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Das Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg, Ort der Uraufführung von Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker.

Adventskalender 6.12.2021

Am 6. Dezember 1892 wurde in Sankt Petersburg Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker uraufgeführt. Die Deutschen feierten am selben Tag schon den vierten Advent.

Nikolaus am Vierten Advent, 6.12.1892

In Paris, London und Berlin zählte man bereits die Tage bis Weihnachten, an jenem vierten Advent des Jahres 1892, dem 18. Dezember. In Russland hingegen gingen nicht nur die Uhren anders, sondern auch der Kalender: Nach dem „Alten Stil“ des Julianischen Kalenders feierten die Russen am selben Sonntag gerade erst Nikolaus, und genau deshalb hatten die Kaiserlichen Bühnen in Sankt Petersburg auf diesen Tag eine doppelte Tschaikowsky-Uraufführung gelegt: vor der Pause das Ballett „Der Nussknacker“, nach der Pause den Operneinakter „Iolanta“. Vom heutigen Bekanntheitsgrad sollte man nicht zurückschließen: Das Ballett war ein Fiasko, die Oper ein Triumph. Wie es dazu kam, versteht man nur, wenn man die Geschichte vom Nussknacker kennt, wie sie E. T .A. Hoffmann erzählt hat. 

Nussknacker und Mausekönig

„Am vierundzwanzigsten Dezember durften die Kinder des Medizinalrats Stahlbaum den ganzen Tag über durchaus nicht in die Mittelstube hinein, viel weniger in das daran stoßende Prunkzimmer.“ Mit diesem Satz eröffnete E. T. A. Hoffmann seine Weihnachtserzählung „Nussknacker und Mausekönig“, veröffentlicht im Berlin des Jahres 1816. Die Erzählung belegt, wie früh sich in Deutschland all jene Weihnachtsbräuche eingebürgert hatten, die viele von uns noch aus ihrer Kindheit kennen: Die Kinder der Stahlbaums werden aus dem Weihnachtszimmer ausgesperrt und warten sehnsüchtig auf das Klingeln des Glöckchens, das sie zum hell erleuchteten Christbaum ruft und zu den Geschenken. Hoffmann schildert diese klassisch-deutsche Bescherung als Idylle mit Brüchen, da Maries seltsamer Patenonkel Drosselmeier eines seiner mechanischen Spielwerke als Geschenk mitbringt und Maries Bruder Fritz im Übermut den Nussknacker der Schwester beschädigt. Diese zwielichtigen Momente sind nur der Auftakt zu den fantastischen Ereignissen, die in der Heiligen Nacht über Marie Stahlbaum hereinbrechen: die Invasion der Mäuse unter dem widerwärtigen Mäusekönig, die heldenhafte Gegenwehr der Puppen und Zinnsoldaten unter Führung des Nussknackers, den Marie vor der Attacke der Mäuse rettet, indem sie ihren linken Pantoffel nach dem Mäusekönig wirft. In dem Moment bricht die Schlacht (vorerst) ab, und Marie erwacht mit einem stechenden Schmerz im Arm unter den verstreuten Puppen im Weihnachtszimmer. Scheinbar hatte sie nur im Schreck eine Glasscheibe der Vitrine mit dem Ellbogen durchstoßen und war blutend liegengeblieben. Keiner der Erwachsenen kann ihre Frage nach der bösen Mäusearmee verstehen – keiner außer Onkel Drosselmeier, der ihr den reparierten Nussknacker zurückbringt und so den zweiten Teil der Geschichte in Gang bringt.

Fiasko im Opernhaus

Wer sich und seiner Familie eine Freude machen will, sollte einmal diese wundervolle Geschichte im Advent laut vorlesen. Sie stellt heutige Fantasy-Romane spielend in den Schatten und belegt überdies, woher deren Autoren so manche ihrer Einfälle übernommen haben. Pjotr I. Tschaikowsky dagegen war alles andere als angetan, als ihm die Direktion der kaiserlichen Bühnen in Sankt Petersburg für die Saison 1892/93 den Auftrag zu einem Ballett über den Nussknacker-Stoff erteilte – in Kombination mit einer einaktigen Oper, deren Sujet sich der Komponist selbst aussuchen durfte. Tschaikowsky konnte sich nur langsam mit dem Ballettauftrag anfreunden: „Ich arbeite sehr hart und finde mich allmählich mit dem Stoff des Balletts ab“, schrieb er Anfang März 1891 an seinen Bruder – eineinhalb Jahre vor der Doppelpremiere, zusammen mit dem Operneinakter „Iolanta“. Während die neue Oper den Zaren und das Publikum begeisterte, stieß das Ballett auf kalte Ablehnung bei den Petersburgen. Man empfand die Geschichte als zu künstlich für ein Ballett – tanzende Spielsachen ohne menschliche Regungen, eine Groteske! Selbst Tschaikowsky teilte diese Meinung und meinte von seiner eigenen Ballettmusik sie sei „unendlich schwächer als Dornröschen – darüber habe ich nicht den geringsten Zweifel.“ Zahllose Choreographien haben seitdem bewiesen, wie bühnentauglich dieses Ballett sein kann. Der Welterfolg des „Nussknackers“ war trotz der Skepsis seines Schöpfers nicht aufzuhalten.

