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In Paris Jean Punto, in Deutschland und Italien Giovanni Punto, in seiner böhmischen Heimat Wenzel Stich, geboren 1746, gestorben 1803, drei Jahre nach der Uraufführung von Beethovens Hornsonate. Hier im Jahr 1782, gemalt von Cochin und gestochen von Miger.

Beethoven der Woche: Hornsonate

Die strahlenden Töne des Horns mögen den Nebel an so manchem trüben Novembertag vertreiben. Beethovens Hornsonate ist dafür ein wunderbares Werk, komponiert für den größten Hornvirtuosen der Klassik: Wenzel Stich alias Giovanni Punto.

Hornsonate im Benefizkonzert

Am 30. Januar 1801 beteiligte sich Ludwig van Beethoven an einem Wiener Benefizkonzert für die Verwundeten der Schlacht bei Hohenlinden. Darüber schrieb der begeisterte Konzert- und Opernbesucher Joseph Carl Rosenbaum in seinem Tagebuch Folgendes: „Ich fand den Saal schon angefüllt, und nachher wurden Saal und Galerie zum Drücken voll. Es war eine schöne Gesellschaft. Dass ein Lichterputzer vom Orchester herabfiel, Pulte und die Barriere mit sich riss, machte Unterhaltung zum Vorspiel. Frank, geborene Gerardi, Willmann und Simoni sangen aus den Opern Merope von Nasolini, und Horatier von Cimarosa. Beethoven spielte eine Sonate, Punto akkompagnierte auf dem Waldhorn. Haydn dirigierte 2 seiner eigenen Symphonien. Etwas lang dauerte es. Die Einlage belief sich über 9400 fl., wozu der Hof mächtige Beiträge machte.“

Dem armen Diener, der die Lichter im Saal auszutauschen hatte, ist offenbar nichts Schlimmeres zugestoßen. Dem Erfolg des Benefizkonzerts tat sein Unfall keinen Abbruch, was nicht nur an Haydn und den Sängern lag, sondern auch an dem Hornvirtuosen Giovanni Punto alias Wenzel Stich. Er war seit drei Jahrzehnten der berühmteste Virtuose seines Instruments in Europa, hatte aber aus guten Gründen vor 1800 nie in Wien gastiert: Als entlaufener Leibeigener des Grafen Thun hätte der geborene Böhme vor den Revolutionsjahren mit der Todesstrafe rechnen müssen, wenn ihn sein früherer Dienstherr in Wien oder Prag zu fassen bekommen hätte. Nun jubelten ihm der Wiener und der böhmische Adel zu, unter den Klängen von Beethovens brillanter Sonate. Zwischen den Haydn-Sinfonien und den wundervollen Arien aus Cimarosas berühmter Opera seria Gli Orazi e i Curiazi setzte Beethovens Sonate Opus 17 einen weiteren Glanzpunkt im übervollen Saal. Dabei handelte es sich nach damaligem Verständnis um eine Klaviersonate mit begleitendem Horn. Deshalb schrieb Rosenbaum in seinem Tagebuch: „Punto accompagnierte auf dem Waldhorn“.

Hornsonate – Cellosonate – Streichquintett

Acht Monate zuvor, am 18. April 1800, hatte Punto endlich sein lange erwartetes Wiener Debüt gegeben. Erst zwei Tage vorher begann Beethoven mit der Komposition der Sonate. Die Uraufführung war ein rauschender Erfolg, was zu mehreren Wiederholungen Anlass gab. Auch späterhin hat Beethoven das Werk gerne gespielt, und alleine die Tatsache, dass er es als sein Opus 17 im Druck herausgab (zwei Monate nach dem Benefizkonzert vom Januar 1801), belegt die Wertschätzung, die er für die Sonate empfand. Dabei erschien das Werk gleich in der Erstausgabe mit einer alternativen Stimme für Violoncello. Carl Czerny berichtete, sein Lehrer Beethoven habe „selber die Violoncellstimme dazu arrangirt“. Dennoch haben sich bislang nur wenige Cellisten für diese „sechste“ Cellosonate des Meisters interessiert. Dabei lieferten auch die vielen Nachdrucke im Lauf des 19. Jahrhunderts zur Hornsonate stets Alternativstimmen für Cello mit. Hinzu kamen neue Bearbeitungen für Violine oder Viola, Flöte oder Klarinette.

Die raffinierteste Bearbeitung stammte von dem Wiener Oboisten Charles Khym, seines Zeichens Hofmusiker bei Kaiser Franz I. Er kam auf die Idee, die Hornsonate für Streichquartett und Kontrabass zu bearbeiten. Diese Fassung, 1817 im Bonner Verlag Simrock erschienen, wurde bei Villa Musica im Herbst 2019 mit Erfolg aufgeführt – ein wohlklingendes und durchaus ernst zu nehmendes „Streichquintett“ des jungen Beethoven. Die Läufe aus der rechten Hand des Klaviers fallen meist der ersten Geige zu, die Hornthemen dagegen der Bratsche oder dem Cello. Darunter fungiert der Kontrabass als beinahe orchestrale Stütze. Man merkt die erfahrene Hand des Arrangeurs Khym, der auch Beethovens Klaviertrios Opus 1 und das „Gassenhauertrio“ in der gleichen Quintettbesetzung arrangiert hat. Ansonsten ist Charles Khym mit eigenen Klavierwalzern, konzertanten Duos für Oboen, einem großen Duo für Violine und Viola und anderen Kammermusikwerken hervorgetreten.

