News

Beethoven im Jahr 1802 (nach der Elfenbeinminiatur des dänischen Malers Christian Horneman).

Beethovenwerk der Woche

Man könnte es Beethovens "Quartenquartett" nennen, sein Arrangement der Klaviersonate Opus 14 Nr. 1 für vier Streicher. Trotz seiner Abneigung gegen Bearbeitungen war der junge Meister besonders stolz auf diese Leistung. 

Eine Klaviersonate wird zum Streichquartett

1802 bearbeitete Ludwig van Beethoven seine Klaviersonate Opus 14 Nr. 1 für Streichquartett. Die pianistischen Spielfiguren der beiden Hände verteilte er höchst kunstvoll auf zwei Geigen, Bratsche und Cello. Das ursprünglich in E-Dur stehende Klavierwerk transponierte er nach F-Dur, um die tiefsten Saiten der Bratsche und des Cellos nicht zu unterschreiten. Durch Lagenwechsel, Stimmtausch, Gegenstimmen und neue Phrasierungen gelang es ihm, den Eindruck eines authentischen Streicherwerks zu erwecken. Da die Vorlage zu seinen leichteren und kürzeren Klaviersonaten zählte, gewann er so ein relativ schlichtes Quartett in drei knappen Sätzen, das im Ton spielerisch, in den Formen kompakt wirkt – also genau das Gegenteil dessen, was er in seinen sonstigen Streichquartetten anstrebte.

Beethovens Arrangement erschien im Mai 1802 im Wiener Kunst- und Industrie-Comptoir. Die Wiener Zeitung kündigte es am 14. August 1802 unter den neuen Verlagsartikeln an: Beethoven, Quartett für zwei Violinen, Alt und Violoncell, arrangirt nach einer seiner Sonaten von ihm selbst. Der Preis von 1 Gulden 15 Kreuzer war vergleichsweise niedrig – geringer als der von Beethovens großer Klaviersonate Opus 28 oder der ebenso anspruchsvollen Großen Sonate Opus 16 von Anton Eberl. Albrechtsbergers Streichsextette wurden in derselben Anzeige für das Doppelte angeboten, die neuesten Streichquintette von Franz Krommer gar für das Dreifache. Schon daran kann man ablesen, dass sich Beethoven hier mit einem „kleinen“ Streichquartett am Wettbewerb der Wiener Kammermusikmeister beteiligen wollte.

Die „unnatürliche Wut“ der Bearbeiter

Während er im Allgemeinen eine tiefe Abneigung gegen Bearbeitungen hegte, besonders gegen Arrangements von Klaviersonaten, war er auf seine eigene Lösung besonders stolz. Dies geht aus einem Brief an den Verlag Breitkopf & Härtel in Leipzig vom 13. Juli 1802 hervor. Darin schrieb Beethoven: „In Ansehung der arrangirten Sachen bin ich herzlich froh, daß Sie dieselben von sich gewiesen; die unnatürliche Wut, die man hat, sogar Klaviersachen auf Geigeninstrumente überpflanzen zu wollen, Instrumente, die so einander in allem entgegengesetzt sind, möchte wohl aufhören können. Ich behaupte fest, nur Mozart könne sich selbst vom Klavier auf andere Instrumente übersetzen, sowie Haydn auch – und ohne mich an beide großen Männer anschließen zu wollen, behaupte ich es von meinen Klaviersonaten auch, da nicht allein ganze Stellen gänzlich wegbleiben und umgeändert werden müssen, so muß man – noch hinzutun; und hier steht der mißliche Stein des Anstoßes, den um zu überwinden man entweder selbst der Meister sein muß oder wenigstens dieselbe Gewandtheit und Erfindung haben muß. Ich habe eine einzige Sonate von mir in ein Quartett von Geigeninstrumenten verwandelt, warum man mich so sehr bat, und ich weiß gewiß, das macht mir nicht so leicht ein anderer nach.“

Beethovens „Quartenquartett“

Der erste Satz des F-Dur-Quartetts ist ein Allegro moderato über ein schlichtes Thema in aufsteigenden Quarten. So wie man Haydns d-Moll-Quartett Opus 76 Nr. 2 das „Quinten-Quartett“ getauft hat, so könnte man hier von Beethovens „Quartenquartett“ sprechen, denn das Quartenthema durchzieht den ganzen ersten Satz. Am Anfang erklingt es in der hohen Geigenlage, am Ende des ersten Teils in der tiefen Lage des Cellos. Zu Beginn der Durchführung erscheint es wieder in der ersten Geige, nun aber in Des-Dur. Später kommt es zu einer Engführung zwischen Cello, Mittelstimmen und erster Geige. Im Moment der Reprise werden die Quarten von nervösen Sechzehntelläufen untermalt, in der Coda in einen ruhigen Kanon in Engführung verwandelt, der im Pianissimo ausklingt.

Von besonderer Schönheit ist der Mittelsatz, ein Scherzo, kein Andante oder Adagio. Ein tänzerisches f-Moll-Thema eröffnet den Satz im Rhythmus einer Furlana, eines Volkstanzes aus dem Friaul, den man auch in Innerösterreich kannte. Dem steht als Trio ein Ländler in der Tonart Des-Dur gegenüber. In der Vorlage, der E-Dur-Klaviersonate, war Beethoven hier von e-Moll nach C-Dur ausgewichen. Durch die Transposition um einen Halbton nach oben musste er für die Streicher die unbequeme Tonart mit fünf B’s wählen. Nach der Reprise der f-Moll-Furlana klingt noch einmal kurz das Trio ab, bevor auch dieser Satz im Pianissimo schließt.

Das Allegro-Finale beginnt eigenwillig: Sein schlichtes tänzerisches Thema wird stets von Synkopen-Wiederhaken in einer anderen Stimme begleitet. Die Sechzehntelläufe, die danach durch alle Stimmen laufen, machen den Satz technisch ebenso anspruchsvoll wie die virtuosen Triolenpassagen der ersten Geige. Im Lauf des Satzes werden die Triolen immer wilder und die Synkopen immer störrischer, bis in die letzten Takte hinein. 

Karl Böhmer