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Die Westempore der Thomaskirche, auf der Bach seine Kantaten im Gottesdienst dirigierte, auch die Adventskantate BWV 62 (Quelle: Wikipedia).

Adventskalender 5.12.2021

Wie an jedem Adventssonntag geht es heute um eine Bachkantate: „Nun komm der Heiden Heiland“, BWV 62, Bachs Kantate zum zweiten Advent 1724 in der Thomaskirche.

Bach in Leipzig, 3. Dezember 1724

von Karl Böhmer

Wie stimmt man die Gläubigen auf Weihnachten ein, auf die Ankunft des Heilands auf Erden? Für Johann Sebastian Bach gab es auf diese Frage eine einfache Antwort: mit Luthers Choral „Nun komm der Heiden Heiland“. Als der Reformator anno 1524 den Aventshymnus des Hl. Ambrosius „Veni redemptor gentium“ in einen ebenso eingängigen wie knappen Choral verwandelte, schenkte er seinen Gemeinden genau jenes prägnante Adventslied, das die Lutheraner bis heute mit Inbrunst singen. Denn wie meinte schon Liselotte von der Pfalz, die katholische Schwägerin des Sonnenkönigs, die von ihrer Tante Sophie von Hannover protestantisch erzogen worden war? „Dr. Luther weiß ich’s recht Dank, hübsche Lieder gemacht zu haben; ich glaube, daß dies vielen Lust geben hat, lutherisch zu werden, denn das hat etwaß Lustigs, aber die Mystiken mit ihrer contemplation wären meine Sache gar nicht.“ Prägnanter als in diesen vier Zeilen lässt sich das Geheimnis des bevorstehenden Weihnachtsfestes nicht zusammenfassen: 

Nun komm, der Heiden Heiland, 
Der Jungfrauen Kind erkannt, 
Des sich wundert alle Welt: 
Gott solch Geburt ihm bestellt. 

Choralkantaten-Jahrgang

Nicht zufällig legte Bach allen drei Kantaten, die sich aus seinem Leipziger Adventsrepertoire erhalten haben, Luthers Choral zugrunde, und zwar jeweils in völlig verschiedenen Bearbeitungen. Nach der majestätischen französischen Ouvertüre, mit der er anno 1723 das Kirchenjahr eröffnet hatte, ließ er am 3. Dezember 1724 ein italienisches Concerto folgen. Luthers Choral wird zeilenweise in das lebhafte Konzertieren von zwei Oboen und Streichern im Vivaldi-Stil eingefügt. Gesungen vom Sopran in langen Notenwerten thront die Melodie über den lebhaften Unterstimmen und dem reichen, italienischen Orchestersatz.

In Bachs Kantorenwohnung konnten die Leipzigerinnen und Leipziger das gedruckte Textheft für diese Aufführung erwerben, ein regelrechtes „Libretto“. Als sie es an jenem 3. Dezember aufschlugen, lasen sie zu Beginn nicht mehr als die vier wohl vertrauten Choralzeilen. Wie der Herr Musikdirektor den Choral wohl dieses Mal ausdeuten würde? Seit Juni 1724 hatte sich Bach jede Woche ein anderes Kirchenlied vorgenommen und es in eine so genannte „Choralkantate“ verwandelt – mit der unveränderten ersten Choralstrophe als Eingangschor. Im Lauf der Serie hatten die Gemeinden in der Thomas- und Nikolaikirche schon alle Varianten der barocken Stilwelt miterleben dürfen, jeweils angewendet auf einen neuen Choral: eine französische Ouvertüre, eine Orchester-Chaconne, ein Violinkonzert, mehrere Doppelkonzerte für Flöte und Oboe, strenge Fugen, gewagte kontrapunktische Choralbearbeitungen und sogar leichte französische Tänze. Buchstäblich alle Stil- und Formvarianten seiner Zeit hatte Bach in seinen Choralkantaten auf die Eingangssätze angewendet. 

Doppelkonzert als Eingangschor

Nun also : „Es komm der Heiden Heiland“. Am 3. Dezember 1724 überraschte Bach die Gemeinde in der Thomaskirche mit einem Doppelkonzert in h-Moll für zwei Oboen und Streichern, das auf wunderbar vitale Weise das Kommen des Erlösers ankündigt. Alles in diesem Satz kreist um die erste Choralzeile: „Nun komm der Heiden Heiland“. Mit einem ansteckend rhythmischen Freudenmotiv gehen die Oboen voran. Die Streicher lassen dazu rauschende Sechzehntel erklingen – Sinnbild jenes Lichts, das Jesus in die Welt bringt. Darunter erklingt immer wieder als Fundament die erste Zeile der Choralmelodie, die zugleich ihre vierte Zeile ist. Ständig hatten die Leipziger also das „Nun komm der Heiden Heiland“ im Ohr, noch bevor der Chor einsetzte. In Bachs Autograph kann man sehen, wie sehr er am Orchestervorspiel gefeilt hat, während ihm der Chorsatz fast ohne Korrekturen aus der Feder floss. Die Imitationen eines vierstimmigen Chorsatzes niederzuschreiben, war für ihn nur eine Frage der Konzentration. Ein eingängiges italienisches Concerto zu schreiben, war dagegen eine Frage der „Inventio“, der melodischen Eingebung, an der Bach stets länger zu feilen hatte.

