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Der Eroicasaal im Palais Lobkowitz, heute Theatermuseum Wien.

Beethovenwerk der Woche

Als Beethoven 1817 gefragt wurde, welche seiner Sinfonien ihm die liebste sei, antwortete er vergnügt: „Eh, eh, die Eroica!“ „Ich hätte gedacht die c Moll“, entgegnete der Wiener Musikdirektor Kuffner. „Nein, die Eroica“, lautete die schroffe Antwort. Mit keinem anderen Werk hat Beethoven dermaßen Epoche gemacht wie mit der dritten Sinfonie.

Uraufführung im Palais Lobkowitz 1804

Besucher des Wiener Theathermuseums im Palais Lobkowitz bekommen heute in der Regel auch den nicht allzu großen Festsaal gezeigt, der seit Dezennien den Namen „Eroicasaal“ trägt. Denn hier bebten am 9. Juni 1804 Boden und Wände, bei der nicht öffentlichen Uraufführung der Dritten Sinfonie von Beethoven, der Sinfonia eroica. Noch nie hatte ein Komponist es gewagt, eine so laute Sinfonie zu schreiben: Doppeltes Holz, drei Hörner, Pauken und Trompeten im fast ununterbrochenen Einsatz, mal schmetterend laut, mal flüsternd zart. Dazu die Streicher gebieterisch, waghalsig, wie eine Armee im Sturmlauf in der Schlacht, in sich verschlingenden Kontrapunkten und Crescendi von ungeheurer Dynamik. Als vor einigen Jahren die Wiener Akademie unter Martin Haselböck in den „Eroicasaal“ einzog, um das Werk auf den Instrumenten der Beethovenzeit am Ort seiner Uraufführung einzuspielen, dröhnten den Musikern die Ohren vor schierer Lautstärke. Schon im Oktober 1803 hatte Beethovens Schüler Ferdinand Ries an den Verleger Simrock geschrieben: „Beethoven spielte sie mir neulich, und ich glaube Himmel und Erde muss unter einem zittern bei ihrer Aufführung.“

Die Eroica auf YouTube

Die BBC drehte über die Uraufführung der Eroica einen wunderschönen Spielfilm, der auf YouTube anzusehen ist, kurz Beethoven: Der Film genannt. Er vermittelt authentisch, wenn auch nicht im originalen Saal, die Atmosphäre jener wahrhaft weltbewegenden Premiere vom 9. Juni 1804. Man sieht das ungläubige Staunen der Musiker, als sie die doppelt so dicken Stimmhefte in Händen hielten, denn die Sinfonie war schlicht doppelt so lang wie jede von Haydn oder Mozart. Man spürt den Widerwillen mancher adliger Zuhörer männlichen Geschlechts. Auch die berühmte Geschichte über den jungen Ries, der den Hornisten für den angeblich falschen Einsatz zwei Takte vor der Reprise rügte, ist enthalten. Beethoven hatte diese „fausse reprise“ genauso komponiert, doch Ries verstand die Pointe nicht, wofür er von seinem Lehrer fürchterlich zusammengeschrien wurde. Am schönsten zeigt der BBC-Film die wundersame Wirkung dieser völlig neuen Musik auf die Enthusiasten, den jungen Fürsten Lobkowitz und die anwesenden Damen der Wiener Gesellschaft. In der Mitte steht der 33-jährige Meister, der Nonkonformist ohne Manieren, das Kraftbündel im Zentrum einer ungeheuren Entladung von Energie, die sich schon in den berühmten beiden Akkordschlägen zu Beginn des ersten Satzes manifestiert. Wer deren Interpretation durch die gesamte Geschichte der Schallplatte hindurch verfolgen will, muss auf YouTube den Film Beethoven’s Eroica: Opening Chords aufrufen. Dort kann man die unterschiedlichsten Stimmtonhöhen, Kraftentladungen und Tempi bestaunen, alle direkt hintereinander geschnitten, von Oskar Fried im Berlin des Jahres 1924 bis zu Riccardo Chailly in Leipzig 2011.

Öffentliche Premiere 1805

Die öffentliche Uraufführung der Dritten Sinfonie fand in einer Akademie des Geigers Franz Clement am 7. April 1805 im Theater an der Wien statt. Letzterer war als Wunderkind durch halb Europa gereist und hatte in seinem Stammbuch Einträge der gesamten Musikerprominenz um 1790 gesammelt – am Koblenzer Hof etwa vom Hofkapellmeister Pompeo Sales, am Mainzer Hof von Sterkel und Righini. Der nun erwachsene Clement war Konzertmeister und damit faktisch Dirigent des k.k. Orchesters im Kärtnertortheater, wo er die heroischen Opern eines Cimarosa oder Paër leitete. Er war also auf die Eroica bestens vorbereitet, auch als Komponist zweier gewaltiger Violinkonzerte, die vor kurzem von Reinhard Goebel mit Mirijam Contzen brillant eingespielt wurden. (Eines davon wird Maestro Goebel demnächst im Mainzer Staatstheater dirigieren.) Ganz so unvorbereitet und irritiert waren die Wiener Orchestermusiker also nicht bei dieser Premiere. Das Publikum freilich reagierte entsetzt: viel zu lang, zu laut, zu wild, ein Wirrwar, eine Provokation. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich der Widerstand gegen die Dritte Sinfonie legen sollte.

