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Carl Thomas Mozart, älterer Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart, Dirigent der italienischen Erstaufführung von Beethovens Christus am Ölberge am Karfreitag 1824 in Mailand.

Beethovenwerk der Woche

Christus am Ölberge, Beethovens einziges Oratorium, ist ein ungewohnter und ungewöhnlicher Begleiter durch die Karwoche: Im Gebetsringen mit dem Vater wird Jesus zum Freiheitskämpfer für die Rechte der Menschheit. 

Beethovens einziges Oratorium

Wer die Passionen Bachs liebt und kennt, wird möglicherweise irritiert auf Beethovens einziges Oratorium reagieren: Christus am Ölberge, die Darstellung von Jesu verzweifeltem Gebet in der Nacht vor der Passion. Statt Bachs erschütterndem „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir“ hört man einen Arien singenden Jesus, der sich mit Heldentenor in das Ringen um das Wohl der Menschheit stürzt – mehr Freiheitskämpfer als Menschensohn. Im Wien des Jahres 1803 wäre eine Passionsmusik mit Evangelist und den Jesusworten nach einem der vier Evangelien undenkbar gewesen. Die Tradition des Passionsoratoriums wie auch des Wiener Sepolcro verlangte nach freier Nachdichtung der Evangelien und nach der dramatischen Zuspitzung eines einzigen Moments in der Leidensgeschichte. Diese Dichtung besorgte der Wiener Publizist und Historiker Franz Xaver Huber zusammen mit dem Komponisten. Wie Beethoven selbst berichtete, wurde der Text „von mir mit dem Dichter in Zeit von 14 Tagen geschrieben; allein der Dichter war musikalisch, ich konnte mich jeden Augenblick mit ihm besprechen.“ So trägt die heroische Szene über Jesu Gebetsringen mit dem Vater ganz den Stempel Beethovens.

Tumultszene im Opernstil

Das Oratorium beginnt nach der düsteren Orchestereinleitung mit Rezitativ und Arie des Christus, gefolgt von seinem Duett mit dem Seraph, der dem Gottessohn das Urteil des Vaters verkündet. Ein Marsch lässt opernhaft das Herannahen der Schächer erahnen und eröffnet eine Tumultszene, wie man sie auch in einer Opera seria von Cimarosa oder Paër finden könnte: Jesus, zum Leiden entschlossen, tritt dem wilden Chor der Schächer gegenüber, während der Chor der verängstigten Jünger Verzweiflung und Flucht ausmalt. Auch im folgenden Terzett bildet der Doppelchor der Krieger und Jünger die Staffage für die Hauptfiguren: Petrus will sich mit kernigem Bass in den Kampf gegen die Angreifer stürzen, doch Jesus hält ihn zurück und stellt sich seinem Leiden. Gemeinsam mit dem Sopran des Seraph verkündigen sie die Quintessenz und Botschaft des Oratoriums: „O Menschenkinder, fasset dieses heilige Gebot: Liebt jenen, der euch hasset, nur so gefallt ihr Gott!“ Am Ende verwandelt sich der Chor unversehens in einen Chor der Engel: „Preiset ihn, ihr Engelschöre, laut im heilgen Jubelton“. In Wien hatte schon eine Passionskantate im Osterjubel mit Pauken und Trompeten zu enden. Kein „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, kein „O Herr, lass dein lieb Engelein“. Wären wir nicht so stark von Bachs Passionen geprägt, das Verständnis für diese Art von Passionsoratorium würde uns sicher leichter fallen. Die Zeitgenossen fanden dazu ganz aktuelle, politische Zugänge, in Mailand wie in Wien, allerdings erst Jahre nach der Uraufführung.

