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Sie thront hoch über der Emporenkirche: die Orgel im thüringischen Langewiesen, heute ein Instrument von 1851, erbaut von der Firma Schulze & Söhne aus Paulinzella. Am ersten Advent 1706 spielte der junge Bach hier zur Einweihung der Vorgängerorgel von Johann Albrecht aus Coburg. 

Adventskalender 2020 Auftakt

2020 beginnt der Advent schon vor dem 1.12. Deshalb öffnet sich pünktlich zum ersten Advent eine unnummerierte Tür als Teaser auf die folgenden 24 Geschichten. VIel Freude bei der Lektüre und beim Hören der beiden Hörbeispiele. 

Erster Advent an einer neuen Orgel, Langewiesen 1706

Zufrieden durfte Johann Sebastian Bach die Heimreise nach Arnstadt antreten. Mit gerade mal 21 Jahren galt er in seiner Heimat Thüringen schon als führender Organist und Orgelfachmann. An der Orgel der Neuen Kirche zu Arnstadt hatte er sich diesen Ruf erworben, nun hatte er die neue Orgel in Langewiesen auf Herz und Nieren geprüft und in einem feierlichen Konzert abgenommen. Es war kaum 30 Jahre her, da hatte das Städtchen an der Ilm seine lutherische Kirche in einem Brand verloren. Das schöne neue Gotteshaus prangte bereits mit stolzen Emporen und einem Barockaltar. Doch erst 1706 war genügend Geld vorhanden, um auch die Rückempore mit einer prachtvollen Orgel zu krönen. Der Orgelbauer Johann Albrecht aus Coburg hatte das „Werck“ binnen 26 Wochen zustande gebracht. Endlich war der festliche Tag der Orgelabnahme gekommen. Man schrieb den 28. November 1706, und weil es der erste Advent war, nutzte Bach die schönen Register der neuen Orgel zu einer Bearbeitung des Lutherschen Adventschorals „Nun komm der Heiden Heiland“. Von seinen Choralbearbeitungen über die berühmte Melodie kommt als Frühwerk nur die stark verzierte Version BWV 659a in Frage. Die Ornamente, die sich hier um die Choralmelodie ranken, zeugen noch vom Einfluss seines Mentors Georg Böhm. Noch vier Jahre zuvor hatte er dem großen Organisten andächtig gelauscht, als Gymnasiast der Lüneburger Michaelisschule. Nun war er selbst in Amt und Würden, doch nicht jeder Schüler in Thüringen war erfreut über die ausdrucksvollen Choräle des Herrn Bach.

Misstöne in Arnstadt

Wenn Bach in der Neuen Kirche zu Arnstadt solche Töne anschlug, musste er mit dem Widerstand der Gemeinde und der Singeknaben rechnen. Man war dem Herren Organisten keineswegs wohlgesonnen. Ein Schüler namens Rambach zögerte nicht, Bach vor dem Konsistorium anzuschwärzen, und zwar wegen seiner mal zu langen, mal zu kurzen Choralvorspiele: „Der Organist Bach habe bißhero etwa gar zu lang gespiehlet, nachdem ihm aber vom Herrn Superintendenten deswegen anzeige beschehen, währe er gleich auf das andere extremum gefallen, und hätte es zu kurtz gemacht.“ Es war nicht der einzige Kritikpunkt an Bach. Nachdem er im Winter 1705/06 einen vierwöchigen Urlaub eigenmächtig auf vier Monate ausgedehnt hatte, um bei Dieterich Buxtehude in Lübeck „ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen“, bestellte ihn das Konsistorium im Februar 1706 ein und legte gleich ein ganzes Paket an Vorwürfen auf den Tisch. Die hohen Herren hielten ihm vor, „daß er bißher in dem Choral viele wunderliche Variationes gemacht, viele fremde Thone mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confundiret worden.“ Mit anderen Worten: Die Harmonien in Bachs Choralbegleitungen waren den Arnstädtern zu kunstvoll. „Wird ihm gleichfalls Vorhaltung gethan wegen der Disordres so bißher in den Neuen Kirchen zwischen denen Schühlern und dem Organisten passiret.“ Die renitenten Knaben wollten sich den Vorstellungen des jungen Organisten partout nicht fügen.

