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Der Flötenvirtuose Michel Blavet, gemalt um 1730 von Henri Millot (Quelle: Wikipedia).

Adventskalender 8.12.2021

Nur im Paris des Jahres 1736 konnte ein geistliches Konzert zum Fest Mariä Empfängnis zur Manifestation des modischen Rokoko werden – auch dank des Flötisten Michel Blavet. 

Mariä Empfängnis in Paris, 8.12.1736

Rauschende Reifröcke, wallende Gewänder mit großen Aufschlägen, sanft fallende Seidenstoffe in Pastellfarben: Paris wurde seinem Ruf als Hauptstadt der Mode wieder einmal gerecht, auch im Advent des Jahres 1736. Das Rokoko hatte gerade begonnen, und die französische Hauptstadt gab Europa die Richtung vor: Die Rocaille hielt ihren Einzug im Stuck und auf Wandvertäfelungen, auf Möbeln und Gewändern, zuletzt auch in der Musik durch neue, galante Ornamente. Nicht einmal das ehrwürdige „Concert spirituel“ in den Tuilerien konnte sich gegen die neue Mode sperren.

Conception de la Vierge

Am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens, dem 8. Dezember, boten die reichen Pariserinnen den neuesten Chic auf, während sich auch auf dem Podium neue Töne regten: die Musik des Rokoko. Für gewöhnlich hielt das „Geistliche Konzert“ als Bollwerk des reinen französischen Stils jedem neuen Trend stand. Zu jedem hohen Kirchenfest wurde der „Grand Goût“ der Nation in pathetischen Psalmvertonungen gefeiert, den „Grands Motets“ der zumeist schon verstorbenen Hofkomponisten aus der Zeit des großen Königs. Bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten ruhte Ludwig XIV. in seiner Gruft in Saint-Denis. Erst seit einem Jahrzehnt war sein Urenkel Ludwig XV. alt genug, die Herrschaft zu führen – mithilfe mächtiger Minister. Dieser Machtwechsel öffnete auch im „Concert spirituel“ die Tür für Neues, denn Louis Quinze liebte ausgerechnet die Musik von Antonio Vivaldi. Dessen Frühlingskonzert, gespielt vom Geiger Guignon, war sein Ein und Alles. Aus dem „Concert spirituel“ wurde das Einfalltor italienischer Concerti und Arien, und dabei sollte es bis zur Französischen Revolution bleiben – unveränderlich, jedes Jahr auch am 8. Dezember.

Michel Blavet, der Meisterflötist

Noch ein zweiter Virtuose lehrte die Pariser damals neue, muntere Töne: Michel Blavet, der größte Traversflötist Europas. Die barocke Querflöte war das Instrument der Stunde, der Klang des neuen galanten Stils: sinnlich zart und schmachtend, aber auch hell und brillant, je nach Register. Keiner spielte sie so wie Blavet: rein und voll, ebenmäßig durch alle Lagen, mal zart und säuselnd, mal kraftvoll auftrumpfend, „mehr einem Contralto als einem Sopran gleichend“. Anno 1736 war Blavet schon eine europäische Berühmtheit. Gerade erst hatte der preußische Kronprinz Friedrich vergeblich um ihn geworben. Er wollte den Meisterflötisten für seine kleine Hofkapelle in Ruppin nördlich von Berlin engagieren, doch der Franzose wusste, was er an Paris hatte und vor allem an seinem Duopartner Jean-Pierre Guignon, dem Lieblingsgeiger Ludwigs XV. Die Beiden waren ein unschlagbares Team, was sie jeden Monat aufs Neue im „Concert spirituel“ bewiesen, wenn sie ihre Sonaten und Concerti spielten.

Flötenkonzert alla Vivaldi

Es war die Stunde der Musiker aus der Provinz: Blavet stammte aus Besançon in der Franche-Comté und war mit einem Adligen aus der Provinz nach Paris gekommen, so wie der große Organist Jean-Philippe Rameau aus Dijon. Der Burgunder hatte im Vorjahr begonnen, für die Pariser Oper zu schreiben. Mit seinem Opéra-Ballet Les Indes galantes sagte er dem verstaubten Stil der Lully-Ära den Kampf an. Nun war auch Blavet bereit, im Bollwerk des „Grand Goût“ eine große Bresche in die Mauer zu schlagen: ein Flötenkonzert im reinen Stil Vivaldis. Die Pariserinnen und Pariser jubelten ihm dafür zu, an jenem 8. Dezember 1736. Hört man das mitreißende Finale seines a-Moll-Konzerts, so wird die Anlehnung an Vivaldi im Streicherthema sofort deutlich. Der Solopart aber ist von solcher Virtuosität, dass Vivaldis eigene Traversflötenkonzerte dagegen verblassen. Michel Blavet sorgte dafür, dass die Flöte die Domäne der Franzosen blieb. So war es seit der Einführung des Instruments bei Hofe durch Michel de la Barre und so sollte es bis Jean-Pierre Rampal bleiben – besonders, wenn man noch einige französische Schweizer hinzu nimmt wie Aurèle Nicolet oder Emmanuel Pahud.

