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Barbara Harnischfeger, erste Vorsitzende von FREUNDE DER VILLA MUSICA e.V.

Mein Beethoven: Barbara Harnischfeger

Freundinnen und Freunde der Villa Musica, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schreiben über ihr Lieblingswerk von Beethoven. "Mein Beethoven" heißt diese neue Spalte. Den Anfang macht Barbara Harnischfeger mit Fidelio.

Mein Beethoven

von Barbara Harnischfeger, Vorsitzende von FREUNDE der Villa Musica

Es passt zwar überhaupt nicht, für eine Botschafterin der Kammermusik-Stiftung Villa Musica, aber ich muss es gestehen: Ich liebe Beethoven seit Mädchentagen für seine Oper Fidelio. Leonore, die Heldin der Oper, ist das Idol meiner schwärmerischen Vorstellung von der „holden Gattenliebe“. So wie diese Frau würde ich es auch machen: für meinen geliebten Mann eintreten, mit eigenem Einsatz ihn aus dem Kerker oder sonstiger Gefahr befreien, mich vor ihn stellen, wenn ein Pizarro ihn töten will: „Töt’ erst sein Weib“. Und am Ende, wenn ein deus ex machina die Rettung bringt, triumphieren: „Oh namen-, namenlose Freude. Mein Mann an meiner Brust.... Nach unnennbarem Leiden, so übergroße Lust “. Beethovens Musik geht mir da bis ins Mark.

Kann solch eine idealistische Oper nur jemand komponieren, der nie die alltäglichen Szenen einer Ehe erlebt hat, der nie von seiner Frau angemotzt wurde, weil er nicht verstand, was sie sagte? Bei Beethoven wäre das ja schon akustisch bedingt gewesen.

Zum Thema Schwerhörigkeit: Bei allem, was jetzt im Beethovenjahr dazu neu fabuliert wird, fehlt mir als Koblenzerin Eines: Es war der ab 1807 in Koblenz tätige Arzt Franz Gerhard Wegeler, ein Freund aus Bonner Jugendtagen, dem Beethoven als Erstem von seinem beginnenden Hörleiden schrieb. So jedenfalls hat es mir, als ich junge SWF-Reporterin war, der an der Bonner Universität lehrende und in Koblenz wohnende Beethoven-Forscher Prof. Hans Schmidt erzählt. Beethoven schreibt am 29. Juni 1801, als Dreißigjähriger, von Wien aus an Franz Gerhard Wegeler:

„Meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort. Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu. Seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil’s mir nun nicht möglich ist den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgend ein anderes Fach, so ging’s noch eher, aber in meinem Fach ist das ein schrecklicher Zustand.“ Am Ende des Briefes heißt es: „Ich bitte Dich, von diesem meinem Zustand niemandem, auch nicht einmal der Lorchen etwas zu sagen. Nur als Geheimnis vertraue ich Dir’s an.“

Mit Lorchen ist Wegelers Ehefrau gemeint, Eleonore, geborene von Breuning. In deren Elternhaus in Bonn ging Beethoven nach dem frühen Tod seiner Mutter ein und aus. Leonore war sein Jugendschwarm. Auch wenn schon in der französischen Vorlage zum Libretto für Beethovens Oper die Heldin Leonore heißt: Ludwig, dem keine treue Gattin beschieden war, könnte beim Komponieren trotzdem an seine Bonner Eleonore gedacht haben. Ich male es mir halt so aus.

P.S.: Die Familie Wegeler in Koblenz hütete den Briefwechsel zwischen Ludwig und Franz Gerhard wie einen Schatz und vergrub ihn während des Zweiten Weltkriegs im Weinberg. Später brachte sie ihn in die Deinhard-Stiftung ein. Faksimiles wurden im Geburtshaus der Mutter Beethovens, in Koblenz-Ehrenbreitstein, ausgestellt. 1998 übergab Rolf Wegeler die Originale an die Forschungsstätte im Beethoven-Geburtshaus in Bonn als Dauerleihgabe.