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Ignaz von Gleichenstein, Widmungsträger der Cellosonate Opus 69 und von 1800 bis 1823 Inhaber jenes Weinguts in Vogtsburg-Oberrotweil, das heute ihm zu Ehren die Beethoven-Edition OPUS69 anbietet, produziert von seinen Nachfahren.

Beethovenwerk der Woche

Seine fantastisch schöne Cellosonate in A-Dur hat Beethoven einem Juristenfreund aus Staufen bei Freiburg gewidmet. Dessen Nachfahren produzieren noch heute einen vorzüglichen badischen Weißwein mit dem Namen OPUS69.

Beethovens pastorale Cellosonate

In den Jahren 1807 und 1808 arbeitete Beethoven parallel an einigen seiner berühmtesten Werke: an der C-Dur-Messe, der 5. Sinfonie und 6. Sinfonie sowie dem „Geistertrio“. Unmittelbar nach den beiden Sinfonien, Opera 67 und 68, und vor den beiden Klaviertrios Opus 70 brachte er die A-Dur-Sonate Opus 69 im Druck heraus, sein monumentalstes Werk für Violoncello und Klavier. In ihrem pastoralen Duktus, dem weichen Ausbreiten flächig schöner Melodien steht sie der „Pastorale“ hörbar nahe und veranschaulicht auf idealtypische Weise den lyrisch-gesanglichen Duktus des „mittleren Beethoven“, der sich vom kraftvollen Pathos der großen Mollwerke abhebt. Beim Anhören dieser Sonate darf man durchaus an das herrliche Thema der Celli im langsamen Satz der Fünften denken, aber auch an die schönen Cellopassagen in der Messe oder in der „Pastorale“.

Ein Cello spielender Juristenfreund

Gewidmet ist diese Sonate einem dilettierenden Wiener Cellisten: dem Freiherrn Ignaz von Gleichenstein. Der Angestellte eines Regierungsbüros gehörte zu den wenigen engen Freunden Beethovens in jener Zeit - wie übrigens auch ein anderer begeisterter Cellist und Kammermusiker: Nikolaus Zmeskall von Domanovecs, dem das Streichquartett Opus 95 dediziert wurde. Diese beiden Fälle zeigen, wie sehr sich Beethoven trotz allerhöchster Protektion, von der die Widmungen seiner Sinfonien und Messen zeugen, auch seinem unmittelbaren, eher bürgerlichen Umfeld verpflichtet fühlte. Nicht zufällig waren es Cellisten, die hier den Ton angaben – Anzeichen für eine sich ausbreitende Cellomode im Wien des frühen 19. Jahrhunderts.

Eine knifflige Aufgabe

Als Ignaz von Gleichenstein im Sommer 1808 von Wien aus seine badische Heimat in der Nähe von Freiburg besuchte, gab ihm Beethoven ein Empfehlungsschrieben an den Münchner Hofkapellmeister Peter Winter mit: „Hier, mein Lieber, Dein Brief an Winter. – Erstens steht darin, daß Du mein Freund bist – zweitens, was Du bist, nämlich K. K. Hofkonzipist – drittens, daß Du kein Kenner von Musik, aber doch ein Freund alles Schönen und Guten.“ So vertraut schrieb Beethoven nicht an viele Freunde. Als Gleichenstein Anfang 1809 aus Freiburg zurückkehrte, brachte er sicher den wunderbaren Weißwein mit, der noch heute von seinen Nachfahren auf dem eigenen Weingut produziert wird. In Wien aber erwarteten ihn drei erstaunliche Neuigkeiten: Beethoven hatte aus Kassel das Angebot erhalten, Hofkapellmeister von Napoleons Bruder, dem „König von Westfalen“, zu werden. Dem stand ein gegenteiliges Angebot der Fürsten Kinsky und Lobkowitz sowie des Erzherzogs Rudolph gegenüber, ihn durch eine Leibrente an Wien zu binden. Es brauchte Gleichensteins gesamten juristischen Sachverstand, um das zweite Projekt unter Dach und Fach zu bringen, so dass dem ersten Projekt ein Riegel vorgeschoben wurde. Geschickt hatte Beethoven dafür gesorgt, dass Gleichenstein gar nicht anders konnte, als diese anstrengende Aufgabe zu übernehmen: Während der Abwesenheit des Freundes hatte er eine Cellosonate für ihn komponiert, das wundervolle Opus 69. Als Gleichenstein im Januar in Wien eintraf, war sie schon vollendet und bereits beim Verlag. Der Widmungsträger konnte gerade noch verhindern, dass der für ihn unangenehme Titel „K. K. Hofkonzipist“ in der Widmung der Ausgabe erschien. Ansonsten dürfte er sich über das Werk rückhaltslos gefreut haben: Es war die bislang schönste, gesanglichste und reifste Sonate, die ein großer Komponist für Cello und Klavier geschrieben hatte.

Sonate ohne wirkliches Adagio

Der Beginn der Sonate ist Programm: Das Cello setzt ohne jede Begleitung ein und spielt ein Thema von äußerster Schlichtheit, nur aus Vierteln und Halben bestehend. Aufstieg vom Grundton zur Quint und Sext, dann Wieder-Absinken und ein Sich-Öffnen für den Einsatz des Klaviers - der unspektakuläre Beginn einer Sonate, in der durchweg das Cello den satt singenden Ton angibt. Im weiteren Verlauf dieses gemäßigten Allegro gesellen sich zum Hauptthema zwei weitere im Charakter ähnliche Themen, während ein drängender Molleinschub für Spannung in der Entwicklung sorgt. In der Durchführung hat Beethoven besonders lange am ausgewogenen Dialog der beiden Instrumente gefeilt, wie das Autograph beweist. Auf den so weit ausholenden, maßvollen Kopfsatz ließ Beethoven zunächst das drängende Scherzo folgen, ein nervöses Tanzstück in a-Moll, das gleich mit Synkopen einsetzt. Die rhythmische Spannung dieses Hauptmotivs wird in ständigem Schlagabtausch der Instrumente gesteigert, während das Trio zum gesanglichen Ausdruck und zu lyrischer Klangfülle (mit Doppelgriffen im Cello) zurückkehrt. Wie in den sinfonischen Scherzi Beethovens aus jener Zeit wechseln Hauptteil und Trio zweimal ab, so dass die zweite Reprise des Mollteils eine fünfteilige Form abrundet. Obwohl das innige Adagio cantabile in E-Dur den langen Atem eines großen langsamen Satzes verheißt, handelt es sich doch nur um eine kurze, träumerisch versonnene Einleitung zum Finalrondo – ganz ähnlich wie in der „Waldsteinsonate“. Das Rondo selbst erinnert im melodischen Duktus an den Kopfsatz des Streichquartetts Opus 59,1, entfaltet jedoch im weiteren Verlauf brillante Spielfreude und virtuosen Finalcharakter.

Karl Böhmer