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Arthur Chitz, geboren 1882 in Prag, ermordet 1944 im Ghetto Riga, der Wiederentdecker von zwei der vier Mandolinenstücke Beethovens. Von 1918 bis zu seiner Entlassung durch die Nazis 1934 wirkte er als Musikdirektor am Dresdner Schauspielhaus. 2019 wurde sein Porträt in die Ahnengalerie des Staatsschauspiels Dresden aufgenommen. Ein Stolperstein erinnert heute an seine Dresdner Jahre.

Beethoven der Woche: Stücke für Mandoline

Dem jüdischen Musikforscher Arthur Chitz gelang 1912 in Böhmen die Wiederentdeckung bislang unbekannter Mandolinenstücke Beethovens. Als er 1944 in Riga ermordet wurde, geriet seine Pionierarbeit in Vergessenheit, nicht aber Beethovens Werke für die Mandoline.

Vier Stücke für Mandoline und Hammerflügel, WoO 43 und 44

Werke ohne Opuszahl, kurz: WoO, lautet die Überschrift zum zweiten umfangreichen Teil des Beethoven-Werkeverzeichnisses von Georg Kinsky und Hans Hahn. Wer immer sich mit Beethovens Klaviervariationen, Bläserwerken, deutschen Liedern oder Bearbeitungen schottischer Volkslieder beschäftigt, hat es mit einigen der 205 WoO-Nummern zu tun. Nr. 43 und 44 dieser Auflistung enthalten vier ganz besondere Raritäten, Beethovens einzige Werke für die Mandoline: zwei Sonatinen in c-Moll und C-Dur, ein Adagio in Es-Dur und ein Andante con Variazioni in D-Dur. Ihre Wiederentdeckung im 19. und 20. Jahrhundert ist eine ebenso packende Geschichte wie ihre Entstehung in den Jahren 1795/96 in Wien und Prag.

London und Berlin um 1880

Dass der große Ludwig van Beethoven Werke für die kleine Mandoline geschrieben hat, blieb der Musikwelt verborgen, bis Sir Arthur Grove 1880 in London sein Grove’s Dictionary of Music and Musicians veröffentlichte. Wer immer dort den gründlichen Artikel zur Mandoline las, verfasst von A. J. Hipkins, wurde am Ende mit einer angenehmen Überraschung belohnt: eine vollständige Sonatina von Beethoven in c-Moll, 6/8, Adagio, für Mandoline mit Cembalobegleitung. Das betreffende Manuskript befand sich damals schon im British Museum. Eine zweites dazu gehöriges Stück für die gleiche Besetzung, ein Adagio ma non troppo in Es-Dur, konnten Musikfreunde um 1880 in der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek zu Berlin studieren. Vorerst unbekannt war, dass es dazu noch zwei weitere Stücke gab, die sich in einem böhmischen Adelsarchiv befanden.

Böhmen 1906, 1912, 1940

Es war ein jüdischer Musikforscher aus Prag, Arthur Oskar Chitz, der 1912 auf zwei weitere, bis dato unbekannte Mandolinenstücke Beethovens aufmerksam machte: auf die Variationen für Mandoline und Cembalo sowie die Sonatine in C-Dur, WoO 44. Die Manuskripte der beiden Werke sah er 1906 im böhmischen Reichenberg (Liberec) in einer raren Musikausstellung: Die Hochadelsfamilie von Clam-Gallas hatte ihr Musikarchiv geöffnet und zeigte die wertvollsten Stücke einer notgedrungen kleinen Öffentlichkeit. Auch Arthur Chitz war aus Prag angereist und interessierte sich besonders für die beiden noch unbekannten Mandolinenstücke Beethovens. Daneben konnte er auch jenes Adagios aus WoO 43 erblicken, dessen Abschrift sich in Berlin befand. Die Grafen Clam-Gallas aber besaßen das Autograph mit einer bedeutungsvollen Aufschrift, wie wir gleich sehen werden. 1912 zeigte Chitz diesen Fund durch eine kurze Notiz in der Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft an. Im gleichen Jahr veröffentlichte er die Sonatine C-Dur aus WoO 43 in der Wiener Zeitschrift Der Merker und schrieb darüber einen Aufsatz auf Französisch für die Revue musicale in Paris. Als Musikdirektor am Dresdner Schauspielhaus sowie Cembalist, Pianist und Dozent an der Orchesterschule der Dresdner Staatskapelle konnte er später für die Stücke werben. Als er aber 1934 durch die Nazis brutal von allen seinen Posten entfernt und im KZ Buchenwald interniert wurde, gerieten die Beethovenstücke wieder in Vergessenheit.

Während Arthur Chitz 1942 nach Riga deportiert wurde, wo ihn die Nazis 1944 ermordeten, wurde die Wiederentdeckung der Beethovenschen Mandolinenwerke einem anderen Musikforscher zugeschrieben: Karl Michael Komma. Der spätere Stuttgarter Tonsatzprofessor veröffentlichte die Variationen für Mandoline und Cembalo 1940 im Sudetendeutschen Musikmagazin – an einer Stelle also, die man nach der deutschen Besetzung Tschechiens nicht unpolitisch nennen konnte. Bis heute sind alle vier Stücke Raritäten im Konzertsaal. 

Für die schöne Josephine

Als sich Arthur Chitz 1906 über die Vitrinen im Schloss Reichenberg beugte, dürfte ihm die Aufschrift des Beethoven-Autographs von WoO 43 Nr. 1 nicht entgangen sein: „pour la belle J.“ Comtesse Josephine Clary war nicht nur schön, sondern auch eine eindrucksvolle Sängerin und Virtuosin auf der Mandoline. Bei seinem Besuch in Prag 1796 schrieb Beethoven für sie die große Konzertszene „Ah perfido“ für Sopran und Orchester nach einem Text von Metastasio. Bei der gleichen Gelegenheit dedizierte er ihr jene drei Mandolinenstücke mit Cembalo, deren Handschriften man 1906 in Reichenberg sehen konnte. Als nämlich Josephine 1797 den Grafen Christian von Clam-Gallas heiratete, nahm sie die Noten der Beethovenschen Mandolinenstücke mit ins Familienschloss ihres Gatten im nordböhmischen Frydlandt. Von dort gelangten sie 1906 in die besagte Reichenberger Ausstellung. Ob man der Auskunft des ehemaligen Musikarchivars in Frydlandt trauen durfte, es habe dort noch weitere Mandolinenstücke von Beethoven gegeben, die aber seit dem Ersten Weltkrieg verschollen seien, bleibe dahingestellt. Feststeht, dass Beethoven das erste der drei Stücke für die Comtesse nicht neu komponiert, sondern überarbeitet hat.

Für einen Wiener Freund

Bereits 1795 oder Anfang 1796 schrieb Beethoven für einen unbekannten Adressaten in Wien die beiden Mandolinenstücke WoO 43: die Sonatine in c-Moll und jenes Adagio in Es-Dur, das er im Folgejahr „für die schöne Josephine“ in Prag überarbeitete. Möglicherweise sind diese Wiener Mandolinenstücke für seinen böhmischen Freund Wenzel Krumpholz entstanden, der 1795 als Geiger und Mandolinist nach Wien kam.

Hörempfehlung

Der Gitarrist Volker Höh aus Altenkirchen in Rheinland-Pfalz hat in einer hörenswerten Einspielung zum Beethoven-Jahr alle vier Mandolinenstücke auf historischen Wiener Gitarren von Stauffer eingespielt: auf einer Terzgitarre von 1838 und einer Primgitarre von 1843. Als Tasteninstrument dient stilecht ein Hammerflügel.