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Beethoven zur Zeit, als er das "Gassenhauer-Trio" schrieb und sich einen berüchtigten Klavierwettstreit mit Steibelt lieferte.

Beethovenwerk der Woche

Beethoven war bei weitem nicht der Einzige, der das berühmte Terzett aus Joseph Weigls Oper L'amor marinaro in kammermusikalischen Variationen verarbeitete. Aber nur durch sein Trio Opus 11 wurde Weigls "Gassenhauer" unsterblich.

Gassenhauer anno 1797

Am 15. Oktober 1797 feierte im Hofburgtheater zu Wien eine neue „Commedia per musica“ ihre Premiere: L’amor marinaro von Joseph Weigl. Der langjährige Assistent von Antonio Salieri landete mit dieser Opernkomödie einen Volltreffer, vor allem dank des brillanten Librettos von Giovanni da Gamerra, den man heute meistens als Librettisten von Mozarts Mailänder Opera seria Lucio Silla kennt. Der Offizier und Wiener Hofdichter stellte hier sein komisches Talent unter Beweis: Eine eitle Sängerin, ein stotternder Graf, ein geldgieriger Kapellmeister, der sich in Solmisation übt, und ein singender Diener bilden das kuriose Personal im Hause des Kapitäns Libeccio, der auf einer Schiffsreise gerade eine unliebsame Begegnung mit Freibeutern gemacht hat (daher der deutsche Titel „Der Korsar aus Liebe“). Zu Beginn des zweiten Aktes beauftragt der Kapitän den Kapellmeister, seinen Diener im Gesang zu unterrichten. Maestro Cisolfautte stellt seine Bedingungen (man lese: „Ci sol fa ut te“, eine Verballhornung von Solmisationssilben, als Gemisch aus Italienisch und Latein aber auch lesbar im Sinne von „Wie du mir, so ich dir“): Zuerst verspottet der Musiker die Eitelkeiten der Primadonnen, dann beschließt er, den Auftrag anzunehmen, möchte davor aber eine Jause serviert bekommen, eine „merenda“. Notgedrungen stimmen der Kapitän und sein Diener in diesen Wunsch ein:

Pria ch’io l’impegno / Magistral prenda / Far vuò merenda / far vuò merenda. („Bevor ich diese magistrale Aufgabe übernehme, möchte ich Jause halten!“)

Man singe diese vier Verse zu dem Thema, das Beethoven dem Finale seines Trios Opus 11 zugrunde legte, und man hat den penetrantesten Gassenhauer im Ohr, der jemals die Straßen Wiens heimsuchte – unweig(er)lich.

Gassenhauer alla Beethoven

Warum selbst Beethoven dem Fluch dieser Melodie nicht entkommen konnte, haben die Zeitgenossen unterschiedlich erklärt: Der Wiener Verleger Artaria behauptete, er habe das Thema Beethoven gegeben, „mit der Bitte, es mit Variationen in ein Trio zu bringen; der Komponist habe zufällig nicht gewusst, dass das Thema von Weigl war, bis das Trio fertig war, und es sei ihm sehr unangenehm gewesen, als er es erfahren habe“. Diesem Bericht ist schon allein deshalb nicht zu trauen, weil Beethoven selbst die Anfangszeile des Terzetts von Weigl in seine Noten geschrieben hat: „Pria ch’io l’impegno“. Glaubwürdiger klingt Carl Czernys Anmerkung, ursprünglich auf Englisch verfasst: „Es war der Wunsch des Klarinettisten, für den Beethoven dieses Trio geschrieben hat, er möge doch für das Finale das erwähnte Thema von Weigl benutzen, das damals sehr populär war. In einer späteren Zeit hat Beethoven oft darüber nachgedacht, einen anderen Schluss-Satz für das Trio zu schreiben, und die Variationen separat herauszugeben.“ Die „Weigl-Variationen“ waren dem Komponisten also keineswegs peinlich, im Gegenteil: Als eigenständiges Opus hätten sie ihm mehr Geld eingebracht als im Rahmen des Trios. Letzteres hätte er dagegen gerne von dem allzu plakativen „Gassenhauer“ gereinigt, war er doch keineswegs der Einzige, der Variationen über „Pria ch’io l’impegno“ komponierte. Der Bratschenvirtuose und Paganini-Freund Alessandro Rolla schrieb solche als Gran Duo für zwei Klarinetten, der böhmische Organist und Beethoven-Bearbeiter Charles Khym als Variationensatz in seinem Grand Duo für Violine und Viola. In solcher Dutzendwahre der Bravourvariationen über Weigls Thema sind und bleiben Beethovens Trio-Variationen der Edelstein.