Sinfonia grande intolata Buonaparte

Kronzeuge für die Entstehung und die ersten Aufführungen der Eroica war Beethovens aus Bonn stammender Schüler Ferdinand Ries. Er erzählte auch die berühmte Geschichte von der durchgestrichenen Widmung an Napoleon: „Beethoven dachte sich bei seinen Compositionen oft einen bestimmten Gegenstand, obschon er über musikalische Malereien häufig lachte und schalt ... Bei dieser Symphonie hatte Beethoven sich Buonaparte gedacht, aber diesen, als er noch erster Consul war. Beethoven schätzte ihn damals außerordentlich und verglich ihn den größten römischen Consuln. Sowohl ich, als Mehrere seiner Freunde, haben diese Symphonie schon in Partitur abgeschrieben, auf seinem Tische liegen gesehen, wo ganz oben auf dem Titelblatt das Wort ‚Buonaparte’ und ganz unten ‚Luigi van Beethoven’ stand, aber kein Wort mehr ... Ich war der erste, der ihm die Nachricht brachte, Buonaparte habe sich zum Kaiser erklärt, worauf er in Wuth gerieth und ausrief: ‚Ist der auch nichts anders, wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize fröhnen; er wird sich nun höher, wie alle Andern stellen, ein Tyrann werden!’ Beethoven ging an den Tisch, faßte das Titelblatt oben an, riß es ganz durch und warf es auf die Erde. Die erste Seite wurde neu geschrieben und nun erst erhielt die Symphonie den Titel ‚Sinfonia eroica’. Späterhin kaufte der Fürst Lobkowitz diese Composition von Beethoven zum Gebrauche auf einige Jahre, wo sie dann in dessen Palais mehrmals gegeben wurde. Hier geschah es, daß Beethoven, der selbst dirigirte, einmal im zweiten Theil des ersten Allegro’s, wo es so lange durch halbirte Noten gegen den Tact geht, das ganze Orchester so herauswarf, daß wieder von vorn angefangen werden mußte.“ (Ferdinand Ries, Biographische Notizen über Beethoven, Koblenz 1838)

Der Korse und der Held von Saalfeld

Tatsächlich plante Beethoven, die Es-Dur-Sinfonie dem damaligen Ersten Konsul Frankreichs zu widmen, allerdings nicht nur aus Bewunderung für dessen militärische und politische Leistungen. 1803 spielte er mit dem Gedanken, nach Paris zu gehen, wozu die Widmung der Sinfonie als Eintrittskarte gedacht war. Der Originaltitel findet sich auf einer Wiener Abschrift, die unter Beethovens Aufsicht entstand: „Sinfonia grande intitolata Buonaparte“. Der Name „Buonaparte“ ist hier so heftig ausgestrichen worden, dass ein Loch im Papier entstand. Ries hat also nicht fantasiert, als er von Beethovens Wutanfall nach Napoleons Kaiserkrönung berichtete. Letztere fand am 2. Dezember 1804 statt. Freilich hatte die Wiener Zeitung schon Wochen vor dem Ereignis von Napoleons Plänen berichtet und nannte ihn den „Kaiser“, etwa in der Zeitungsmeldung vom 25. November aus Fontainebleau, wo vom Eintreffen des Papstes vor der Kaiserkrönung die Rede war. Den Vorgänger auf dem Stuhl Petri, Pius VI., hatten die Soldaten Bonapartes trotz schwerer Krankheit über die Alpen geschleppt, wo er ihnen in Grenoble elend zugrunde ging. Nun empfing „der Kaiser der Franzosen“ den Nachfolger mit allen Ehren und umarmte ihn. Bei solchen Szenen, von denen er täglich in der Wiener Zeitung lesen konnte, ging Beethoven freilich die Galle hoch. Als er wenig später den jungen, hoch musikalischen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen näher kennen lernte, fand das heroische „Programm“ seiner Dritten Sinfonie einen neuen Adressaten. Im Oktober 1806 erschien sie endlich in gedruckten Stimmen und trug die Aufschrift „komponiert, um die Erinnerung an einen großen Mann zu feiern“. Jedermann in Wien und Berlin dachte sofort an den preußischen Prinzen, der in der Schlacht von Saalfeld am 10. Oktober 1806 sein Leben fürs Vaterland gelassen hatte. Auf ihn bezog sich nun die gesamte Sinfonia Eroica: der Sturmlauf im ersten Satz, der Trauermarsch des zweiten und die Apotheose im Finale. Die eigentlich geplante Widmung an Napoleon hat Beethoven freilich nie ganz vergessen: Als die Nachricht vom Tode des Korsen 1821 in Wien eintraf, sagte er, er habe die Musik zu diesem Ereignis längst geschrieben – im Trauermarsch der Eroica.

Karl Böhmer