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Candida Thompson, Schottin in Amsterdam mit Guarneri-Violine: Primaria in Beethovens A-Dur-Quartett mit wundervollen Stipendiatinnen und Stipendiaten. Samstagabend in Mainz zwei Mal eine ganz wundervolle, heutere, gelöste Interpretation.

Beethovenwerk der Woche: Quartett op. 18 Nr. 5

Es zählt zu den eher selten gespielten Streichquartetten des Meisters: das A-Dur-Quartett aus Opus 18 mit seinem skurrilen Kopfsatz, den feierlichen Variationen und dem Menuett, das wie ein Geigenduett beginnt.

Beethoven anno 1800

Im Dezember 1800 gab Ludwig van Beethoven seine sechs Streichquartette op. 18 an den Verleger Mollo, der sie 1801 in zwei Lieferungen herausbrachte. Es war der erste Quartettzyklus des Meisters und der symbolische Beginn des 19. Jahrhunderts im Genre Streichquartett. Bereits 1799 hatte Beethoven diesen Zyklus praktisch vollendet, dann aber für eine Überarbeitung wieder zurückgezogen. In Teilen gingen die Stücke auf Entwürfe aus seinen Bonner Jugendjahren zurück, doch hob er sich den Gedanken an sein erstes Quartett-Opus für reifere Jahre auf. Dem anspruchsvollsten Genre der Kammermusik näherte er sich erst nach der Publikation seiner fünf Streichtrios, der Klaviertrios op. 1 und der Violinsonaten op. 12 – durchweg erfolgreiche Serien, die ihn quasi über Nacht zum international berühmten „Star“-Komponisten der Kammermusik machten. Seine Skrupel gegenüber dem Streichquartett, ausgelöst durch die großen Quartettzyklen Mozarts und Haydns, waren auch im Jahr 1800 noch nicht überwunden. Bereits im Sommer 1799 hatte er die Urfassung des ersten Quartetts mit begeisterten Worten seinem Jugendfreund Carl Amenda nach Riga geschickt, doch ein Jahr später forderte er ihn auf: „Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss, wie du sehen wirst, wenn du sie erhalten hast.“ 

Mozartisches A-Dur und bizarre Beethoven-Einfälle

Unter Mozarts Streichquartetten liebte Beethoven besonders das A-Dur-Quartett KV 464, das vorletzte der „Haydn-Quartette“ von 1785, dessen Finale er sich eigenhändig kopierte. In seinem eigenen A-Dur-Quartett ist die Huldigung an Mozart nicht zu überhören. Der Kopfsatz, ein kapriziöses Allegro im 6/8-Takt, wurde offenbar vom ersten Satz der A-Dur-Violinsonate KV 526 inspiriert: Ansteckend heiter, rhythmisch vertrackt und mit den Finessen von Artikulation und Bogenstrich spielend. Nach der kecken Einleitung steigt die erste Geige im kantablen Hauptthema in die hohe Lage hinauf, gefolgt von flinken Läufen und bizarren Lagenwechseln in der Überleitung. Das zweite Thema beginnt in der tiefen Lage im Piano als mürrisches Unisono in e-Moll. Es wendet sich nach C-Dur und schließlich nach E-Dur, gefolgt von einer kontrapunktischen Durchführung seiner Motive, die im Pianissimo beginnt, um sich danach forte in die höchste Geigenlage aufzuschwingen. Die Schlussgruppe im kompakten Staccato wird von der ersten Geige mit draufgängerischen Dreiklangsbrechungen beendet. In der Durchführung hat Beethoven alle vier Elemente der Exposition einer Charakterverwandlung unterzogen: zuerst die Schlussgruppe, dann das Hauptthema, das nun in einen pastoralen Bordunklang gehüllt wird. Hauptmaterial sind die Überleitung mit ihren Lagenwechseln und das Seitenthema. Der burschikose Charakter bleibt bis zum Schluss dominant.

Das Menuett ist ein Beethovenscher Scherz, denn es bleibt für  die ersten zwölf Takte ein Geigenduett. Bei der Wiederholung wandert dieselbe Duettmelodie in Bratsche und Cello, während die Geigen dazu nachschlagende   Viertel spielen – im Duktus eines Walzers. Aus der skurrilen Duett-Idee hat Beethoven im zweiten Teil erstaunlich dramatische Funken geschlagen. Das Trio entlockt der Tonart A-Dur eine rustikale Note: Zweite Geige und Bratsche spielen eine Ländlerweise, zur widerhakenden Tanzboden-Begleitung der Außenstimmen.

Der langsame Satz besteht aus fünf Variationen und einer Coda über ein feierliches D-Dur-Thema im Andante cantabile. Es hebt mit dem Intervall der aufsteigenden   großen Sexte an und wird von Durchgängen und Vorhalten der Bratsche begleitet, beinahe wie ein Kirchenhymnus. In den Variationen hat Beethoven diesen feierlichen Charakter nach und nach konterkariert: vom Staccato der ersten Variation über die Geigentriolen der zweiten bis hin zur Coda, die überraschend von D-Dur nach B-Dur ausweicht. Nur die vierte Variation kehrt zur sublimen Ruhe des Themas zurück. Manches Detail im Streichersatz verrät, dass der Klaviervirtuose Beethoven hier noch pianistisch gedacht hat, wie etwa die skurrile Wechselnotenfigur der dritten Variation oder die „Klavierbässe“ im Cello zu einem Diskanttriller in der fünften Variation.

Zum Allegro-Finale ließ sich Beethoven von Mozarts Prager Sinfonie anregen: Wie in deren Finale setzt ein Dreiachtelauftakt eine Kette kontrapunktischer Verwicklungen  in Gang, die den ganzen Satz tragen. Das schöne Seitenthema im Pianissimo und manche Motive erinnern an den von Beethoven so  geliebten Finalsatz aus KV 464.