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Der französische Geiger Rodolphe Kreutzer, der die Widmung von Beethovens berühmtester Violinsonate entgegennahm, sie aber nie spielte.

Beethovenwerk der Woche: Kreutzersonate

Eine weltberühmte Violinsonate für zwei Geiger: Beethoven hat seine A-Dur-Sonate Opus 47 ursprünglich für den Briten George Bridgetower geschrieben, sie dann aber dem Franzosen Rodolphe Kreutter gewidmet, dem sie den Beinamen verdankt.

Sonata mulattica“

Obwohl sie zu den berühmtesten Werken Beethovens gehört, hat die so genannte „Kreutzersonate“ ihren populären Beinamen erst auf etlichen Umwegen erhalten. Der erste Titel, den der Komponist ihr verlieh, war kaum dazu angetan, vor der Nachwelt Bestand zu haben und entspricht auch keineswegs heutigen Vorstellungen von „political correctness“: Sonata mulattica – „mulattische Sonate“. Bekanntlich handelt es sich bei Mulatten um Kinder aus Mischehen zwischen Farbigen und Weißen, und eben einer solchen entsprang auch der erste Adressat von Beethovens großer Sonate, der englische Geiger George Bridgetower. Da sich der Komponist mit diesem exzentrischen Virtuosen später ebenso gründlich entzweite wie er sich anfangs blendend mit ihm verstanden hatte, ging die Widmung der Sonate an den französischen Geiger Rodolphe Kreutzer über, der das Stück angeblich aber nie gespielt hat. Der Name des Opus 47 enthält also Einiges an inneren Widersprüchen.

George Bridgetower alias „Brischdauer“

Kehren wir zunächst zu jenem „Mulatten“ zurück, dem Beethoven die Sonate auf den Leib geschrieben hat: Vater Bridgetower diente als farbiger Kammerpage beim Fürsten Nikolaus von Esterházy, dem Dienstherren Haydns. Der Sohn gab später an, ein Schüler Haydns gewesen zu sein, was zutreffen mag oder nicht. Jedenfalls nahm ihn der Prince of Wales 1790 in London als Kammermusiker auf. Bei seinem ersten Gastspiel in Wien 1803 sorgte Bridgetower für Aufsehen, so dass auch Beethoven neugierig wurde. Aus den beiden jungen Musikern wurde kurzfristig ein Duo, das sich künstlerisch perfekt ergänzte. Zeugnis der anfangs engen und durchaus jovialen Freundschaft ist der besagte Originaltitel der Sonate. Er bezeugt nicht nur Beethovens rheinischen Humor, sondern auch seine Aussprache des englischen Nachnamens seines Mitstreiters:

Sonata mulattica, composta per il mulatto Brischdauer, gran pazzo e compositore mulattico („Mulattische Sonate, komponiert für den Mulatten Brischdauer, einen großen Verrückten und mulattischen Komponisten“)

Uraufführung im Augarten

Ein gemeinsames Konzert konnte bei so viel Einverständnis nicht lange auf sich warten lassen: „Bei einer wohllöblichen K.K.Ober-Polizey-Direktion zu Wien“ ging am 9. Mai 1803 ein Gesuch Bridgetowers ein, „am künftigen Montag in dem allhiesigen K. K. Augarten eine Musikalische Akademie gegen Ertrag von 2 Gulden pro Billet zu seinem Vortheil“ geben zu dürfen. Also fand an jenem Maimontag des Jahres 1803 um 13 Uhr nachmittags in der großen Allee des Augartens die Uraufführung der berühmtesten aller Violinsonaten statt. Sie übertraf an Ausdehnung und Virtuosität alles bislang Dagewesene. Nicht nur deshalb war die Premiere eine kuriose Angelegenheit: Bridgetower spielte aus der erst am selben Morgen um 8 Uhr fertig gewordenen Geigenstimme, Beethoven aus einem fragmentarischen Klaviermanuskript, denn zum Ausschreiben des vollständigen Klavierparts hatte die Zeit nicht mehr gereicht. Ob es dies war oder ein anderer Begleitumstand, der die Wiener amüsierte – Carl Czerny jedenfalls berichtet, dass man Musiker und Werk bei der Uraufführung ausgelacht habe! Bald nach dem Konzert kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden Musikern, angeblich über eine Wiener Schönheit, die beide begehrten, aber Bridgetower erobern konnte. Näheres ist nicht bekannt.

