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Im Theater an der Wien lernte Beethoven die Geigenkunst des Konzertmeisters Franz Clement schätzen, für den er das Violinkonzert schrieb.

Beethovenwerk der Woche

Nachdem Monika Gerdes für unsere Serie "Mein Beethoven" einen so schönen Text über das Violinkonzert geschrieben hat, soll das Opus 61 auch Beethovenwerk der Woche sein.

„Das“ Violinkonzert als Prüfstein

Kein anderes Violinkonzert, nicht einmal sein eigenes, hat Felix Mendelssohn so oft dirigiert wie das Beethovensche: 1836 wurde es zum Prüfstein für die Kunst des neu ernannten Gewandhaus-Konzertmeisters Ferdinand David. Unter der Leitung seines Musikdirektors Mendelssohn sollte es der junge Geiger aus Hamburg noch häufig spielen. Im Mai 1844 gab Mendelssohn in London dem zwölfjährigen Ungarn Joseph Joachim die Chance, im Beethovenkonzert zu glänzen, wozu er die Statuten der London Philharmonic Society missachten musste, die sonst keinerlei Wunderkinder in ihren Konzerten duldete. Zu Mendelssohns Zeiten war das Beethovenkonzert also fester Bestandteil des Repertoires. Zu Beginn seiner Geschichte war dies ganz und gar nicht so. Die schiere Ausdehnung und die sinfonische Rolle des Orchesters machten das Werk für reisende Violinvirtuosen unbrauchbar. Es war denn auch ein ganz und gar ungewöhnlicher komponierender Geiger, für den Beethoven das Konzert schrieb: der Wiener Franz Clement.

„Il tuo raro talento, Clemento“

Bereits als Neunjähriger hatte der junge Wiener mit seinem Vater und „seiner Diminutiv-Geige“ eine Wunderkindreise durch Europa angetreten und darüber ein Reisetagebuch angelegt, in dem viele bedeutende Musiker der Epoche dem kleinen Wunder huldigten. So schrieb etwa der Koblenzer Hofkapellmeister Pompeo Sales nach Clements Koblenzer Konzert einen italienischen Vierzeiler ins Stammbuch:

Il tuo raro talento, Clemento, / È un ver portento: / Si può dir senza esagerazione / Che sorpassa l'immaginazione.

Dein rares Talent, Clement, / Ist ein wahres Wunder, / Man kann ohne Übertreibung sagen, / Dass es die Vorstellungskraft übersteigt.

Mit 22 Jahren wurde Clement Orchesterdirektor am Theater an der Wien, in welchem Beethoven 1803 wohnte, um sich im Theatermilieu auf seine große Oper einzustimmen. Die Beiden sahen sich täglich, bereiteten gemeinsam die Uraufführung des Fidelio in der ersten Fassung vor und die öffentliche Uraufführung der Eroica. Letztere fand 1805 in dem jährlichen Konzert statt, das dem Konzertmeister des Theaters, also Clement zustand. Zum Dank dafür hat ihm Beethoven das Violinkonzert geschrieben.

Concerto par Clemenza pour Clement

Concerto par Clemenza pour Clement primo Violino e direttore al theatro a Vienna. So schrieb der Meister über die Partitur des Violinkonzerts – ein Wortspiel mit dem Namen seines Solisten, das man leider nicht ins Deutsche übersetzen kann: „Konzert, aus Nachsicht für Clement, den ersten Geiger und Konzertmeister am Theater an der Wien“.

Clement war „von kleiner gedrungener Gestalt“ und brillierte in Passagen wie auch im Cantabile. Dies belegen seine eigenen konzertanten Werke mit Violine: Er hat zwei ähnlich monumentale Violinkonzerte in D-Dur und d-Moll geschrieben wie das Beethovensche, die von der Geigerin Mirjiam Contzen mit dem WDR Sinfonieorchester unter Reinhard Goebel eingespielt wurden, ferner ein „Concertino brillante“, Variationen mit kleinem Orchester Opus 1 und ein Streichtrio Opus 2, neben anderem. Als Konzertmeister machte er zwar er keine sonderlich gute Figur, und auch menschlich entwickelte er sich später zum „zynischen Sonderling“. Sein Spiel in den hohen Lagen aber muss außergewöhnlich rein, schön und bezaubernd gewesen sein. Nur so konnte Beethoven wagen, das Thema des ersten Satzes in seinem Violinkonzert vollständig in die dritte Oktav zu legen – ein damals ganz neuer, überwältigender Effekt. Dass der Solist nach dem langen Orchestervorspiel mit einer Kadenz einsetzt, war zwar im Klavierkonzert eine schon viel geübte Praxis, vom Geiger aber verlangt dieser Einsatz außergewöhnliche Kraft und Selbstsicherheit. Dabei lassen die zeitgenössischen Beschreibungen Clement eher als Meister der Nuance erscheinen. 1805 schrieb ein Kritiker der AMZ über ihn: „Es ist nicht das markige, kühne, kräftige Spiel, der ergreifende, eindringliche Adagio, die Gewalt des Bogens und Tones, welche die Rodesche und Viottis Schule charakterisiert: aber eine unbeschreibliche Zierlichkeit, Nettigkeit und Eleganz, eine äußerst liebliche Zartheit und Reinheit des Spiels, die Klement unstreitig unter die vollendesten Violinspieler stellt. Dabey hat er eine ganz eigene Leichtigkeit, welche mit den unglaublichsten Schwierigkeiten nur spielt, und eine Sicherheit, die ihn auch bey den gewagtesten und kühnsten Passagen nicht einen Augenblick verlässt." Diese Sicherheit konnte Clement für Beethovens Violinkonzert gut gebrauchen. 

Uraufführung im Weihnachtskonzert

Knappe fünf Herbstwochen im November und Dezember 1806 genügten Beethoven, um dieses bislang längste aller Violinkonzerte zu vollenden. Sein Ansatz war natürlich ein sinfonischer, ganz auf den Spuren der Eroica und der 1806 vollendeten Vierten Sinfonie. Am 23. Dezember 1806 fand die Uraufführung statt. Dass Clement angeblich nur zwei Tage zum Üben hatte, tat der formidablen Aufführung keinen Abbruch: Er hat das Riesenkonzert „mit größter Wirkung produziert“, wie Beethovens Schüler Carl Czerny bezeugte. In der Wiener Theater-Zeitung stand zu lesen: „Dem Publicum gefiel im allgemeinen das Koncert und Clements Phantasieren ganz außerordentlich.“ Die Kenner im Auditorium freilich rümpften die Nase: „Über Beethofens Concert ist das Urtheil von Kennern ungetheilt, es gesteht demselben manche Schönheit zu, bekennt aber, daß der Zusammenhang oft ganz zerrissen scheine, und daß die unendlichen Wiederholungen einiger gemeiner Stellen leicht ermüden könnten.“ Die sinfonische Ausdehnung des ersten Satzes und sein Festhalten am simpelsten aller Motive – dem fünffach wiederholten Ton d – war wieder einmal zu viel für die Musikkritik der kaiserlichen Hauptstadt.

Karl Böhmer