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Der junge Beethoven, bald nach seiner Ankunft in Wien 1792.

Beethoven-Finale mit Flöten

Beethoven zum Jahresende

von Karl Böhmer

Der an Weihnachten gezeigte ARD-Film Louis van Beethoven ist der Anlass zur heutigen letzten Episode meiner Artikelserie Beethoven der Woche, die hier auf der Homepage der Villa Musica das ganze Beethovenjahr über erschienen ist. Musikalisch geht es dabei lediglich um das kleine Flötenduett, das Beethoven kurz vor seinem Abschied von Bonn seinem Freunde Degenhardt gewidmet hat, WoO 27: ein munter plauderndes Allegro con brio, gefolgt von einem besonders eingängigen Menuett mit Trio. Dies war möglicherweise seine letzte Bonner Komposition vor dem Abschied vom Rheinland, von dem er noch nicht wissen konnte, dass es ein endgültiger Abschied war. Da die Jugendepisoden des betreffenden Fernsehfilms genau an dieser Stelle enden, soll hier der Blick auf Beethovens zweite Ankunft in Wien und damit auf Weihnachten 1792 gerichtet werden.  

Weihnachten 1792 in Wien

So hatte sich der junge Louis van Beethoven sein erstes Weihnachtsfest in Wien gewiss nicht vorgestellt: Ende 1792 saß er traurig in einer ärmlichen Vorstadtwohnung und rechnete, wie lange sein Geld noch reichen würde. Der kurfürstlich-kölnische Stipendiat, vom Onkel des jungen Kaisers nach Wien entsandt, um bei Haydn zu studieren, hatte zunächst ganz andere Sorgen als die Musik. „Er wohnte zuerst in einem Dachstübchen im Hause des Buchdruckers Strauß in der Alservorstadt, wo es ihm kümmerlich ging.“ So berichtete Jahrzehnte später der Geiger Karl Holz. Dort war dem jungen Musiker an Weihnachten 1792 nicht nach Feiern zumute, denn gerade erst hatte ihn aus Bonn die Nachricht erreicht, dass sein Vater Johann plötzlich verstorben sei – am 18. Dezember, sechs Wochen nach Ludwigs Abreise und ein oder zwei Tage nach dem Geburtstag des Sohnes. Der hatte im fernen Wien kein Geld, seinen 22. Geburtstag zu feiern, den er ohnehin für den 20. hielt, weil ihm der Vater beständig eingeredet hatte, dass er zwei Jahre jünger sei, als er es in Wirklichkeit war.

Am 2. November war Louis hoffnungsfroh von Bonn aufgebrochen, doch nun war mit dem Tod des Vaters das Band zur Heimat auf einmal gelöst worden, wozu der Sturm der französischen Revolutionstruppen am Rhein ein Übriges tat. Die beiden jüngeren Brüder lebten freilich noch in Bonn, nun als Vollwaisen, da die Mutter schon 1787 verstorben war und von den Großeltern niemand mehr zur Verfügung stand. Die Bonner Freunde mussten sich kümmern und sehr bald auch Ludwig. Denn nun war plötzlich die Pension des Vaters weggefallen. Wovon sollten die Brüder leben? Im neuen Jahr richtete er eine Bittschrift an den Kurfürsten, jene jährlich 100 Gulden des verstorbenen Vaters auch weiterhin zum Unterhalt der Brüder zu bewilligen. Zwar ließ es sich seine Kurfürstliche Durchlaucht, der Habsburger Erzherzog Max Franz, nicht nehmen, einen Wienerischen Witz über die Trunksucht des verstorbenen Tenoristen Johann van Beethoven zu machen: die Getränkesteuer des Hofes hätte an „Beethovens Tod einen Verlust erlitten“. Doch das Gesuch des Sohnes wurde im Mai bewilligt, und zwar rückwirkend ab 1. Januar 1793. So war die materielle Absicherung der Brüder gewährleistet. Der Freund Franz Ries nahm diese Summen in Ludwigs Namen entgegen und sandte ihm auch sein eigenes Gehalt als Hoforganist nach Wien. Die Aussichten dort waren vorerst nicht so rosig, dass er sich ein Leben ohne die Gelder aus Bonn hätte leisten können.

