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Der fantastische Pianist Fabian Müller, ARD-Preisträger und ehemaliger Stipendiat der Villa Musica, sitzt kommenden Sonntag am Flügel in Beethovens Es-Dur-Trio aus Opus 70 und im Klaviertrio des Spaniers Enrique Granados.

Beethovenwerk der Woche

Es wird eine Sternstunde der Kammermusik: Wenn Viviane Hagner am kommenden Sonntag das Es-Dur-Trio aus Beethovens Opus 70 spielt, sollte man unbedingt dabei sein. Denn die Mitspieler der Weltklasse-Geigerin sind grandios: ARD-Preisträger Fabian Müller am Flügel und Cellist Simon Eberle aus dem Kader der Villa Musica-Stipendiaten.

Beethovens Trio für eine kran­ke Grä­fin

„Denkt Euch eine sehr hüb­sche, klei­ne, fei­ne 25jährige Frau, die im 15. Jah­re ver­hei­ra­tet wur­de, gleich vom er­sten Wo­chen­bett ein un­heil­ba­res Übel be­hielt, seit den 10 Jah­ren nicht zwei, drei Mo­na­te au­ßer dem Bet­te hat sein kön­nen, da­bei doch drei ge­sun­de lie­be Kin­der ge­bo­ren hat, die wie die Klet­ten an ihr hän­gen; der al­lein der Ge­nuß der Mu­sik blieb, die selbst Beet­ho­ven­sche Sa­chen recht brav spielt, und mit noch im­mer dick ge­schwol­le­nen Fü­ßen von ei­nem For­te­pia­no zum an­dern hinkt, da­bei doch so hei­ter, so freund­lich und gut.“

So be­schrieb der Ber­li­ner Kom­po­nist und Pu­bli­zist Jo­hann Fried­rich Reichardt die un­ga­ri­sche Grä­fin Ma­rie Erdödy, der Beet­ho­ven sei­ne bei­den Kla­vier­tri­os, op. 70, wid­me­te. Im Win­ter 1808/09 stell­te Beet­ho­ven die bei­den neu­en Wer­ke im Hau­se der Grä­fin der Öf­fent­lich­keit vor. Reich­hardt hör­te sie am Sil­ve­ster­tag 1808 mit dem Kom­po­ni­sten selbst am Flü­gel und ge­riet über das Es-Dur-Trio, op. 70, 2, ins Schwär­men, „wor­in ein so himm­li­scher kan­tabler Satz (im Drei­vier­tel­takt und in As-Dur) vor­kam, wie ich von ihm noch nie ge­hört, und der das Lieb­lich­ste, Gra­ziö­se­ste ist, das ich je ge­hört; er hebt und schmilzt mir die See­le, so oft ich dar­an den­ke.“ Ge­meint war der dritte Satz.

Die Äu­ße­rung zeigt, wie sehr Beet­ho­vens Wer­ke je­ner Zeit, etwa die Fünfte und Sechste Sym­pho­nie, bei den Mu­sik­freun­den Wiens auf Zu­stim­mung, ja Be­gei­ste­rung stie­ßen.  Den­noch blieb das Ver­hält­nis des Kom­po­ni­sten zu sei­ner Wie­ner Um­ge­bung ge­spannt. Nur we­ni­ge Wo­chen nach der glanz­vol­len Ur­auf­füh­rung der Tri­os woll­te sie Beet­ho­ven nicht mehr der Grä­fin Erdödy, son­dern Erz­her­zog Ru­dolph wid­men, denn in der Zwi­schen­zeit war es zu ei­ner fürch­ter­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­ner Gast­ge­be­rin ge­kom­men. Die Grä­fin hat­te ge­mein­sam mit ih­rem Le­bens­ge­fähr­ten Jo­seph Braux­le Beet­ho­vens Die­ner be­sto­chen – für se­xu­el­le Ge­fäl­lig­kei­ten, wie der Kom­po­nist ver­mu­te­te, der ihr Haus so­fort ver­ließ, wäh­rend die Grä­fin be­teu­er­te, sie habe den Die­ner be­zahlt, um sei­nen Herrn an sich zu bin­den. Wie auch Reichardt be­merk­te, war es das größ­te Pro­blem von Beet­ho­vens Mä­ze­nen, „dem zar­ten, reiz­ba­ren und miß­traui­schen Künst­ler die Mit­tel zur An­nehm­lich­keit des Le­bens so an­zu­brin­gen, daß er sie ger­ne emp­fän­ge und auch sei­ne Künst­ler­be­frie­di­gung dar­in fän­de.“