Tenorarie 

Auf das Choralkonzert zu Beginn folgt eine der schönsten Tenorarien, die Bach geschrieben hat: ein Tanzsatz für Orchester im heiteren G-Dur, ein „Passepied“, dessen Melodie der Sänger in schier endlos langen Koloraturen ausschmückt. Ein so schweres Stück war sicher nicht für einen siebzehnjährigen Tenor der Thomasschule bestimmt, sondern für einen Profi, wahrscheinlich für den Leipziger Tenor Carl Christian Vetter. Der Sohn des ehemaligen Organisten der Leipziger Nikolaikirche hatte unter Bachs Leitung zwei Jahre lang in der Köthener Hofkapelle gesungen, von August 1718 bis Juli 1720. Danach kehrte Vetter in seine Heimatstadt zurück. Als Bach im Mai 1723 sein Amt als neuer Musikdirektor antrat, muss sich Vetter auf seinen ehemaligen Hofkapellmeister gefreut haben. Wie eng die Beiden nun wieder zusammenarbeiteten, kann man daran ablesen, dass sie im Juli 1724 zusammen mit Anna Magdalena Bach zu einem Gastspiel nach Köthen zurückkehrten – wenige Monate vor der Uraufführung der Adventskantate BWV 62. Eines der Köthener Glanzstücke in Vetters Repertoire war die Eingangsjahre der fürstlichen Neujahrsmusik zum Jahr 1720, ein Lobpreis Gottes als „Sonne des Lebens“, womit gleichzeitig die fürstliche Sonne gemeint war:

Dich loben die lieblichen Strahlen der Sonne, / O Sonne des Lebens, die alles erfreut. / Dich rühmen die Menschen mit frohem Gemüthe, / O Höchster! der seine vollkommene Güte / In unserer Sonnen des Landes erneut.

Nicht zufällig stimmt dieser Text mit der Tenorarie aus BWV 62 im Metrum überein: Wie man an Bachs Partitur dieser Arie sehen kann, hat er sie nicht neu komponiert, sondern als makellose Reinschrift von einer Vorlage abgeschrieben. Der Stil entspricht seinen typischen Köthener Serenaden aus den Jahren 1718 bis 1722, man hat es also mit einer klassischen „Parodie“ zu tun. Bachs unbekannter Textdichter verwandelte die Strahlen der Sonne in das Erscheinen des höchsten Beherrschers. Die langen Koloraturen, die anno 1720 die Sonne über Köthen aufgehen ließen, verneigten sich nun vor dem Herrscher der Welt. Man kann sich leicht vorstellen, wie Bach diese Übernahme mit seinem Tenor Vetter abgestimmt hat. Vielleicht hatte sich der Sänger sogar gewünscht, dieses wunderbare Stück auch in Leipzig einmal singen zu können:

Bewundert, o Menschen, dies große Geheimnis, / Der höchste Beherrscher erscheinet der Welt. / Hier werden die Schätze des Himmels entdecket, / Hier wird uns ein göttliches Manna bestellt, / O Wunder! Die Keuschheit wird gar nicht beflecket.

Bassarie

Auch den zweiten Ariensolisten in seiner zweiten Leipziger Adventskantate hat Bach mit einer brillanten Arie ausgestattet: den Bassisten Johann Christoph Lipsius. Er war damals gerade als Student an die Leipziger Universität gekommen und entwickelte seine stimmlichen Fähigkeiten unter Bachs Leitung so glänzend, dass er 1727 als Hofmusiker nach Merseburg engagiert wurde. Für ihn hat Bach in der Kantate BWV 62 eine wahre Bravourarie geschrieben, „Streite, siege, starker Held“. Wie ein Händelscher Opernheld tritt der Bassist im Sturmlauf heroischer Koloraturen auf, während die Streicher unisono mit dem Bass unablässig ein martialisches Motiv wiederholen – ein wahres Glanzstück unter den Bassarien Bachs.

Danach überraschte der Thomaskantor die Gemeinde mit einem Vorgeschmack auf Weihnachten: In einem lieblichem Duett-Rezitativ führten zwei Knabenstimmen der Thomasschule die Gläubigen schon einmal an die Krippe – drei Wochen vor Heiligabend. Die letzte Strophe von Luthers Choral beschloss die Kantate im schlichten vierstimmigen Satz. Derart eingestimmt und erhoben, konnte die Gemeinde andächtig der einstündigen Predigt lauschen, die an jenem Sonntag vom Thomaspastor Christian Weise gehalten wurde. So mancher Zuhörer mag dabei noch die Melodien der Bachschen Kantate im Ohr gehabt haben.

Zum Hören:

Bachs Kantate „Nun komm der Heiden Heiland“, BWV 62 mit den Malaysia Bach Festival Singers and Orchestra in einer Online-Produktion, entstanden während des Lockdowns und unterlegt mit Bildern der Thomaskirche, wo diese Bachkantate am 3. Dezember 1724 zum ersten Mal erklungen ist:

https://www.youtube.com/watch?v=TMdk8CsIcLk