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Goethe vor dem mäßig bewegten Meer.

Beethovenwerk der Woche

Absoluter Stillstand, beängstigende Stagnation: Dieses Gefühl hat Goethe in seinem Gedicht Meeresstille eingefangen, auf erschütternde Weise vertont von Beethoven. Doch auf die Stille folgt Gott sei Dank die glückliche Fahrt, wenn das Leben wieder mit vollen Segeln am Wind fährt.

Ein Chorsatz von Beethoven

Im Juli 1815 brachte Beethoven ein Chorwerk mit Orchester zu Papier, das er bereits am Ende des Vorjahres skizziert hatte: Meeresstille und glückliche Fahrt nach zwei Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe. Da Mendelssohns Ouvertüre über das gleiche Goethesche Gedichtpaar wesentlich bekannter ist als Beethovens knapper Chorsatz, seien ihm hier einige Zeilen gewidmet. Das bedrückende Gefühl, das Goethe schilderte und Beethoven in Töne übersetzte, mag in Zeiten des Corona-Virus und der gegenwärtigen Ausgangsbeschränkungen eher berühren als im Getriebe des normalen Alltags.

Bedrückender Stillstand und Rückkehr ins tätige Leben

In seinem Gedicht Meeres Stille verarbeitete Goethe ein erschütterndes Erlebnis während seiner Italienreise 1787: Auf der Rückfahrt von Sizilien war sein Schiff vor Capri in eine Flaute geraten und trieb auf die Faraglioni-Felsen zu, bis endlich der rettende Wind einsetzte. In seinen Versen beschrieb der Dichterfürst die Flaute auf dem weiten Meer als tödlichen Stillstand: Beängstigend breitet sich die Stille aus, hilflos und alleine steht der Mensch in den unendlichen Weiten da. Befreiend wirkt danach der erste Windstoß, jubilierend die drängende Bewegung, die im Gedicht Glückliche Fahrt den Menschen wieder auf die Bahn kraftvollen Tätig-Seins zurückführt: „Und Äolus löset das ängstliche Band.“ Meeres Stille und Glückliche Fahrt stehen also metaphorisch für zwei Zustände im Leben des Menschen: für die deprimierende Stagnation und für die Befreiung zu neuer Aktion:

Meeres Stille 

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Fischer
Glatte Flächen ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich.
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Glückliche Fahrt 

Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land!

Beethoven vertont Goethe

In nur acht Minuten Musik hat Beethoven das Goethesche Gegensatzpaar kongenial eingefangen. Das kann man am schönsten in einer legendären Aufführung unter John Eliot Gardiner auf You Tube hören, aufgezeichnet 1996 in der Avery Fisher Hall in New York (https://www.youtube.com/watch?v=hBrJdo3xapI). Mit makellos intonierten, statischen Akkorden breitet der Monteverdi Choir London zu Beginn die bedrückende Flaute aus. Das Orchester untermalt koloristisch die leisen, liegenden Chorakkorde, anfangs mit breitem Bogenstrich, später mit fahlem Pizzicato - bis plötzlich „in der ungeheuern Weite“ ein Subito-Fortissimo des Chores zu gleißenden Blechbläsern aufblitzt. Danach sinkt die Bewegung wieder in die Statik des Anfangs zurück. Plötzlich regt sich in den Orchesterbässen ein Windstoß. In Sekunden schwillt er zur frischen Brise an, in Violinen, Flöten und Fagotten. Orgiastisch stimmt der Chor in den Rausch der Orchestertriolen ein. Ober- und Unterchor illustrieren markant den Gegensatz zwischen dem säuselnden Wind und den rührigen Schiffern. Das Teilen der Wellen wird ebenso tonmalerisch umgesetzt. Die Jubelgesänge der Neunten kündigen sich schon an, bis zum befreiten und befreienden „Schon seh ich das Land“ zum Schluss.

Drei Wiener Aufführungen

Für das Wiener Weihnachtskonzert am 25. Dezember 1815 hat Beethoven diesen Chorsatz kostenlos zur Verfügung gestellt, zum Besten des Bürgerspitalfonds. Die Uraufführung der Meeresstille fand zwischen der Ouvertüre Zur Namensfeier und dem Oratorium Christus am Ölberge statt. Dass ein Passionsoratorium am ersten Weihnachtsfeiertag erklang, störte damals wohl nur die anwesenden Kleriker. Erst fünf Jahre später, im Frühjahr 1820, kam es zu zwei weiteren Aufführungen der Meeresstille, die so erfolgreich waren, dass sie endlich auch die Drucklegung als Opus 112 nach sich zogen. Auch dieses Mal kam Beethovens weltlicher Chorsatz in einer scheinbar geistlichen Konzertserie zur Aufführung: den Concerts spirituels.

Der Kapellmeister der Wiener Augustinerkirche, Franz Xaver Gebauer, hatte diese Konzerte neu eingerichtet als „eine eigene Gesellschaft, die sich mit Ausschließung aller Concert-Musik und allen Bravour-Gesanges, bloss Symphonien und Chöre zum Gegenstand ihrer Aufführungen“ wählte. Das 15. Konzert fand Anfang April 1820 statt, wenige Tage nach Ostern, und vereinte die Meeresstille mit Beethovens Vierter Sinfonie und dem Requiem von Joseph Drechsler, dem Chorregenten der Annenkirche, der auch schöne Kammermusik komponiert hat. Am Freitag vor Pfingsten, dem 19. Mai, kam es im Landständischen Saal zum üppigen Finale der Konzertreihe inklusive einer Wiederholung der Meeresstille. Beethovens Sechste Sinfonie, die „Pastorale“, eröffnete den Nachmittag, passend zum schönen Maiwetter. Danach hörten die Wiener insgesamt sechs Chorwerke mit Orchester, hier beschrieben in den Worten eines Rezensenten:

1. einen „wirkungsreichen, rauschenden Doppel-Chor von Herrn Hof-Capellmeister Salieri“,

2. den „63. Psalm, in Musik gesetzt von Herrn Abbé Stadler, ein herrliches Tonstück“,

3. Händels Halleluja „mit vermehrter Instrumental-Begleitung von Herrn von Mosel“,

4. von Letzterem den „Hymnus an die drei Nymphen der Bacchus-Quelle“ nach Collin,

5. Beethovens Meeresstille und glückliche Fahrt sowie

6. „einen Chor und eine Fuge aus der Cantate: Heiliger, sieh gnädig, von Mozart, ein Meisterwerk, was man anbethen muss“.

So resümierte die Allgemeine Musikalische Zeitung mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat diesen Nachmittag. 

Ein Chorsatz macht Schule

Wie man sieht, gehörten einzelne Chorsätze mit Orchester schon 1820 zu den beliebtesten Programmpunkten in Wiens Konzertsälen, und das sollte bis in die Epoche von Brahms hinein so bleiben. Der Wahlwiener aus Hamburg knüpfte an Beethovens Idee einer kompakten chorischen Gedichtvertonung mit Orchester in seinem Schicksalslied nach Hölderlin an, im Gesang der Parzen und in Nänie. Beethoven wies dafür mit seinem Opus 112 den Weg, auch in der scharfen Kontrastierung der beiden Teile. Selbst im fernen Berlin fiel Beethovens Goethe-Vertonung auf fruchtbaren Boden: Der junge Felix Mendelssohn komponierte 1828 seine Konzertouvertüre Meeresstille und glückliche Fahrt. Wieder einmal war Beethoven seiner Zeit im Opus 112 weit voraus.

Karl Böhmer