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In den prachtvollen Räumen des Palazzo Ducale zu Mantua spielten die Hofmusiker des hessischen Landgrafen Philipp Vivaldis Concerti (Foto: Palazzo Ducale Mantova).

Adventskalender 7.12.2021

Zur Einstimmung auf die jährliche Villa Musica-Reihe Vivaldi im Advent ein Kalenderblatt über Vivaldi am 7. Dezember 1718 in Mantua - ein Maestro zwischen Opern und Concerti. 

Advent in Mantua, 7.12.1718

von Karl Böhmer

Der kaiserliche Statthalter von Mantua unterzeichnete die Quittung höchst persönlich: Am 7. Dezember 1718, dem zweiten Mittwoch im Advent, gingen 989 Lire an Antonio Vivaldi, „impresario delle opere“. Seit vier Jahren herrschte Philipp Landgraf von Hessen-Darmstadt als Stellvertreter Kaiser Karls VI. über die frühere Residenz der Gonzaga in Norditalien, die Stadt, in der einst Claudio Monteverdi Musikgeschichte geschrieben hatte. Der neue Regent war fest entschlossen, es seinen berühmten Vorgängern gleichzutun, und hatte den berühmtesten Musiker Italiens an seinen Hof geholt: Antonio Vivaldi. Als Opern-Impresario und Hofkapellmeister bezog der Venezianer ein wahrhaft fürstliches Gehalt. Zweieinhalb Jahre blieb er in Mantua, von Frühjahr 1718 bis Herbst 1720. Zur gleichen Zeit wirkte Bach als Hofkapellmeister am Köthener Hof in Anhalt, Händel beim zukünftigen Duke of Chandos in Cannons. Die drei Genies des Spätbarock genossen produktive Jahre in höfischer Abgeschiedenheit.

Ein Hesse in Italien

Dass es ausgerechnet einen Südhessen in die Lombardei verschlug, noch dazu aus der lutherischen Familie der Darmstädter Landgrafen, hatte mit den Wirren des Spanischen Erbfolgekriegs zu tun. Philipp war in mehrfacher Hinsicht aus der Art geschlagen: Er diente dem katholischen Kaiser aus Wien als Feldherr. Um eine französische Adlige heiraten zu können, konvertierte er selbst zum katholischen Glauben. Und seinen Sohn Joseph ließ er in Neapel und Mantua derart katholisch erziehen, dass aus ihm später ein Fürstbischof von Augsburg wurde. All dies strafte die lutherische Verwandtschaft in Südhessen mit Verachtung. In Wahrheit freilich konnte der Darmstädter Landgraf Ernst Ludwig den sozialen Aufstieg seines vier Jahre jüngeren Bruders nur mit Neid betrachten, besonders dessen Mäzenatentum. Wo sich Ernst Ludwig mit kurzen Visiten des großen Telemann begnügen musste, hatte Philipp kurzerhand den Maestro aller Maestri engagiert: Don Antonio Vivaldi, den geigenden Priester aus der Lagunenstadt. Und während man sich im verschuldeten Darmstadt Opern schon längst mich mehr leisten konnte, erteilte der Bruder in Italien seinem Kapellmeister einen verschwenderischen Opernauftrag nach dem andern.

Zwei Opern mit drei Primadonnen

Im Advent 1718 schrieb Vivaldi gleich zwei Opern für den kommenden Karneval. Beide stellten nicht zufällig legendäre Feldherren in den Mittelpunkt – Spiegelbilder des militärisch höchst versierten Landgrafen Philipp. In Teuzzone ging es um den Sohn des gefallenen chinesischen Kaisers, der seine Feinde niederringen muss, in Tito Manlio um den berühmten römischen Konsul, der die Latiner bezwang. Gleich drei verführerisch schöne Frauenstimmen ließ der hessische Magnat für diese Opern verpflichten: Anna Ambreville und Teresa Mucci aus Modena, dazu „La Campioli“, Margherita Gualandi, die in der Hosenrolle des jugendlichen Helden besonders gute Figur machte. 5.400 Lire ließ sich der Landgraf jede dieser edlen Stimmen kosten. Einen ebenso hohen Betrag konnte nach dem Karneval auch Vivaldi für seine Mühen verbuchen – eine Summe, von der er freilich etliche Ausgaben seiner Impresa bestreiten musste. Dennoch fiel am Ende genug für den komponierenden Impresario ab. Opern zu komponieren und gleich auch noch aufzuführen, war ein lohnendes Geschäft, das wusste nicht nur Händel im fernen London.