Die Steibelt-Affäre

Umso verwegener war es, was sich der Pariser Klaviervirtuose Daniel Steibelt (1765-1823) bei einem Besuch in Wien leistete: In Gegenwart Beethovens spielte er eigene Variationen über den Gassenhauer von Weigl. Wie es dazu kam und welch grausame Strafe Steibelt über sich ergehen lassen musste, hat der Beethoven-Schüler Ferdinand Ries in den Erinnerungen an seinen Lehrer erzählt. Obwohl er behauptete, bei der beschriebenen Aufführung des Opus 11 habe es sich um die Uraufführung gehandelt, ist dies wenig wahrscheinlich: Beethoven komponierte das Trio in der ersten Jahreshälfte 1798, und schon im Oktober desselben Jahres erschien es im Druck, wohl nach der Uraufführung. Steibelt kam aber erst im Mai 1800 nach Wien. Es muss sich also um eine spätere Aufführung des Trios gehandelt haben, in Anwesenheit Steibelts. Sie fand im Hause des Grafen Fries statt. Ries' Bericht beginnt mit einer Bemerkung über den nicht sehr dankbaren Klavierpart des Beethoven-Trios Opus 11:

„Der Spieler kann sich hierin nicht besonders zeigen. Steibelt hörte es mit einer Art Herablassung an, machte Beethoven einige Complimente und glaubte sich seines Sieges gewiß. – Er spielte ein Quintett von eig’ner Composition, phantasirte und machte mit seinen Tremulandos, welche damals etwas ganz Neues waren, viel Effect. Beethoven war nicht mehr zum Spielen zu bringen. Acht Tage später war wieder Concert beim Grafen Fries. Steibelt spielte abermals ein Quintett mit vielem Erfolge, hatte überdies (was man fühlen konnte) sich eine brillante Phantasie einstudirt und sich das nämliche Thema gewählt, worüber die Variationen in Beethovens Trio geschrieben sind; dieses empörte die Verehrer Beethovens und diesen selbst; er musste nun ans Clavier, um zu phantasiren; er ging auf seine gewöhnliche, ich möchte sagen, ungezogene Art ans Instrument, wie halb hingestoßen, nahm im Vorbeigehen die Violoncell-Stimme von Steibelts Quintett mit, legte sie (absichtlich?) verkehrt herum aufs Pult und trommelte sich mit einem Finger von den ersten Tacten ein Thema heraus. – Allein nun einmal beleidigt und gereizt, phantasirte er so, dass Steibelt den Saal verließ, ehe Beethoven aufgehört hatte, nie mehr mit ihm zusammenkommen wollte, ja es sogar zur Bedingung machte, dass Beethoven nicht eingeladen werde, wenn man ihn haben wollte.“ (Ferdinand Ries, Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven, Koblenz 1838)

Die gereizte Klavierfantasie über das Unsinnsthema von Steibelt hat Beethoven offenbar nicht aufgeschrieben. Während aber Steibelts Quintett und dessen Fantasie über den „Gassenhauer“ längst vergessen sind, gehört Beethovens Trio Opus 11 auch heute noch zu seinen beliebtesten Werken.

Zur Musik

Erster Satz, Allegro con brio (Rasch, mit Feuer): Der bedeutendste Satz des sogenannten „Gassenhauertrios“ ist der erste „mit seinem kühnen, stolz gerichteten Grundzuge, stellenweise mit einer gewissen Feierlichkeit" (A. W. Thayer). Die klassische Sonatenform ist großzügig ausgeprägt – mit stolzem Hauptthema, weichem Seitensatz und Überleitungen, die dem Pianisten Beethoven reichen Raum zu „gewaltigem“ Passagenwerk ließen. Übrigens ist die Klarinettenstimme nicht so idiomatisch auf das Instrument bezogen wie etwa in Mozarts Klarinettenwerken. Es macht Sinn – und wurde in der Geschichte dieses Trios vom Erstdruck bis heute auch immer wieder vorgesehen –, das Trio mit Violine statt Klarinette zu spielen.

Zweiter Satz, Adagio (Ruhig): Das kurze Adagio, obwohl nur eine Art Überleitung zum Finale, kann durch seine ausdrucksstarke Melodik zu den schönsten Einfällen des frühen Beethoven gerechnet werden.

Dritter Satz, Tema Allegretto con Variazioni (Thema, ein wenig rasch, mit Variationen): Dem penetranten Charme des Gassenhauers im Finale kann man sich schwerlich entziehen, noch weniger freilich der Kunst, mit der Beethoven diesen Schlager durch seine Variationen veredelt hat. Schon die Zeitgenossen vermerkten wohlwollend, dass der Meister hier „die faden Leyersachen von öfters berühmtern Männern weit hinter sich zurück ließ“, ohne allzu künstlich zu werden. Das Trio sei „doch fließender als manche anderen Sachen vom Verfasser“ und „mehr natürlich als gesucht“ geschrieben.

Karl Böhmer