Kanonenschüsse in der Heiligen Nacht

Wehmütig wird Beethoven 1792 an die Heiligabende am Bonner Hof zurückgedacht haben, als Vater und Mutter noch lebten und der Sohn schon in der Hofmusik mitwirkte: „In der Weihnachtszeit, wenn der Churfürst um Mitternacht, als Erzbischof, in der Hofkapelle von 11 bis 12 Uhr das heilige Messopfer verrichtete, mussten die Musiker und Hofsängerinnen auf dem Hofstucksaale ihre größte Kraft und Thätigkeit beweisen. Dann erscheint der ganze Hof-Adelstand sammt Dienerschaften in der größten Galla, die Churfürstlichen Leibgarden stehen auf beiden Seiten in Parade, das ganze Regiment vom Koblenzer Thore bis zur Schlosskapelle in Parade. Und nach dem ersten Evangelium, und bei halber Messe, und nach dem letzten Evangelium geben sie dreimal Feuer, und die Kanonen auf den Wällen folgen ihnen nach. – In der Zeit war es oft sehr kalt; wenn nach der Feier Vater Beethoven mit den Seinigen und anderen nachhause kam, wurden nach altem Brauche frische Würste gebraten, dazu war warmer Wein, Punsch, Kaffee bereit, so wurde der ankommende Tag gefeiert und beschlossen.“ (Aus dem Fischer-Nachlass)

Mit Bratwurst und Glühwein wird Beethoven sein erstes Weihnachten in Wien kaum gefeiert haben. Gewissenhaft trug er seine Ausgaben ins Reisetagebuch ein, zuallererst für passende Winterkleidung: „ein paar Winter seidene Strümpfe 1 Gulden; Stiefel 6 Gulden; Schuh 1,30 Gulden.“ Er musste sich in Wien „völlig neu equippiren“, doch sein Gehalt aus Bonn blieb vorerst aus. Dazu die monatlichen Ausgaben: „Hauszins 14 Gulden; Klaviermiete 6 Gulden; Heizen jedesmal 12 Kreuzer; Essen mit dem Weine 16 ½ Gulden; der Hausfrau 7 Gulden.“ Für alles und jeden musste er aufkommen und dazu auf sein Erspartes zurückgreifen, denn noch flossen keine Gelder von Wiener Gönnern und Bewunderern.

Ankunft in Wien und Wünsche der Bonner Freunde

Um den 10. November 1792 war Beethoven in Wien eingetroffen, und zwar alles andere als triumphal. Dies hat keiner besser beschrieben als Dr. Hermann Deiters, der 1907 zu Koblenz verstorbene Beethoven-Forscher, und zwar in seiner Neubearbeitung der Thayer-Biographie: „Es würde sicherlich sehr unterhaltend sein, wenn wir die Ankunft Ludwig van Beethovens in Wien gleichsam mit glänzendem Trompetenschalle ankündigen wollten. Leider fehlen zu einer solchen Beschreibung alle Anhaltspunkte ... Die Tatsachen sind einfach. Gleich der großen Zahl von Studierenden und anderen jungen Leuten, welche jährlich dorthin kamen, um Unterricht und Lehrer zu finden, war dieser kleine und schmächtige, dunkelfarbige und pockennarbige, schwarzäugige und schwarzhaarige junge Musiker von 22 Jahren in aller Stille zur Hauptstadt gereist, um das Studium seiner Kunst ... weiter zu verfolgen.“

