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Beethoven, jung, fesch und immer gut gekleidet: der Komponist der Serenade Opus 8, wie ihn seine Freunde und Schüler beschrieben haben.

Beethoven der Woche: Serenade D-Dur, op. 8

Der Beethoven der leichten Serenadenklänge ist genau das richtige Gegenmittel gegen den trüben November, gerade im bevorstehenden Lockdown. Unsere Aufführung der D-Dur-Serenade Opus 8 durch den Bratschisten Mathis Rochat und sein Trio fällt zwar aus, wir arbeiten aber an einer Online-Übertragung.

Serenade D-Dur, op. 8

Wie klein auch immer eine Wiener Serenade besetzt sein mag, sie erhebt doch Anspruch auf Klangfülle. Die schönsten Beispiele für dieses Paradox sind die beiden Serenaden von Beethoven. Jede von ihnen wurde nur für drei Instrumente geschrieben; die Serenade Opus 8 für Violine, Viola und Violoncello, die Serenade Opus 25 für Flöte, Violine und Viola. Dennoch suggerieren beide eine fast sinfonische Klangpalette und einen erstaunlichen Reichtum an Farben und genrehaften Einfällen. Die Serenade für Streichtrio, op. 8, beginnt mit einem Marsch, den auch eine Wiener „Harmoniemusik“ für Bläser anstimmen könnte. Im folgenden Adagio hört man „Hornquinten“, am Ende des Menuetts ein gitarrenhaftes Pizzicato, im d-Moll-Adagio orchestrale Begleitfiguren. Kein Klangingredienz einer nächtlichen Serenade unter freiem Himmel fehlt. Dennoch war dieses Streichtrio sicher eine Musik für den Salon, nicht fürs Freie. Welche Wiener Musikfreunde zuerst in den Genuss dieses köstlichen Werkes kamen, ist unbekannt. Beethovens Autograph ist verschollen, Skizzen haben sich nicht erhalten. Also ist der Erstdruck die einzige Quelle, die wir besitzen. Beethovens Verleger Artaria rückte in die Wiener Zeitung vom 7. Oktober 1797 die erste Anzeige: Beethoven, Serenata per Violino, Viola, e Violoncello, op. 8. In den diversen Streicherzirkeln Wiens, besonders beim litauischen Grafen Johann Georg von Browne, dürfte die Serenade schon früher bekannt gewesen sein. Dem Letzteren hat Beethoven seine drei großen Trios Opus 9 gewidmet, nicht aber die Serenade, die ohne Widmung erschienen ist.

Ständchenszene aus dem kaiserlichen Wien

Der amerikanische Beethoven-Biograph Alexander Wheelock Thayer war sicher nicht der erste Zuhörer, der hinter dem Opus 8 eine veritable Ständchen-Szene vermutete. In Thayers von Hugo Riemann übersetzter Biographie hießt es zu dem köstlichen Werk, der Meister habe dazu doch wohl „eine besondere Veranlassung oder Anregung gehabt“, vielleicht aus jenem Kreise, für den er die Trios op. 9 komponierte: „Man kann sich bei dem Verlauf des Stückes ganz wohl ein kleines Situations- oder Stimmungsbild ausmalen.“ In dieser Weise deuteten Thayer-Riemann die sechs Sätze als Szenen eines veritablen Ständchens, das ein Liebhaber seiner Angebeteten unter deren Fenster von drei Musikern darbringen lässt, wie es im Wien der Klassik Gang und Gäbe war – auch etwa, um einer Freundin zum Namenstag zu gratulieren. Riemann malte sich die Szene folgendermaßen aus: „Ein kurzer festlicher Marsch bezeichnet den Eingang; dann beginnt ein langsames Stück von gefälligem, im zweiten Thema dringlich einschmeichelndem Ausdruck; besonders hier ergehen sich Violine und Cello in hübschen Solopartien; auch sehnsüchtige Klage kommt zum Ausdruck, und der angehaltene Schluss scheint auf Erhörung zu warten; dieser gibt dann ein fröhlicher Menuettsatz mit einem bewegten Trio und der humoristischen Coda Ausdruck. Ein sanft klagendes liedmäßiges Adagio (d-Moll) scheint schwindender Hoffnung zu gelten, doch wird es zweimal wieder von einem munteren Zwischensatz unterbrochen. Die Spieler fassen wieder Mut, ihre Kunst zu zeigen; eine muntere Polonaise erklingt und fesselt die Zuhörer. Noch folgt ein Andante mit Variationen, über welches nun aller Liebreiz ausgegossen ist. Die Variationen führen zu dem Einleitungsmarsch zurück, mit welchem die Sänger abziehen.“ Offenbar wurde der Liebhaber nicht erhört – oder er hat die Musikanten nach erfolgreich verrichteter Arbeit nachhause geschickt.

Sieben zauberhafte Sätze

Auch ganz unabhängig von ihrem möglichen Programm addieren sich die sieben Sätze des Opus 8 zu einem kleinen Wunder an Einfallsreichtum. Kaum ein anderes Werk des jungen Beethoven vereint eine so große Fülle schönster melodischer Eingebungen auf so engem Raum in so leicht fasslichen Formen. Der einleitende Marsch, die imaginäre „Aufzugsmusik“ zum Ständchen (siehe unten), arbeitet bereits mit überraschenden Dur-Moll-Wechseln und raffinierten Triolenkontrapunkten. Das folgende Adagio entfaltet nächtlichen Klangzauber durch seine herrliche Violinmelodie über den Hornquinten der Bratsche und dem Pizzicato des Cellos. Veritable Trompetenstöße scheinen das Menuett einzuleiten, während sich der vierte Satz, eine Kombination aus Moll-Adagio und Scherzo, als inhaltliches Zentrum erweist. Fast scheint es, als würden wir hier Zeuge eines echten Ständchens: In Oktaven stimmen die Streicher ihr larmoyantes Abendliedchen an, während im Hintergrund eine Schar von Musikern nur darauf wartet, den Gesang in respektlosen Scherzoeinschüben zu stören. "Unterbrochenes Ständchen" könnte man den Satz taufen. Das folgende Alla polacca ist eine Art vorgezogenes Finale, ein Rondo über eine schmissige Polonaisenmelodie. Es ist ein frühes Zeugnis für die Modeform der Polonaise, die vom Dresdner Komponisten Joseph Schuster nach Italien und Wien gebracht wurde und sich besonders nach 1800 ständig wachsener Beliebtheit erfreute. Eine Serie lyrischer Variationen über ein Andante quasi Allegretto bildet die vorletzte Station der Abendmusik. Die Wiederholung des Marsches rundet das Werk in traditioneller Weise ab.

Notturno für Bratsche und Klavier

Wenn der Villa Musica-Stipendiat Mathis Rochat mit seinem Trio Pergamon am 15. November in Kobern-Gondorf die D-Dur-Serenade spielt (zusammen mit den Trios in G-Dur und c-Moll aus Opus 9), hätte er als Bratschist auch eine andere Fassung wählen können: das Notturno Opus 42 für Viola und Klavier. Sieben Jahre nach dem Erscheinen des Streichtrios nämlich, am 14. April 1804, konnten die Musikfreunde der Kaiserlichen Hauptstadt in der Wiener Zeitung die Voranzeige des folgenden Opus lesen: Notturno für Clavier und Alto nach einem Notturno (op. 8) arrangirt, und vom Autor selbst durchgesehn. Op. 42. Obwohl also nicht Beethoven selbst der Bearbeiter war, hat er dieses Arrangement doch autorisiert. Zu hören ist es heute leider sehr selten.