Concerti für Mantua

Der italienische Musikwissenschaftler Luigi Cataldi fand jene Zahlungsbelege des Landgrafen Philipp an seinen berühmtesten Musiker in den Mantuaner Akten. Dabei entdeckte er auch, dass Vivaldi neben seinem Honorar als Impresario ein festes Gehalt bezog: 680 Lire monatlich. Damit entlohnte Landgraf Philipp die andere Seite von Vivaldis Genie, den unübertrefflichen Komponisten von Concerti. Weil der Hesse in seiner Hofkapelle über vorzügliche Bläsersolisten verfügte, geht man davon aus, dass Vivaldi in Mantua einige seiner Concerti da camera mit Bläsern komponiert hat. Ihre intime Besetzung und die intrikate Synthese aus solistischer Brillanz und kammermusikalischem Dialog machen sie zu wahren Perlen im Schaffen des „rothaarigen Priesters“.

Große Bassarien und ein säuselndes Weihnachtskonzert

An diesem Punkt endet die wahre Geschichte vom Advent 1718. Vivaldi war in diesem Monat vollauf mit der Vorbereitung seiner Opern Teuzzone und Tito Manlio beschäftigt. Ob er daneben auch noch Zeit fand, Concerti zu schreiben, weiß man nicht. Der große Musikforscher Reinhard Strohm hat die beiden Opern im Detail durchleuchtet und dabei auch betont, wie bedeutend die Rolle des Bassisten Gianfrancesco Benedetti war, eines Hofsängers in Mantuaner Diensten. Besonders in der Titelrolle des Tito Manlio schrieb ihm Vivaldi Arien auf den Leib, die noch heute jeden großen Opernbariton herausfordern. Ebenso dankbar legte er die Rolle der Zelinda in der chinesischen Oper Teuzzone an: Die Mezzosopranistin Teresa Muzzi durfte in einem Prachtstück mit Trompeten und Oboen glänzen, und Landgraf Philipp durfte sich am Glanz seines Orchesters erfreuen. Da alle diese Schätze dem Landgrafen aber erst nach Weihnachten beschert wurden, unterhielten ihn seine Hofmusiker im Advent mit jahreszeitlich passenden Concerti von Vivaldi. Sicher war ein Concerto da camera darunter wie das besonders originelle g-Moll-Konzert für Traversflöte, Oboe, Violine, Fagott und Continuo mit der unübertrefflich vitalen Ciaccona am Ende. Vielleicht brachten die Mantuaner Hofmusiker in der Heiligen Nacht dem Jesuskind in der Krippe sogar ein Ständchen. Zu diesem Zweck hat Vivaldi ein ganz sanftes E-Dur-Violinkonzert komponiert: Il Riposo per il S. Natale („Die Ruhe für die Heilige Nacht“). Diese flüsternde Musik im wiegenden 12/8-Takt ist für durchweg gedämpfte Streicher ohne Cembalo geschrieben. Wenn die Hofmusiker dieses Concerto auf den kostbaren Violinen des Mantuaner Geigenbauers Pietro Guarneri spielten, wurde dem Himmelskönig auf Erden eine wahrhaft königliche Musik dargebracht. Da sich Vivaldis Konzerte aber im Gegensatz zu seinen Opern nur vage datieren lassen, bleibt diese Vorstellung eine schöne Spekulation.

Karl Böhmer

Zum Hören:

Arie der Zelinda „Con palme ed allori“ aus Teuzzone mit der französischen Altistin Delphine Gallou und dem Concert des Nations unter Jordi Savall

https://www.youtube.com/watch?v=7Le1rUa47L4

Arie des Manlio „Se il cor guerriero“ aus Tito Manlio mit drei verschiedenen Sängern: Nicola Ulivieri, Lorenzo Regazzo und Dmitri Hovorostovsky

https://www.youtube.com/watch?v=gIjE2yRm8qU

Concerto da camera g-Moll, RV 107 mit den Barocksolisten München

https://www.youtube.com/watch?v=snGGbbCluNw

Concerto Il Riposo per il S. Natale, RV 270, mit Enrico Onofri und der Accademia Montis Regalis

https://www.youtube.com/watch?v=Hm6MHW7uU1w