Rodolphe Kreutzer in Wien

Vor der Veröffentlichung der Sonate kreuzte ein anderer berühmter Geiger Beethovens Lebenswegs: der Franzose Rodolphe Kreutzer. Er war schon einmal fünf Jahre früher in Wien gewesen, und zwar im Gefolge des französischen Gesandten, General Bernadotte. Nachdem Bernadotte an der französischen Botschaft die Trikolore hatte anbringen lassen, musste ihn die Wiener Polizei vor der Lynchjustiz der aufgebrachten Bevölkerung schützen, denn einen verlorenen Krieg gegen die Franzosen hatte man gerade erst hinter sich, der zweite, noch viel katastrophalere stand bevor. Da konnte es den Franzosen nur recht sein, dass sich wenigstens der Geiger Kreutzer in die Herzen der Wiener spielte. Auch 1803 wurde er wieder mit großer Begeisterung begrüßt. Beethoven war von seinem Spiel angetan, denn der Franzose war das genaue Gegenteil eines Virtuosen – also auch ein Antipode Bidegtowers: „ein guter lieber Mensch, der mir bei seinem hiesigen Aufenthalt sehr viel Vergnügen gemacht. Seine Anspruchslosigkeit und Natürlichkeit ist mir lieber als alles Extérieur oder Intérieur aller Meister Virtuosen – da die Sonate für einen tüchtigen Geiger geschrieben ist, umso passender die Dedication an ihn.“

Sonata in uno stilo molto concertante quasi come d'un Concerto

Chronologisch erscheint die Sonate als Gegenstück zur Dritten Symphonie, der ebenfalls 1803 vollendeten Eroica. Wie diese alle Grenzen des bislang gültigen Begriffs von Sinfonie sprengt, so übertrifft jene alle früheren Violinsonaten, was schon der Originaltitel zum Ausdruck bringt:

Sonata per il Pianoforte ed un Violino obbligato, scritta in uno stilo molto concertante quasi come d'un Concerto ("Sonate für Klavier und obligate Violine, geschrieben in einem überaus konzertierenden Stil, fast wie in einem Konzert")

Der Ausdruck „quasi d'un Concerto“ erinnert an das Sonata quasi una fantasia der beiden Klaviersonaten Opus 27 aus dem Jahre 1801. Beethoven reizte damals die Grenzen von Sonate und Sinfonie systematisch aus. Dabei gab es einen besonderen Grund für den "stilo molto concertante" der Violinsonate: Ihr Finale lag bereits vor, als Beethoven mit der Arbeit begann. Er hatte diese virtuose Tarantella ursprünglich für die Violinsonate op. 30 Nr. 1 komponiert, dann jedoch, da sie ihm zu den ersten Sätzen nicht zu passen schien, gegen Variationen ausgetauscht. Der nun alleinstehende Satz verlangte nach Vervollständigung in einem ähnlich brillanten Stil, was die ersten Sätze vollendet einlösen.

Drei große Sätze

Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung wie bereits mehrere Violinsonaten von Mozart. Das provozierend Neue an Beethovens Einleitung besteht aber darin, dass der Geiger alleine einzusetzen hat – ohne jede Begleitung. Die harmonische Fülle, die man von einer solchen Introduktion für gewöhnlich erwartet, wird nur durch Akkordgriffe auf dem Streichinstrument suggeriert, worauf das Klavier in weiter Lage antwortet. Der Dialog der beiden Instrumente entwickelt sich in äußerster Ruhe zum feierlichen Zwiegesang. Im folgenden Allegro dagegen überschlagen sich die Ereignisse: Der stürmische Anlauf des a-Moll-Hauptthemas leitet sofort zu einer heroischen Fermate in Dur über. Der stile molto concertante wird nicht durch virtuose Passagen für die Instrumente eingelöst, sondern durch eine Fülle wild-bewegter Tremoli, Akkordbrechungen und anderer Affektfiguren. In der stürmischen, ja geradezu orchestralen Entladung dieser Affektgebärden bildet nur das lyrische Seitenthema eine Insel der Ruhe. Die Schlussgruppe bündelt als misanthropischer Tanz mit leicht ungarischem Akzent die rhythmische Energie des Satzes.

Der Mittelsatz besteht aus einem F-Dur-Thema mit Variationen - einer der großen, klanglich reich abschattierten Variationensätze Beethovens, in dem Klavier- und Violinklang zu immer neuen pastoralen Mischungen verschmelzen.

Das Finale bezieht seine unbändige Kraft aus dem Tarantella-Rhythmus und aus der engen kontrapunktischen Verflechtung der beiden Instrumente. beiden Instrumente. 

Karl Böhmer