Ein Mainzer Hofmusiker aus Böhmen

Die authentischste Fassung des Opus 17 bleibt freilich die Version für Horn und Klavier – das bis heute berühmteste Denkmal für die Kunst des Hornisten Wenzel Stich alias Giovanni Punto. Der Böhme aus der Nähe von Czaslau hatte seine Kunst in der Heimat erlernt und verfeinert – freilich als leibeigener Diener eines Adligen, des Grafen Thun in Prag. Als er mit 20 Jahren beschloss, den Dienst unerlaubt zu quittieren und aus Prag zu fliehen, stand ihm zwar die Welt offen, doch die Rückkehr in die Habsburger-Monarchie war ihm lange Jahre verwehrt. Im August 1771 traf er in München ein und erhielt sofort die Erlaubnis, sich zwischen den Akten einer Opera buffa im alten Hofopernhaus am Salvatorplatz hören zu lassen. In einem Bericht des sächsischen Legationssekretärs über diesen Abend heißt es: „Zwischen den Akten der Oper gab man zwei Konzerte, die ein berühmter Hornspieler namens Ponto [sic] in den Diensten des Kurfürsten von Mainz mit wundervoller Geschicklichkeit ausführte.“

Tatsächlich bildete Mainz die erste bedeutende Station in der europäischen Karriere des Wenzel Stich. Nach einem erfolgreichen Gastspiel bewarb er sich beim Kurfürsten Emmerich Joseph von Breitbach-Bürresheim um Aufnahme in die Hofkapelle, die am 27. März 1769 erfolgte. Für volle fünf Jahre durften sich die Mainzer in ihren Hofkonzerten an den prachtvollen Tönen des Hornisten erfreuen, bis er aus Enttäuschung die schönen Ufer des Rheins hinter sich ließ: Als ebenso guter Geiger wie Hornist hatte er auf die Stelle des Konzertmeisters gehofft, die im März 1774 aber an den Vizekonzertmeister Georg Anton Kreusser vergeben wurde. So zog Punto weiter nach Würzburg und vor dort nach Paris. Hornist am Koblenzer Hof der Kurfürsten von Trier war er dagegen nie. Hier liegt eine Verwechslung mit seinem böhmischen Landsmann Joseph Pachta vor.

In Paris – vor und nach der Revolution

Die Wiener mussten lange warten, bis sie in den Genuss solcher Horntöne kamen. Inzwischen hatte Punto halb Europa bereist. Überall feierte er Triumphe, besonders in Paris, wo er am Weihnachtstag 1776 sein Debüt im Concert spirituel gab. In der berühmten Konzertreihe ist er 49 Mal aufgetreten – häufiger als irgendein anderer Hornist. Selbst der sonst so kritische Mozart, der ihn 1778 dort hörte, meinte begeistert: „Punto bläst magnifique“. 1782 trat er als Kammermusiker in die Dienste des Grafen von Artois, des späteren Königs Karls X. Dies hinderte den Freigeist aus Böhmen nicht daran, mit wehenden Fahnen zur Revolution überzutreten, diverse Hymnen auf die Freiheit zu schreiben und 1795 Kapellmeister am Théâtre des Variétés zu werden. Seine in Paris gedruckten 11 Hornkonzerte und mehr als 20 Hornquartette galten als Muster ihrer Art.

Wiener Sonate anno 1800

Über all seine politischen Positionswechsel hörten die Wiener großzügig hinweg, als sich Punto im April 1800 mit Beethoven an der Seite im Hofburgtheater vorstellte. Die Sonate des Bonner Kollegen lieferte ihm dafür die denkbar glänzendste Plattform, denn seit seiner Jugendzeit liebte Beethoven das Horn. In Bonn hatte er beim Hofmusiker Simrock, dem späteren Musikverleger, das Hornspielen erlernt. Der Schüler hat „seinem Meister späterhin manche harte Nuß zu knacken gegeben“, womit Beethoven ironisch auf seine Bonner Bläserwerke mit virtuosen Hornpartien anspielte. In der Hornsonate hat er diese Erfahrungen zu einem hochvirtuosen Werk für Naturhorn und Hammerflügel gebündelt.

Gleich der Beginn des Allegro moderato verrät mit seinem Fanfarenthema die Bestimmung für das ventillose Naturhorn, doch lassen die folgenden kantablen Neben- und Seitenthemen auch die weichen, sanglichen Qualitäten des Hornisten Punto erkennen. Die brillanten Läufe in der rechten Hand des Klaviers, die orchestralen „Tutti-Effekte“ und der Schlagabtausch der beiden Musiker im Rahmen eines großen Sonaten-Allegros verleihen diesem Beginn den Glanz eines Konzertsatzes.

Im f-Moll-Adagio bleibt die Entfaltung der düsteren, für das Naturhorn entlegenen Tonart dem Klavier vorbehalten, während das Blasinstrument mit zarten Echos antwortet. Der Satz ist eine Art langsames Intermezzo vor dem Finale, das einmal nicht dem Klischee eines „Jagdfinales“ für Horn im Sechsachteltakt folgt. Beethoven wählte stattdessen eine mehr gesangliche Gavotte-Melodie, deren Charme sich Horn und Klavier brüderlich teilen. Man kann sich leicht vorstellen, wie der 30-jährige Klaviervirtuose Beethoven mit dem 53-jährigen Hornvirtuosen Punto hier ein Feuerwerk an virtuosem Dialog abbrannte. Nur drei Jahre später starb Punto. Beethovens Sonate blieb sein hornistisches Vermächtnis.