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Giuseppe Sarti, Domkapellmeister in Mailand, Opernkapellmeister von Katharina der Großen, viel bewundert von den Zeitgenossen, 1802 in Berlin verstorben, der Komponist des Terzetts "Tremate, empi, tremate" aus dem Medonte, das Beethoven neu vertonte.

Beethovenwerk der Woche

„Maestro Bettoni“: So nannte sich Beethoven auf der Partitur seines Terzetts „Tremate, empi, tremate“. Im Genre des dramatischen italienischen Opernterzetts hatte er zwei berühmte Vorbilder: seinen Kollegen Giuseppe Sarti und den unvergesslichen Tenor Vincenzo Maffoli.

Beethovens italienisches Opernterzett

Im Allgemeinen assoziiert man Ludwig van Beethoven nicht mit dem italienischen Opernstil, mit kantablen Arien und dramatischen Ensembles. Seine einzige Oper schrieb er in deutscher Sprache, seine Neunte Sinfonie krönte er durch Schillers Ode an die Freude. Doch gerade im Schatten der Neunten präsentierte er 1824 seinen eindrucksvollsten Beitrag zum großen italienischen Opernensemble: das Terzett „Tremate, empi, tremate“. 

Der 23. Mai 1824 war in Wien ein windiger und kühler Tag, zu ungemütlich, um draußen zu essen. Trotzdem fanden nicht allzu viele Wiener um die Mittagszeit den Weg in den großen Redoutensaal, wo ein glanzvolles Konzert auf sie wartete. Die Stars der italienischen Oper waren allesamt angetreten: die Primadonna Girolama Dardanelli, der gefeierte Tenor Giovanni David und der Bassist Vincenzo Botticelli. Seit Rossinis Besuch im Sommer 1822 hatten sie der italienischen Oper in Wien einen Höhenflug beschert wie schon lange nicht mehr. Doch an diesem Mittag stand von Rossini nur die Arie „Di tanti palpiti“ aus dem Tancredi auf dem Programm. Viel gewichtiger war das italienische Terzett von Beethoven, das die drei großen Stimmen aus dem Süden anstimmten. Joseph Carl Rosenbaum notierte: „Mittags Beethovens Konzert im Großen Redoutensaal; die Dardanelli, dann David, Donzelli, Botticelli ... War nicht voll. Das Terzett gefiel, Dardanelli sang Palpiti mittelmäßig.“

Was der eifrige Konzert- und Opernbesucher Rosenbaum im Tagebuch verschwieg, war das Hauptwerk des Mittags, jenes Stück, für das die Koblenzer Sopranistin Henriette Sontag und ihre Wiener Kollegen ihre ganze Kunst aufboten: die Neunte Sinfonie von Beethoven. „Sontag, Unger, Haizinger, Seipelt singen“, war das Einzige, was Rosenbaum dazu vermerkte, denn schon die Uraufführung der Neunten am 7. Mai hatte ihm wenig imponiert: „Beethovens Konzert; die Sontag, Unger, Haizinger, Seipelt singen; Ouvertüre, 3 Hymnen mit Kyrie, Lied an die Freude; schön aber langweilig. Nicht sehr voll, viele Logen leer, vom Hofe niemand. Bei dem großen Personale wenig Effekt. Beethovens Freunde lärmten, der größere Teil blieb ruhig. Viele warteten nicht ab.“ Mit anderen Worten: Etliche Wiener langweilten sich so sehr, dass sie schon vor dem berühmten Finale der Neunten den Saal verließen. 

Offenbar empfand auch Beethoven das ursprüngliche Programm als zu lang und zu gewichtig. Am 23. Mai setzte er nicht mehr drei Sätze aus seiner Missa solemnis aufs Programm, sondern nur noch das Kyrie. Stattdessen lud er die Stars der italienischen Oper ein, sein Terzett zu singen und diverse Arien. Seine Rechnung ging auf: Der Erfolg des Terzetts war so groß, dass sich endlich ein Verleger dafür fand. Im Februar 1826 erschien es im Verlag Steiner unter der Opuszahl 116 als Terzetto originale dal Maestro Luigi van Beethoven. 23 Jahre nach seiner Vollendung hatte dieses Werk endlich seinen Platz im Œuvre des Meisters gefunden.

Maestro Bettoni

Terzetto del Sig.re Maestro Bettoni. So steht auf der Originalpartitur des Terzetts zu lesen, das Beethoven 1802 entwarf - zu jener Zeit, als er vom Hofkapellmeister Salieri Nachhilfe in Sachen italienischer Vokalmusik erhielt. Lange Zeit rätselte die Beethoven-Forschung, wer sich hinter dem Namen „Bettoni“ verbergen könnte: Vielleicht der Textdichter? So steht es fälschlicherweise im Beethoven-Werkeverzeichnis. In Wahrheit stammt der Text von Giovanni da Gamerra, dem Librettisten der Oper Medonte, aus der Beethoven die Zeilen des Terzetts entnahm. Oder war vielleicht der Komponist Ferdinando Bertoni gemeint, der eine von mehreren Medonte-Opern geschrieben hat? Gerade in seinem Medonte fehlt aber das Terzett "Tremate, empi, tremate". In Wirklichkeit hat Beethoven hier wohl seinen eigenen Namen italianisiert: Aus dem Maestro Beethoven wurde der „Maestro Bettoni“. Vielleicht träumte er in stillen Stunden von einer Opernkarriere in Italien, oder es handelte sich um einen seiner vielen Scherze, die sich in den Titeln seiner Werke verbergen. 