Mozarts Sohn dirigiert Beethoven

Mailand, Karfreitag 1824.Im Hause des kaiserlichen Obristen Giovanni Casella wird Beethovens Oratorium Christus am Ölberge aufgeführt – in deutscher Sprache. Die vornehmen Mailänder können den mitunter kruden deutschen Text von Franz Xaver Huber in eleganten italienischen Versen mitlesen. Im handgeschriebenen Libretto sind alle Mitwirkenden aufgeführt. Die Leitung übernimmt der prominenteste Bewohner des Hauses: Carl Thomas Mozart. Der ältere Sohn des großen Mozart ist als Anwalt und Musiker eine Institution im gebildeten Mailand. Seinem Freund und Hausherrn Casella ist er vielfältig verbunden, vor allem als Klavierlehrer der Tochter Constanzina. Sie sitzt bei der Oratorienaufführung am Cembalo, ein gewisser Graf Burry übernimmt den Cellopart. Es wird aus dem Klavierauszug begleitet, denn die Gesamtzahl der Mitwirkenden darf die 20 nicht überschreiten. Die Herrin des Hauses singt selbst das Sopransolo des Seraph und führt auch die fünf vornehmen Soprandamen des Chores an. Der Alt wird von vier Herren im Falsett gesungen, vier Tenöre und drei Bässe ergänzen den Chor, allesamt Mailänder aus der führenden Gesellschaftsschicht. Im täglichen Umgang mit der österreichischen Verwaltung der Lombardei haben sie ihr Deutsch gelernt. Die Tenorpartie des Christus ist dem jungen Mailänder Tenor Lorenzo Biondi anvertraut, später als „Secondo Tenore“ an der Scala ein fähiger Sänger in Opern von Rossini bis Donizetti. Den Pietro singt der Conte Belgiojoso, ein Mitglied jener Adelssippe, in die im folgenden September die berühmte Cristina Trivulzio di Belgiojoso einheiraten wird, die erklärte Feindin der Österreicher und Vorkämpferin des Risorgimento. Die begeisterte Musikmäzenin, die in ihrem Pariser Salon später Bellini, Liszt und Heine empfangen wird, ist sicher anwesend. So mischen sich an diesem Karfreitag in Mailand zu den Klängen von Beethovens Passionskantate die Hoffnungen der Italiener auf Freiheit mit den pietätvollen Gefühlen der Kaisertreuen. Die heroischen Töne, die Beethoven für das Ringen des Erlösers am Ölberg fand, fallen hier auf besonders fruchtbaren Boden.

Uraufführung in Wien

21 Jahre zuvor, bei der Uraufführung in Wien, wurde Beethovens Passionsoratorium mit Enttäuschung aufgenommen. Dies war nicht die Schuld der Musik, sondern der schwachen Aufführung und der überhöhten Eintrittspreise in einem typischen Mammut-Programm des Meisters: Am 5. April 1803, dem Dienstag der Karwoche, stellte er im Theater an der Wien gleich drei neue Werke vor: sein Oratorium Christus am Ölberge, sein Drittes Klavierkonzert und seine Zweite Symphonie. Dass er im selben Programm auch noch die Erste Symphonie dirigierte, hat den neuen Werken nicht zum Vorteil gereicht. Erschwerend kam hinzu, dass die besten Orchestermusiker Wiens am selben Tag in einem Benefizkonzert Haydns Schöpfung im Burgtheater aufführten. Beethoven musste mit der zweiten Garde Vorlieb nehmen und spielte auch selbst als Solist seines neuen Klavierkonzerts ungewohnt viele Fehler. Wie alle Ausführenden absolvierte er dieses Konzert im Zustand der totalen Erschöpfung. Die Generalprobe hatte nämlich am selben Tag stattgefunden wie in Wien üblich. Beethovens Schüler Ferdinand Ries hat darüber einen berühmten Bericht verfasst: „Die Probe fing um 8 Uhr Morgens an. Es war eine schreckliche Probe und um halb drei Uhr war Alles erschöpft und mehr oder weniger unzufrieden. Fürst Karl Lichnowsky, der von Anfang der Probe beiwohnte, hatte Butterbrot, kaltes Fleisch und Wein in großen Körben holen lassen. Freundlich ersuchte er alle zuzugreifen, welches nun auch mit beiden Händen geschah und den Erfolg hatte, dass man wieder guter Dinge wurde. Nun bat der Fürst, das Oratorium noch einmal durchzuprobieren, damit es Abends recht gut ginge und das erste Werk dieser Art von Beethoven seiner würdig ins Publikum gebracht werde. Die Probe fing wieder an.“