Ehrenrettung im Konzertsaal

An diesem Erfolg konnte Tschaikowsky zumindest auf einem Forum partizipieren: im Konzertsaal. Schon Mitte März 1892, neun Monate vor der Ballett-Premiere, dirigierte er seine Konzertsuite nach dem Ballett. Sie kam so gut an, dass die Petersburger fast jeden Satz gleich noch einmal hören wollten. Den Russen jener Epoche fiel es leichter, die Tänze des „Nussknackers“ im Konzertsaal zu genießen als dazu Hoffmanns weihnachtliche Puppen-Spukgeschichte in getanzter Form zu sehen.

Ouvertüre-Marsch-Zuckerfee

Auch den meisten heutigen Hörern dürfte die Suite weit eher vertraut sein als das gesamte Ballett, wie es ja auch beim „Feuervogel“, „Schwanensee“ oder vielen anderen Ballettpartituren der Fall ist. Schon die „Miniaturouvertüre“ ist bestens geeignet, Zuhörerinnen und Zuhörer gleich welchen Alters in Kinder zurück zu verwandeln. Der „Marsch unter dem Christbaum“ klingt unschuldiger als er ist: Unter der Führung des heldenhaften Nussknackers marschieren die Puppen und Zinnsoldaten in die Schlacht mit der grauenvollen Mäusearmee. Erst als er in Paris ein Ballett mit tanzenden Ratten gesehen hatte, fand Tschaikowsky für die Armee des Mäusekönigs die richtigen Töne. Darauf folgt das berühmte Divertissement aus dem zweiten Teil der Geschichte, das „Königreich der Süßigkeiten“: Exotische Getränke und Leckereien danken der kleinen Heldin der Geschichte für die Rettung des Nussknackers. Für den „Tanz der Zuckerfee“ hatte Tschaikowsky heimlich ein brandneues Instrument von Paris nach Russland bringen lassen: die Celesta. Der Klang der gläsernen Stäbe im Klaviergehäuse entzückte die Zuhörer sofort, und Tschaikowsky freute sich über den Coup, diese Sensation vor seinem ewigen Konkurrenten Rimsky-Korsakow präsentiert zu haben. 

Tanzende Getränke

Nationaltänze aus allen Herren Länder untermalen das Defilee der kulinarischen Köstlichkeiten: Bonbons aus Russland, Kaffee aus Arabien, Tee aus China und Rohrzucker aus den Tropen. Der Trepak, ein russischer Tanz, begleitet die süßen Bonbons aus der Heimat des Komponisten. Der „Arabische Tanz“ klingt so schwarz und träge wie ein arabischer Mokka: Erst erheben die Klarinetten ihre klagende Stimme, dann spielen die gedämpften Geigen eine traurige Melodie voller arabischer Ornamente. Der „Chinesische Tanz“ vertreibt die trübe Stimmung sofort, so belebend wie ein guter Tee aus dem Reich der Mitte. Ein trottendes Fagott, flirrende Flöten und gezupfte Streichersaiten sollen chinesisch klingen, beweisen aber, dass Tschaikowsky weit weniger klare Vorstellungen vom Klang Ostasiens hatte als seine französischen Kollegen oder auch Gustav Mahler. Der „Tanz der Rohrflöten“ ist die berühmteste Nummer des Divertissements, ein so raffinierter Klang aus drei großen Flöten, wie ihn nur Tschaikowsky erfinden konnte – so süß wie Marzipan, das zu diesen Klängen tanzend auf der Bühne erscheint. Die Suite endet mit dem „Blumenwalzer“, einem der unverwüstlichen Balletthits der Geschichte. Nach dem Hören dieser Musik steht einem schönen Nikolaustag und einem glücklichen Weihnachtsfest nichts mehr im Wege.

Hörtipp

Tschaikowskys Nussknackersuite Opus 71a mit dem RSO Stuttgart des SWR unter seinem langjährigen Chefdirigenten Sir Roger Norrington:

https://www.youtube.com/watch?v=gSUx6DB2nzE