Trio Es-Dur, op. 70 Nr. 2

Ne­ben Reichardt hat noch ein zwei­ter pro­mi­nen­ter Zeit­ge­nos­se die Tri­os op. 70 ge­wür­digt: E. T. A. Hoff­mann. Sei­ne Deu­tung des Es-Dur-Tri­os ist auf­schluss­reich, denn er er­kann­te im Hauptthema des ersten Allegro An­klän­ge an Mo­zarts gro­ße Es-Dur-Sin­fo­nie, KV 543, frei­lich nur, wie er aus­drück­lich ver­merk­te, im The­ma und nicht in der „wei­te­ren Aus­füh­rung und der Struc­tur des Sat­zes, in der wie­der der Beet­ho­ven­sche Ge­ni­us auf die ori­gi­nell­ste Wei­se her­vor­tritt.“ Ty­pisch für Beet­ho­ven ist gleich die lang­sa­me Ein­lei­tung, in der die drei In­stru­men­te ein ruhig absteigendes The­ma im frei­en Ka­non durchführen und allmählich bis zu einem dramatischen Moll-Fortissimo steigern. Die folgende kantable Episode weckt fast die Erwartung eines längeren Adagios, bis die Bewegung plötzlich ins Stocken gerät, und der schöne Hauptgedanke des Allegro einsetzt – im Dreivierteltakt und im gleichen lyrischen Duktus wie das Hauptthemas des ersten Allegros aus Mozarts großer Es-Dur-Sinfonie. Wie in Mozarts Sinfonie folgt darauf eine kraftvolle Überleitung, die freilich ganz Beethovenisch anmutet: im weiten Zug der Melodik und den ruppigen Sforzati. Als Seitenthema kehrt plötzlich der ruhige Kanon aus der Einleitung wieder, nun in den Dreivierteltakt versetzt. Die Idee, die Einleitung im Seitenthema wieder aufzugreifen, war völlig neu und weder bei Mozart noch bei Haydn anzutreffen. Dadurch schuf Beethoven inmitten des Allegros eine Insel idyllischen Gesangs mit einem besonders schönen, neuen Klavier-Cantabile, das erst in der Schlussgruppe durch Läufe und Triller förmlich zertrümmert wird. Von hier geht es nahtlos in die Durchführung, die das Hauptthema völlig verwandelt vorstellt: in düsterem Moll, drängend und leidenschaftlich. Dagegen stemmt sich das schöne Cantabile aus dem Seitenthema. Freilich bleibt der mutwillig drängende Duktus selbst in der Reprise beherrschend – so lange, bis wieder das Seitenthema mit dem schönen Kanon und dem Klavier-Cantabile einsetzt. Wenn kurz vor dem Schluss des Satzes dann noch einmal die langsame Einleitung wiederkehrt, wird ihr Thema wie aus dem Seitensatz entwickelt. Darauf folgt eine kurze, im Dreiertakt schwingende Coda, die im Pianissimo ausklingt.

Als lang­sa­mer Satz folgt kein Ada­gio, son­dern ein Al­le­gret­to, das in Ge­stalt von Dop­pel­va­ria­tio­nen zwi­schen C-Dur und c-Moll abwech­selt. Der Hauptgedanke ist ein burschikos trottender Kindermarsch, dessen kurze Vorschläge fast ironisch anmuten. Im ersten c-Moll-Abschnitt verwandelt sich dieser naive Marsch in eine martialische Musik von ungarisch rauem Charakter. Die kurzen Vorschlägen locken am Ende das Dur-Thema wieder heran, das nun in Klaviertriller gehüllt wird und dialogisch auf Cello und Geige verteilt wird. Nach dem zweiten c-Moll-Abschnitt scheint der Satz in der naiven C-Dur-Gesanglichkeit des Anfangs schließen zu wollen. Doch plötzlich kehrt noch einmal das ungarische Moll zurück, noch wilder als zuvor. Es klingt in einer skurrilen Coda aus, die fast bis zum Schluss zwischen Dur und Moll schwankt. Dabei hat Beethoven aus den kurzen Vorschlägen die äußerste Konsequenz gezogen.

Das Scherzo beginnt mit jenem „himmlischen kantablen Satz in As-Dur“, der Reichardt so entzückte: „das Lieb­lich­ste, Gra­ziö­se­ste, das ich je ge­hört“. E. T. A. Hoffmann war noch mehr vom Trio abgetan: „Das Trio hat eine ganz ori­gi­nel­le Struc­tur, in­dem es aus ab­ge­bro­che­nen Sät­zen, in de­nen Vio­lon­cell und Vio­li­ne mit dem Flü­gel wech­seln, be­steht“ (Hoff­mann). Diese „abgebrochenen Sätze“ führen tief in Mollregionen hinein und offenbaren plötzlich eine Episode, die schon Franz Schubert vorwegnimmt, der dieses Trio offenbar gut kannte und sehr liebte. Nach der Reprise des Hauptteils klingt das Trio noch einmal kurz an und wird mit dem Hauptgedanken gleichsam zur Synthese gebracht.

Das Fi­na­le hat Hoff­mann „ein freyes Spiel der auf­ge­reg­te­sten Phan­ta­sie“ genannt, ein „fort­dau­ern­des, im­mer stei­gen­des Trei­ben und Drän­gen“. Dem singenden Hauptthema geht eine Sechzehntel-Arabeske des Klaviers voran, die im Lauf des Satzes immer wieder zu gefährlichen Laufeskapaden führt. Auch deshalb ist dieser Satz bei den Streichern so gefürchtet. Als Seitenthema hat Beethoven hier einen kroatischen Tanz verwendet, den er bis zu geradezu berstender Energie gesteigert hat. Da der Satz in Sonaten-, nicht in Rondoform angelegt ist, konnte Beethoven in der Mitte alle Register seiner Durchführungstechnik ziehen, wieder auf der Basis der prekären Läufe. Zu Beginn der Reprise erklingen sie fast spieldosenhaft hell und hoch, bevor der Meister zur nächsten Runde bizarrer Klangexperimente ansetzte. In der Coda gibt es kein Halten mehr – einer der mitreißendsten Schlüsse im gesamten Schaffen Beethovens.

Karl Böhmer