Glücklicherweise führte er ein Stammbuch mit sich, das seine Freunde Degenhardt und Koch in Bonn für ihn angelegt und mit einer Zeichnung auf dem Umschlag versehen hatten. Dort trugen sich vierzehn Verehrerinnen und Verehrer des Meisters mit Poesie, Sinnsprüchen und guten Wünschen für die Reise ein. Darunter findet sich der berühmte Eintrag des Grafen Waldstein: „Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozart’s Geist aus Haydn’s Händen“, wozu noch ein wichtiger Vorspann gehört. Eleonore von Breuning, die Tochter jener Hofrätin, deren Haus dem jungen Beethoven zum zweiten Zuhause wurde, schrieb Verse von Herder über die Freundschaft hinein. Und der „Juris candidatus“ Degenhardt, dem Beethoven im August das zweisätzige Flötenduett gewidmet hatte, bedankte sich dafür mit einem besonders langen und schönen Gedicht: „Ja, stäts denk’ ich mit Inbrunst an dich Theuerster! bald, wie du die Liebe, den Zorn und die feinere Scherze, mächt’ger Meister der Tonkunst! Leidenschaften und Willkür und mit Wahrheit der Saite entlockst.“ Wenn Beethoven in seiner Dachkammer im Alsergrund diese Verse las, wusste er, was seine Freunde zuhause von ihm erwarteten. Seine guten Vorsätze fürs neue Jahr standen fest.

Eine Dreifachbiographie: Bonn 1866, Koblenz 1900, Leipzig 1916

Um die Jugendgeschichte Beethovens nachzulesen, gibt es kein schöneres Buch als die klassische Biographie des Amerikaners Alexander Wheelock Thayer. Sie ist aber nicht in einer puren Übersetzung des englischen Originals auf uns gekommen, sondern auch in doppelter deutscher Brechung: Im August 1900 setzte Hermann Deiters in seiner Koblenzer Wohnung seine Signatur unter die Neubearbeitung jenes epochalen Werks von Thayer, das er 1866 als junger Bonner zuerst ins Deutsche übersetzt hatte. Dies geschah in engem Kontakt zu Thayer, der damals als Konsul der Vereinigten Staaten im österreichischen Triest lebte. 34 Jahre später war Thayer verstorben, und Deiters schloss, nun in Koblenz lebend, die Neubearbeitung seiner Übersetzung ab. In der heute meist gelesenen Fassung des „Thayer-Deiters“ kam noch ein dritter prominenter Bearbeiter hinzu: Hugo Riemann. 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, beendete er in Leipzig seine „Revision der von H. Deiters bewirkten Neubearbeitung“ der Thayer-Biographie.  So kam es zu der gewaltigen fünfbändigen Beethoven-Biographie mit drei Autoren: Thayer, Deiters und Riemann. Ihre Meinungen gingen oft auseinander, und die „Händescheidung“ ist beim Lesen nicht immer ganz einfach, wenn etwa Deiters Thayers Erkenntnisse korrigiert und seinerseits wieder von Riemann in einer Anmerkung korrigiert wird. Dennoch und trotz aller Neuerkenntnisse zu Beethoven in den letzten hundert Jahren ist der „Thayer-Deiters-Riemann“ bis heute die wertvollste Quelle zu Beethovens Bonner Jugendjahren und vielen anderen Abschnitten seiner Biographie. Dort findet sich etwa ein durchgesehener Abdruck des so genannten „Fischerschen Nachlasses“, also der Erinnerungen der Nachbars- und Vermieterkinder der Familie Beethoven in Bonn. Diesem Manuskript entstammt die oben zitierte Beschreibung der Heiligen Nacht am Kurfürstlichen Hof und in der Beethovenschen Wohnung. Dort findet sich auch der Abdruck aller Stammbucheinträge der Freunde vor Beethovens Abreise. Wer sich also in Beethovens Biographie noch mehr vertiefen möchte, als es im ARD-Film oder in aktuellen Biographien möglich ist, dem sei ein Blick in jenen „Klassiker“ empfohlen.

Zum Hören:

Beethoven: Duo für zwei Flöten G-Dur, WoO 26 („für Freund Degenhardt von L. v. Beethoven, 23. August 1792, Abends 12“)

https://www.youtube.com/watch?v=4_SWLeF3bRY