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Der Aussichtspunkt Am Himmel lockt die Wiener heute mit einem Baumkreis und dem weiten Blick nach Bratislava hinüber. Hier komponierte Beethoven 1816 sein Lied Wenn ich ein Vöglein wär.

Beethovenwerk der Woche

Auch jenseits der berühmten Adelaide verbergen sich in Beethovens Liedschaffen manche Schätze: die schönsten Mai- und Naturlieder, komponiert auf wundervollen Aussichtspunkten rund um Wien.

Beethoven auf Sommerfrische

„Es war und ist noch eine allgemeine Sitte der Wiener, deren Stellung und äußere Verhältnisse es möglich machen, entweder den ganzen Sommer oder einen Teil desselben auf dem Lande zuzubringen. Adel und Geldaristokratie ziehen sich auf ihre Landsitze zurück, mieten Villen für die Jahreszeit oder schließen sich dem Gewühle in einem der großen Badeorte an; aber auch die anderen Klassen suchen Zufluchtsstätten in den Dörfern und Weilern, welche ringsumher in den lieblichen Umgebungen der Hauptstadt liegen. Manches niedliche kleine Haus wird in denselben zu diesem Zwecke gebaut, und die Bauern haben in der Regel ein oder zwei überflüssige Zimmer, reinlich gehalten und hübsch möbliert, zum Gebrauche der Besucher freistehen. Beethovens Gewohnheit, während der heißen Monate der Stadt zu entfliehen, war daher nichts ihm Eigentümliches.“ So heißt es in der von Hugo Riemann überarbeiteten Beethoven-Biographie von Alexander Wheelock Thayer zu den Sommerfrischen des Meisters. Die kleinen Ortschaften rings um die Kaiserliche Hauptstadt lockten seinerzeit noch mit idyllischem Landleben und schöpferischer Ruhe. Döbling, Mödling und Hetzendorf, Nussdorf, Penzing und Heiligenstadt, sie alle haben ihren festen Platz in Beethovens Biographie, haben zum Werden des einen oder andern Werks beigetragen. Im Sommer 1803 komponierte er in Oberdöbling das schöne Sommerlied „Der Wachtelschlag“ und vollendete die geistlichen Lieder nach Gellert, sein Opus 48. So zieht sich durch die Musik seiner Lieder häufig ein Naturklang voll der schönsten Vogelstimmen.

Lied der Nachtigall

Ein Vogelruf eröffnet das „Lied der Nachtigall“. Beethovens Vertonung dieses Herder-Gedichts ist ein echtes Mailied, datiert auf den 3. Mai 1813. Ganz realistisch wird im Klaviervorspiel das immer schnellere Schlagen des kleinen Vogels nachgeahmt, bevor die Singstimme mit ihrer fröhlichen Frühlingsmelodie einsetzt.

Ruf vom Berge

Auf einer Landpartie 1816 komponierte Beethoven das Lied Ruf vom Berge auf Treitschkes Gedicht „Wenn ich ein Vöglein wär“. Die Tochter der Widmungsträgerin hat die Entstehungsgeschichte überliefert: „Einst wurde eine Partie auf den ‚Himmel’ (einen hübschen Aussichtspunkt in der Umgebung Wiens) gemacht, wo auch Beethoven dabei war. Mutter stand neben ihm an der schönsten Aussichtsstelle. Da zog Beethoven seine große Brieftasche heraus, riss ein Blatt aus derselben, zog mit seiner Hand fünf Linien und schrieb darauf die Melodie des nachher erschienenen Liedchens: ‚Wenn ich ein Vöglein wär.’ Er gab es meiner Mutter mit den Worten hin: ‚Na Fräulein Nanni, schreiben Sie den Bass dazu!’ Meine Mutter verwahrte stets das Blatt als teures Angedenken.“

Wachtelschlag

Auch unser drittes Lied beginnt mit einem Vogelruf: mit dem Wachtelschlag. Das gleichnamige Lied auf ein Gedicht von Sauter hat Beethoven 1803 komponiert und dabei dem Vogelruf des Anfangs eine immer wieder neue Textunterlegung gegeben: „Liebe Gott ... lobe Gott ... danke Gott ... bitte Gott ... traue Gott!“ So mahnt der kleine Vogel den Menschen durch alle Stürme des Lebens hindurch zum Gottvertrauen, was teilweise im Stil eines orchesterbegleiteten Rezitativs ausgemalt wird.

Gellert-Lieder

Das Gottvertrauen dieses Liedes findet seinen Widerhall in den ebenfalls 1803 komponierten geistlichen Gesängen nach Gellert, die Beethoven noch im selben Jahr als sein Opus 48 herausgab. In unserem Programm spiegelt die zarte Bitte des ersten Liedes seine tiefe Verzweiflung vom Sommer 1802 wider, als er in Heiligenstadt seinen langen Offenbarungsbrief an die Brüder verfasste, das so genannte „Heiligenstädter Testament“. Die Resignation angesichts der nicht mehr abzuwendenden Taubheit, die Angst vor der Isolation und vor dem Ausgestoßensein schwang noch im folgenden Sommer nach, als Beethoven in Oberdöbling jene dringliche Bitte an Gott vertonte: „Herr, meine Burg, mein Fels, mein Hort, vernimm mein Flehn, merk auf mein Wort!“ Danach symbolisiert das majestätische C-Dur des Liedes „Die Ehre Gottes in der Natur“ das unerschütterliche Vertrauen des Komponisten in die Zuwendung des Herrn und in die heilende Kraft der Natur.