niemals mit geistlichen Worten funktionieren. Es muss ein nationales und erhebendes Thema für den Text gefunden werden, etwas, das zur martialischen Bewegung des Stückes in Beziehung steht.“ So schrieb der Komponist 1843 (original auf Englisch) an den Verleger Buxton, um ihn zur Suche nach einem geeigneten Text zu animieren. 

Zu seinen Lebzeiten blieb diese Suche erfolglos. Erst sieben Jahre nach seinem Tod kam dem jungen Organisten William H. Cummings die Idee, das patriotische Marschlied mit dem Jubel der himmlischen Heerscharen zu verbinden. Es fiel ihm auf, dass Mendelssohns Melodie perfekt zu den Worten eines besonders populären Weihnachtslieds aus dem 18. Jahrhundert passte, das die Engländer bisher auf eine andere Weise sangen: Charles Wesleys „Hark! The herald Angels sing“. 1861 erschien erstmals ein englisches Gesangbuch, das Wesleys Text mit Mendelssohns Melodie abdruckte: Der Mythos „Hark! the herald Angels sing“ war geboren. Mendelssohn hätte daran sicher seine Freude gehabt, als Freund der Engländer und einer wohl gesitteten, überkonfessionellen Kirchenmusik:

Hark! the herald angels sing
Glory to the newborn King!
Peace on earth and mercy mild
God and sinners reconciled.
    Joyful, all ye nations rise
    Join the triumph of the skies.

Aus Mendelssohns marschartigem Anfang „Vaterland in deinen Gauen“ wurde der weihnachtliche Weckruf „Hark! The herald Angels sing“. Das martialisch repetierte hohe D auf den Namen „Gutenberg“ wurde in den Aufruf „Joyful all“ umgeschmolzen: „Joyfull, all ye nations rise“. Nun durften alle Nationen in den Jubelruf der Engel einstimmen, während sich anno 1840 auf dem Leipziger Marktplatz nur die Deutschen selbst feierten, wohlgemerkt: die protestantischen Deutschen. Bis heute finden sich alle Nationen in Mendelssohns kraftvoller Melodie wieder, die so wundervoll die Erscheinung der himmlischen Heerscharen in der Heiligen Nacht schildert.

Siegesruf für einen Schlachtenführer

Als der Duke of Cumberland, der Lieblingssohn von King George II, dem letzten großen Aufstand der Schotten im Jahre 1745 in der Schlacht bei Culloden ein blutiges Ende bereiteten, jubelten die Londoner, darunter auch George Frideric Handel. Der Komponist, der seit 1727 naturalisierter Engländer war, schwamm auf der Welle des Patriotismus und schrieb 1745 bis 1747 seine drei so genannten „Kriegsoratorien“ : das Occasional OratorioJudas Maccabaeus und Joshua. Alle drei Werke verherrlichen martialische Helden des Volkes Israel, die ihre Feinde im Triumph vernichten – eine unzweideutige Anspielung auf den Duke of Cumberland und das nationale Hochgefühl der Engländer. Der größte jener Helden war Josua. Er führte die Israeliten nach dem Tod des Moses ins gelobte Land, ließ mit Gottes Hilfe die Mauern von Jericho einstürzen und rief in der Entscheidungsschlacht gegen die Feinde den Herrn an, die Sonne über Gibeon stillstehen zu lassen. Alle diese Episoden verarbeitete Händel im Sommer 1747 zu seinem überaus wirkungsvollen, aber selten gespielten Oratorium Joshua. Bei der Uraufführung am 9. März 1748 im Covent Garden Theatre war es vor allem eine Melodie, die den Londonern nicht mehr aus dem Sinn kam: der Begrüßungschor des dankbaren Volkes zum Einzug des Siegers „See, the conq’ring hero comes“. Die martialischen Bilder des Textes hat Händel in die reizende Melodie eines Rigaudon gekleidet und im Marschtempo erst von den Hälften des Chores zu ganz leichter Instrumentierung singen lassen, bevor der prachtvolle Tutti-Klang einsetzt:

CHORUS OF YOUTHS
See, the conqu’ring hero comes!
Sound the trumpets, beat the drums.
Sports prepare, the laurel bring,
Songs of triumph to him sing.

CHORUS OF VIRGINS
See the godlike youth advance!
Breathe the flutes, and lead the dance;
Myrtle wreaths, and roses twine,
to deck the hero’s brow divine.

Kirchenlied aus Franken

Es dauerte beinahe 80 Jahre, bis aus diesem Begrüßungsmarsch für den Schlachtensieger Josua eine adventliche Begrüßung des Friedensfürsten Jesus wurde – fern von England, in Mittelfranken unweit von Nürnberg. Es war Friedrich Heinrich Ranke, ein progressiver evangelischer Theologe aus Thüringen, der dem Eroberer-Chor Händels den weitaus friedlicheren geistlichen Text unterlegte. In Wiehe an der Unstrut geboren, ging er zum Studium zunächst nach Jena und wurde dort zum Anhänger des „Turnvaters“ Jahn, des Philosophen Fichte und anderer Vordenker des 19. Jahrhunderts. Nach dem ersten Examen verschlug es ihn nach Franken, das seine Wahlheimat bis zum Lebensende blieb. Als Pfarrer im mittelfränkischen Rückersdorf bei Nürnberg richtete er sein Augenmerk auf das Eindeutschen englischer Liedvorlagen. Zunächst schuf er für das „Adeste fideles“ mit der berühmten Melodie des Engländers John Wade den deutschen Text „Herbei, o ihr Gläubigen“. Dann kam ihm der geniale Gedanke, Händels Jubelchor aus Joshua in ein Kirchenlied umzuwandeln:

Am Palmsonntage

Tochter Zion freue dich,
Jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kömmt zu dir
Ja, er kömmt, der Friede=Fürst,
Tochter Zion freue dich,
Jauchze laut, Jerusalem!

Hosianna, Davids Sohn!
Sey gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ew’ges Reich,
Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn!
Sey gesegnet deinem Volk!

Wie schon das Hosianna andeutet, war für Ranke der Palmsonntag der eigentliche Bestimmungstag dieses Liedes: Wie Josua vom befreiten Volk gefeiert wird, so jubelt Jerusalem dem Sohn Davids zu, der am Palmsonntag auf einem Esel reitend in die Stadt einzieht. Louise Reichardt, die älteste Tochter des bekannten Berliner Komponisten, druckte Rankes Text mit Händels Melodie 1826 in ihrer Sammlung „Christliche liebliche Lieder“ ab. Erst ganz allmählich wanderte das Lied in Gesangbüchern von der Karwoche in den Advent.

Zum Hören:

„Hark! the herald Angels sing“ als Mitmach-Event in St Paul’s Cathedrale:

https://www.youtube.com/watch?v=LDPwNPAV6tA

„See the conquering hero comes“ aus Joshua, Händels Chor von 1747 in der originalen Instrumentierung:

https://www.youtube.com/watch?v=bsecL9frQIg