Sonaten und Quartette

Nicht minder virtuos agierten Blavet und Guignon in ihren Sonaten mit Basso continuo, doch in den überlieferten Programmen des „Concert spirituel“ sucht man das Wort „Sonate“ vergeblich. Noch immer hatte es für die Franzosen etwas Anrüchiges - Musik nur um des schönen Klangs willen, nicht zur Nachahmung der Natur? Vierzig Jahre zuvor hatte François Couperin die ersten italienischen Sonaten auf französischem Boden geschrieben, doch nur unter Pseudonym, um nicht den Zorn der Traditionalisten auf sich zu ziehen. Nun sprossen die Violinsonaten der Franzosen nur so aus dem Boden – von Guignon, seinem Konkurrenten Leclair und vielen anderen. Blavet folgte auf dem Fuß mit seinen gefeierten Flötensonaten. Im offiziellen Programm des „Concert Spirituel“ aber wurde das Wort „Sonate“ immer noch vermieden. Man sprach von „Pièces de Symphonie“ – eine vornehme Umschreibung für Kammermusik. In diesem Genre legten Blavet und Guignon seit ein paar Monaten auch die Sonaten und Concerti eines Deutschen auf die Notenpulte: Georg Philipp Telemann. Der Meister der galanten Kammermusik hatte 1730 in Hamburg sechs „Quadros“ für Traversflöte, Violine, Viola da gamba und Cembalo veröffentlicht. Nun waren sie in Paris nachgedruckt worden und entwickelten sich unter den geläufigen Fingern von Blavet und Guignon zur Attraktion. Es war höchste Zeit, den Schöpfer dieser Meisterwerke selbst nach Paris zu holen.

Telemann in Paris

Im Advent 1737 war es soweit: Telemann in Paris! Im September hatte der Musikdirektor der Stadt Hamburg „seine lange schon zuvor entworfene Reise nach Paris“ angetreten. Er blieb bis Mai 1738 in der französischen Hauptstadt, wo „die Ohren des Hofes und der Stadt“ bald „ungewöhnlich aufmerksam wurden“ auf den Gast aus Deutschland. Er schrieb sechs Nouveaux Quatuors, „neue Quartette“ in der gleichen Besetzung wie seine früheren Erfolgsstücke. Diese echten „Pariser Quartette“ erwarben ihm „in kurzer Zeit eine fast allgemeine Ehre, welche mit gehäufter Höflichkeit begleitet war“ – so berichtete der Meister drei Jahre später in seiner Autobiographie. Wie immer bewies Telemann den sechsten Sinn für den Geschmack seines Publikums. Der französische Goût des beginnenden Rokoko war elegant, delikat und auf „galante Konversation“ unter den Instrumenten abgestellt. Dieses Ideal wusste Telemann in seinen Nouveaux Quatuors vollendet umzusetzen und konnte dabei auf die Kunst seiner Interpreten zählen: „Die bewunderungswürdige Art, mit welcher die Quatuors von den Herren Blavet, Traversisten; Guignon, Violinisten; Forcray dem Sohn, Gambisten: und Edouard, Violoncellisten, gespielet wurden, verdiente, wenn Worte zulänglich wären, hier eine Beschreibung.“ So schwärmte der Deutsche noch Jahre später von seinen französischen Interpreten.

Weihnachtskonzert

Zum Höhepunkt von Telemanns Pariser Advent wurde das Weihnachtskonzert in den Tuilerien. Am 25. Dezember 1737 spielten Blavet & Co. wieder Telemanns Quartette zwischen prunkvollen „Grands Motets“ für Solisten, Chor und Orchester und neben den wunderbaren Bearbeitungen französischer Weihnachtslieder, den so genannten „Symphonies de Noël“. Hört man diese Weihnachts-Arrangements des Franzosen Michel Corrette neben der munteren Distrait aus Telemanns e-Moll-Quartett und dem Flötenkonzert von Blavet, wird deutlich, wie französisch der Deutsche Telemann war und wie italienisch der Franzose Blavet - ein europäischer Kulturaustausch im Paris des Rokoko.

Zum Hören:

Michel Blavet: Finale aus dem Flötenkonzert a-Moll mit Jed Wentz und Musica ad Rhenum 

https://www.youtube.com/watch?v=IoMYMvA7i9Y

Telemann: Distrait aus dem sechsten Nouvel Quatuor in e-Moll mit dem Ensemble Nevermind

https://www.youtube.com/watch?v=KtTu-1d31ls

Michel Corrette: Sechs Orchestersuiten mit Arrangements von Weihnachtsliedern

https://www.youtube.com/watch?v=iBgo2Wn7CvU