Enttäuschung bei den Wienern

Die Karwoche 1803 hatte in Wien schon wenig eindrucksvoll begonnen: mit einer neuen Kantate auf das Heilige Grab von Ferdinando Paër, dem Komponisten der Leonora, gesungen vom berühmten Kastraten Luigi Marchesi und erstklassigen Wiener Sängern. Dennoch waren die Kenner wie Joseph Carl Rosenbaum enttäuscht: „Abends ging ich in die Sozietäts-Akademie: Symphonie, Konzert vom Bär auf der Klarinette, dann eine neue Kantate vom Paër auf das Heilige Grab, worin Marchesi, Saal, Tochter und Simoni sangen; gefiel wenig.“  Ungleich viel mehr Anteil nahm Rosenbaum an der Passionskantate seines Bekannten Beethoven. Doch schon im Vorfeld erwarteten die Wiener eine „sicher mangelhafte Aufführung von Beethovens Kantate Christus am Ölberg“. Am nächsten Abend berichtete der Komponist Anton Eberl tatsächlich, „dass Beethoven in seiner gestrigen Akademie der berechtigten Erwartung des Publikums gar nicht entsprach, dass nichts eines großen Meisters vollkommen würdig war“.

Erhöhte Eintrittspreise

In Eberls Wertung schwingt ein weiterer Umstand mit, der die Wiener irritierte: Ausgerechnet für sein mittelmäßig dargebotenes Oratorium hatte Beethoven die Preise erhöht. Darauf kam die Allgemeine Musikalische Zeitung in ihrer Rezension zu sprechen, allerdings in reichlich überzogener Manier: „Noch gab Herr Beethoven eine Kantate von seiner Komposition: Christus am Oehlberg. Niemand hat den folgenden Tag begreifen können, warum Hr. B. bey dieser Musik die ersten Plätze doppelt, die gesperrten Sitze dreyfach, und jede Loge (statt 4 Fl.) mit 12 Dukaten sich bezahlen liess. - Allein man darf hierbey nicht vergessen, dass dieses Hrn. Beethovens erster Versuch dieser Art war. Ich wünsche aufrichtig, dass er den Kassen-Gehalt bey dem zweyten Versuche eben so ergiebig; von Seiten der Komposition aber mehr Charakterisirung und einen besser überdachten Plan haben möge.“ Beethoven machte seinem Ärger über diesen Verriss in einem Brief an die Verleger Breitkopf & Härtel in Leipzig Luft: „Dem Herrn Redakteur der M. Z. danken sie ergebenst für die Güte, die er gehabt, eine so schmeichelhafte Nachricht von meinem oratorio einrücken zu lassen, wo so derb über die Preiße, die ich gemacht, gelogen wird, und ich so infamiter behandelt bin. Das zeigt vermuthlich die Unpartheylichkeit – meinetwegen – wenn das das Glück der M. Z. macht.“ Damit war vorläufig das letzte Wort über Beethovens Oratorium gesprochen.

Drucklegung und später Erfolg

Trotz allen Ärgers musste auch Beethoven selbst zugeben, dass er mit seinem Werk nicht zufrieden war, „indem ich das Oratorium in nur einigen Wochen schrieb und mir wohl hernach einiges nicht ganz entsprach“, wie er im Folgejahr an Breitkopf & Härtel schrieb. Inzwischen hatte er einen zusätzlichen Chor eingefügt und auch sonst einige Umarbeitungen vorgenommen. Dennoch musste er weitere sieben Jahre auf die Veröffentlichung warten: Im Oktober 1811 erschien Christus am Ölberge endlich in Partitur und Stimmen bei Breitkopf. Nun war auch der Boden reif für Beethovens heroischen Christus im Ringen um das Wohl der Menschheit. Die Euphorie der Befreiungskriege bereitete dieser ungewohnten und undogmatischen Sicht der Passion den Boden. Ab 1815 kam es in Wien zu regelmäßigen Aufführungen, die allgemein Begeisterung hervorriefen. Mit seinem einzigen Oratorium erging es Beethoven wie mit seiner einzigen Oper: Erst mit Mitte Vierzig konnte er den Erfolg beider Werke genießen, die er zehn Jahre zuvor komponiert hatte.

Karl Böhmer