Zippelfagottist und Singejungfer

Der Hauptvorwurf der Arnstädter Vorgesetzten richtete sich aber auf einen dritten Punkt: auf Bachs beharrliche Weigerung, an der Neuen Kirche Kantaten zu dirigieren. Obwohl seine Bestallung zum Organisten dies nicht ausdrücklich vorsah, erwartete man von ihm, die Knaben im Figuralgesang zu schulen, um mit ihnen Kirchenstücke im Gottesdienst aufzuführen. Dabei war die Qualität der Jugendlichen nicht nur im Gesang, sondern auch auf den Instrumenten so schlecht, dass Bach mit ihnen nichts anfangen konnte. Im August 1705 hatte er sich mit dem Fagottisten Geyersbach auf offener Straße geprügelt, was beinahe in einem Duell mit dem Degen geendet hätte. Bach hatte den Schüler einen „Zippelfagottisten“ genannt, der hatte sich mit einer Ohrfeige revanchiert. Mit so aufsässigen Jugendlichen konnte man einfach keine Kantaten aufführen, und man konnte sie auch nicht in angemessener Zeit einstudieren. Also antwortete Bach mit einem lapidaren Satz auf den Vorwurf: „Würde man ihm einen rechtschaffenen Director schaffen, wollte er schon spielen“. Mit anderen Worten: Wenn es wenigstens einen tauglichen ersten Geiger gegeben hätte, der das Ensemble als Konzertmeister hätte dirigieren können, hätte Bach als Organist sicher auch Figuralmusik begleitet. Statt sich aber mit den renitenten Schülern einzulassen, führte er lieber seine Cousine und spätere Ehefrau Maria Barbara auf die Orgelempore, um mit ihr zu musizieren. Angesichts des lutherischen Verbots von Frauen in der Figuralmusik war dies eine doppelte Provokation: Hier sang eine Jungfer zu Bachs kunstvoller Begleitung so himmlisch schön und treffsicher, wie es die widerwilligen Knabensoprane zu Arnstadt nie vermocht hätten.

Erster Advent in Langewiesen

In Langewiesen waren alle diese Auseinandersetzungen für ein langes Wochenende vergessen. Dass es ausgerechnet auf den ersten Advent fiel, kam Bach gelegen. Schon im Vorjahr hatte er am ersten Tag des neuen Kirchenjahres in Arnstadt durch Abwesenheit geglänzt und war stattdessen lieber dem greisen Buxtehude in Lübeck bei der Vorbereitung seines „Castrum Doloris“, seiner Trauermusik auf den verstorbenen Kaiser Leopold I., zur Hand gegangen. Nun schon wieder fernzubleiben, war ein deutliches Signal an seine Vorgesetzten. Womöglich führte Bach in der schönen neuen Kirche zu Langewiesen eben jene Adventskantate auf, wie sie die Arnstädter so gerne von ihm gehört hätten, aber nicht bekamen. Seine einzige Kantate, die man mutmaßlich in die Arnstädter Zeit datieren kann, ist BWV 150, „Nach dir, Herr, verlanget mich“. Dieses wundervolle Stück für kleines Vokalensemble, zwei Violinen, Fagott und Basso continuo ist so klein dimensioniert, dass es nach Langewiesen gepasst hätte, selbst wenn der Text nichts Adventliches an sich hat. Zumindest zeigt es, wie meisterlich und ausdrucksvoll der junge Bach mit den beschränkten kirchenmusikalischen Ensembles thüringischer Landgemeinden umzugehen verstand.

Erster Advent in Wien

180 Jahre später zollte ihm dafür ein glühender Bewunderer in der Karlsgasse 4 zu Wien höchstes Lob: Johannes Brahms. Wieder einmal wartete der Hanseate ungeduldig auf den neuesten Band der Bach-Gesamtausgabe, auf die er subskribiert hatte. Pünktlich zum Advent 1884 traf Band 30 ein, voller Schätze für den wahren Bachkenner: Nr. 146 „Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen“ mit dem d-Moll-Cembalokonzert in der Orgelfassung; oder Nr. 147 „Herz und Mund und Tat und Leben“, jene Weimarer Adventskantate, die mit dem Choral „Jesus bleibet meine Freude“ schließt. Am Ende folgte die kleine, kurze Psalmkantate Nr. 150. Gerade sie zog den großen Brahms in ihren Bann, besonders die Chaconne am Ende mit ihrem schmerzlich aufsteigenden Bass. Dieser ständig wiederkehrende Bass ging Brahms nicht mehr aus dem Sinn, bis er ihn im Sommer 1885 dem Finale seiner Vierten Sinfonie zugrunde legte. Es war der schönste Beweis dafür, dass schon der junge Bach auf einer Höhe der Kunst angelangt war, die bei missgünstigen Schülern in Arnstadt auf taube Ohren treffen musste.

Karl Böhmer

Zum Hören:

Bachs mutmaßlich einzige Arnstädter Kantate BWV 150 mit dem Ensemble Voces8 und der Academy of Ancient Music:

https://www.youtube.com/watch?v=wPdh0loM2yM

Lorenzo Antinori spielt die Frühfassung von Bachs Choralvorspiel „Nun komm der Heiden Heiland“, BWV 659a:

https://www.youtube.com/watch?v=-LXr3F0xaFI