Medonte von Sarti

Will man die Entstehung von „Bettonis“ Terzett aus dem Jahre 1802 nicht nur als Übung für den Unterricht bei Salieri verstehen, so muss man noch acht weitere Jahre in der Wiener Musikgeschichte zurückgehen: Am 9. Februar 1794 feierte im Kärtnertortheater eine Oper Premiere, die schon seit 17 Jahren des Publikum in ganz Italien begeisterte: Medonte, re d’Epiro von Giuseppe Sarti. Den Maestro aus Faenza liebten die Wiener schon lange für seine Opera buffa I due litiganti und für die hinreißenden Arien aus dem Giulio Sabino. Sartis Medonte war ebenso erfolgreich: Seit seiner Uraufführung 1777 in Florenz war er an den Opernhäusern Italiens in mehr als 30 Produktionen gezeigt worden, außerdem in London und Madrid. Die späte Wiener Erstaufführung von 1794 war einem überragenden Tenor zu verdanken, der die Titelrolle schon 1785 in Lucca gesungen hatte und damit nun auch die Wiener restlos verzauberte: Vincenzo Maffoli.

„Er singt wie ein Engel“ notierte Graf Zinzendorf, und die Zeitungen überschlugen sich im Lob des Tenors aus Pesaro: „Alles was die Natur einem ausübenden Künstler vom Kunsttalent mittheilen konnte, hat sie diesem in völligem Maße gegeben: eine schöne rührende Stimme, eine Sicherheit und Leichtigkeit im Vortrage, die kaum ihres Gleichen hat, hohe und tiefe Töne, die er ganz in seiner Gewalt besitzt. Gefühl und Feuer, alles vereinigt dieser große Sänger, und lenkt das Herz des Zuhörers nach seinem Wohlgefallen.“ Maffoli war es, der in Wien endlich eine Gesamtaufführung von Sartis Klassiker durchsetzte, weil er die Titelrolle vollendet verkörperte. Beethoven hat eine der drei Aufführungen von 1794 mit ziemlicher Sicherheit gesehen, entweder am 9. oder 11. Februar im Burgtheater oder am 22. Februar im Kärtnertortheater. Kein Wiener hätte ahnen können, dass der erst 34-jährige Maffoli damals nur noch ein Jahr zu leben hatte. Er starb am 11. Januar 1795 in Neapel, viel betrauert von den italienischen Musikkennern und manchen Wiener Verehrern.

Tremate, empi, tremate

Auch den jungen Beethoven muss Maffolis Gesang und Schauspielkunst im Medonte nachhaltig beeindruckt haben: Noch acht Jahre später machte er sich daran, das Terzett vom Ende des zweiten Aktes neu zu vertonen, jene Szene, in der Maffoli die ganze Größe seiner Kunst ausgespielt hatte. Nachdem der enttäuschte König Medonte die Liebe zwischen seiner Braut Selene und dem Feldherrn Arbace entdeckt hat, setzt er die beiden in einem unterirdischen Verließ den blutigen Riten obskurer Zombie-Priester aus. Doch der tapfere Arbace bereitet den Bösewichtern ein kurzes, blutiges Ende. Dies bringt den König noch mehr in Rage, so dass er den Liebenden wutentbrannt sein „Zittert, Schurken, zittert!“ entgegen schleudert. Bei Beethoven lässt das Tremolo des Orchesters die Wut des Tyrannen förmlich hochkochen. Pizarro aus dem Fidelio kündigt sich an, denn Medonte ist hier, anders als bei Sarti, ein Bass. Das Flehen der Liebenden, vom Italiener noch für Sopran und Kastrat geschrieben, hat Beethoven dem Sopran und Tenor in den Mund gelegt wie im Fidelio. Die beiden Liebenden zögern nicht, ihr Leben füreinander zu opfern. Ein berückend schönes Adagio in Es-Dur im Dreiertakt unterbricht, ganz wie bei Sarti, den stürmischen Gang des Allegro. Selene und Arbace versichern einander zum scheinbar letzten Mal ihrer Liebe und ziehen sogar den König in ihre Klage mit hinein, bevor die schnaubende Wut des Tyrannen wieder die Oberhand gewinnt.

Sartis berühmtes Terzett, das noch heute in zahllosen Abschriften über die Bibliotheken Europas verstreut ist, inspirierte Beethoven zu einem Meisterwerk der Musikdramatik. Schade, dass ihm niemand den Auftrag erteilte, den Medonte ganz zu vertonen. So blieb es bei reinen Konzertaufführungen des Terzetts: zuerst am 27. Februar 1814 zusammen mit der Siebten und Achten Sinfonie, dann 1824 zusammen mit der Neunten. Es ist bezeichnend, dass von diesem bedeutenden Stück derzeit nur eine einzige CD-Einspielung verfügbar ist, neben einem sehr eindrucksvollen Konzertmitschnitt auf You Tube. Vielleicht sollte man einmal Sartis Medonte mit Beethovens Terzett als Einlage aufführen - es würde sich lohnen.

Karl Böhmer