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Moritz Graf von Fries, der Widmungsträger von Beethoven Violinsonate Opus 24, in einer Zeichnung von Moritz Michael Daffinger.

Beethovenwerk der Woche

Zum Frühlingsanfang könnte es keine schönere Musik geben als Beethovens „Frühlingssonate", die F-Dur-Violinsonate op. 24. Wer sie so taufte, ist ungewiss, aber dass sie seit 220 Jahren in den Zuhörern Frühlingsgefühle weckt, steht außer Frage.

Zwei Sonaten für den Grafen Fries

In der Wiener Finanzwelt des frühen 19. Jahrhunderts hatte der Name Moritz Graf von Fries einen guten Klang – und nicht nur dort. Der Mitinhaber des Bankhauses Fries & Co. zählte zu den wichtigsten Kunstsammlern und Musikmäzenen der Donaumetropole. Joseph Haydn widmete ihm sein letztes Streichquartett, Ludwig van Beethoven gleich mehrere bedeutende Werke, der junge Franz Schubert sein Lied Gretchen am Spinnrade. Mit dem sieben Jahre älteren Beethoven verband den jungen, schneidigen Bankier eine fast freundschaftliche Beziehung. Deshalb tragen einige der bedeutendsten Werke des Meisters Widmungen an den Grafen: das Streichquintett op. 29, die Siebte Sinfonie und die beiden Violinsonaten op. 23 und 24.

Der Fehler eines Wiener Notenstechers

Die Skizzen für die F-Dur-Sonate op. 24 reichen bis in die Jahre 1794/95 zurück, also bis in die Anfangszeit Beethovens in Wien. Dennoch vollendete er sie erst 1800 – natürlich im Frühling, was aber ihren Beinamen weniger begründet haben mag als die Frühlingsgefühle, die das Werk bei zahllosen Höherinnen und Hörern seitdem ausgelöst hat. Dabei ist es nur dem Fehler eines Wiener Notenstechers zuzuschreiben, dass die Sonate zu einem eigenen Opus innerhalb von Beethoven Werkkatalog wurde. Ursprünglich hatte der Meister die F-Dur-Sonate zusammen mit ihrem Schwesterwerk in a-Moll unter einer gemeinsamen Opuszahl veröffentlicht: Deux Sonates Oeuvre 23. Da aber die Violinstimmen der beiden Werke von dem besagten Stecher in verschiedenen Formaten angelegt worden waren, erschien das Notenpaket den Käufern reichlich unpraktisch. Bei der Neuauflage trennte der Verleger deshalb die beiden Sonaten und ließ sie nun unter zwei separaten Opuszahlen erscheinen.

Der „wohlgefällige“ Beethoven

In der Allgemeinen musikalischen Zeitung wurden beide Sonaten 1802 überaus wohlwollend rezensiert. Der anonyme Kritiker rechnete sie unter die besten Sonaten, die Beethoven geschrieben habe, „und das heißt ja wirklich unter die besten, die gerade jetzt überhaupt geschrieben werden. Der originelle, feurige und kühne Geist dieses Komponisten, der schon in seinen früheren Werken dem Aufmerksamern nicht entgehen konnte, der aber wahrscheinlich darum nicht überall die freundlichste Aufnahme fand, weil er zuweilen selbst unfreundlich, wild, düster und trübe daher stürmte, wird sich jetzt  immer mehr klar, fängt immer mehr an, alles Übermaß zu verschmähen, und tritt, ohne von seinem Charakter zu verlieren, immer wohlgefälliger hervor... Diese beiden Sonaten zeichnen sich unter anderen außer strenger Ordnung, Klarheit und sich selbst treu bleibender Ausführung, noch durch die heitern, aber keineswegs flachen Scherzos aus, die, sehr zweckmäßig, in der Mitte angebracht sind.“

Mit der letzteren Bemerkung spielte der Kritiker auf den Umstand an, dass Beethoven die „Frühlingssonate“ nicht wie bei Violinsonaten üblich dreisätzig anlegte, sondern nach dem Vorbild von Streichquartett und Sinfonie um ein Scherzo erweiterte. Daraus entsteht die „sinfonische“ Form aus schnellem Kopfsatz, langsamem Satz, Scherzo und raschem Finale. In der Geschichte der Violinsonate war dies durchaus eine Neuerung, die spätere Komponisten nur in einzelnen Werken aufgreifen sollten (Schubert in der A-Dur-Sonate, Schumann in der 2. Violinsonate, Brahms nur in seiner 3. Violinsonate).

„Frühlingssonate“

Was den musikalischen Charakter anbelangt, so hat Beethoven die beiden Violinsonaten des Jahres 1800 als Gegensatzpaar angelegt: düster und melancholisch die a-Moll-Sonate, heiter und lieblich die F-Dur-Sonate. Dieser Umstand und die Tatsache, dass F-Dur im 18. Jahrhundert als Tonart der Pastorale schlechthin galt, verschaffte der Sonate Opus 24 ihren populären Beinamen „Frühlingssonate“.

Wer ihn erfunden hat, wusste nicht einmal der frühe Beethoven-Biograph A. W. Thayer zu berichten, geriet aber selbst ins Schwärmen, was die frühlingshaften Reize dieser Sonate betraf, besonders des ersten Allegro: „Sie ist eine der allerlieblichsten wegen ihres freudigen Schwunges, ihres reichen melodischen Lebens. Gleich der erste Hauptgedanke bringt die Erlösung von dem Banne, in dem die A-Moll-Sonate schmachtet, und flutet in einheitlichem Zuge über die Achttaktigkeit hinaus. Beglückt wechseln die Violine und das  Klavier im Vortrage der Hauptgedanken; hier ist alles großzügig, alles natürlich weiter wachsend, selbstverständlich, so dass auch nicht ein einziges Mal eine Stockung entsteht. Die Arpeggios des Klaviers jubeln, die Triolen der Violine, ihre Triller und Tonrepetitionen sind ein freudiges Beben, und selbst der p-Triller des Klaviers auf groß A (am Ende der Durchführung) ist auf denselben Gefühlston eingestimmt.“

Vom Adagio molto espressivo im „satteren B-Dur“ meinte Thayer, es atme nichts als „Glück und  Zufriedenheit“: „Die leichte Abdunkelung des B-Dur zum b-Moll in der Mitte des Satzes schwindet schnell vor dem tröstlichen Ges-Dur, und die Enharmonik führt sogar in das strahlende D-Dur.“ Dem „neckischen, kleinen Scherzo“ folgt das wiederum breit ausgeführte Rondofinale, das „an Melodiosität mit dem ersten Satz konkurriert“: „Die Parität der beiden Instrumente ist peinlich gewahrt; dieselben überbieten einander mit immer neuen Mitteln, dem Glücksgefühl Ausdruck zu geben. Eine kleine Coda macht dem allgemeinen Jubel ein Ende durch eine beschwichtigende Kadenz in schlichten Akkorden.“

Karl Böhmer