News

Wenzel Müller, 1759 in Mähren geboren, 1835 in Baden bei Wien gestorben, Schüler von Dittersdorf und Kapellmeister im Theater an der Leopoldstadt. Er hat dem Wiener Vorstadttheater so manches Erfolgsstück beschert, darunter Kaspar, der Fagottist, eines der Vorbilder für Mozarts Zauberflöte, und Die Schwestern von Prag, auf die sich Beethovens Variationen op. 121a beziehen.

Beethoven der Woche: Kakadu-Variationen

Nicht jedes Klaviertrio Ludwig van Beethovens strebt nach höherer Weihe. Wenn er Themen aus populären Singspielen verarbeitete wie Wenzel Müllers Lied vom Schneider Kakadu kam der rheinische Humor in der Musik des Meisters zum Vorschein.

Ein Wiener Singspiel anno 1794

Ich bin der Schneider Kakadu, / Gereist durch alle Welt, / Und kurz vom Hute bis zum Schuh / Ein Bügeleisenheld.

So singt der Schneidergeselle Krispin im Singspiel Die Schwestern von Prag. 1794 brachte es der Kapellmeister Wenzel Müller am Leopoldstädter Theater heraus und kreierte damit einen der größten Bühnenerfolge der Epoche. Noch Jahrzehnte später wurde vermerkt, dass diese singenden Schwestern „jedes Theater eroberten, ob groß oder klein, und sich lange Zeit im Repertoire zu behaupten wussten“. Müllers Begabung für eingängige Strophenlieder feierte in den Schwestern von Prag wahre Triumphe: „Was ist des Lebens höchste Lust? Die Liebe und der Wein“ oder „O Ehestand, verhasstes Band“ waren die Schlager des Jahrzehnts, so auch das lustige Duett „Marsch fort, sonst schlag’ ich dich auf’s Maul“. Anspruch auf höhere Weihen erhebt dieses Werk nicht, auch wenn die Handlung sich in den Ensembles und Finali komisch verdichtet.

Ähnlichkeiten zum Barbier von Sevilla sind rein zufällig, wenn sich der junge Herr von Gerstenfeld beim alten Herrn von Brummer als falscher Vertretungsarzt einschleicht („Ich bin des Doktors Sassafras geschickter Substitut“) und dann die beiden jungen Damen genauestens untersucht („Nur her die Hand, der Puls geht schwer, es wallt das Blut, Sie zittern sehr!“). Auf dieser Stilebene bewegt sich auch das Lied vom „Schneider Kakadu“, in welchem der Schneidergeselle Krispin von seinen Erlebnissen in der großen, weiten Welt berichtet.

Wiederaufnahmen 1801 und 1806

Allein in Wien erlebte dieses Stück in den folgenden 20 Jahren vier Wiederaufnahmen: 1801, 1805/06, 1813 und 1814. Allerdings war nicht jeder Theaterfreund von jeder dieser Produktionen begeistert: Der gräflich Esterházysche Sekretär Joseph Carl Rosenbaum, der nahezu täglich die Wiener Theater aufsuchte, langweilte sich in den Aufführungen von 1801 durchweg. Am 11. Dezember 1801 vermerkte er in seinem Tagebuch: „Ich ging ins Leopoldstädter Theater, Schwestern von Prag. Ich habe mich sehr gelangweilt und nach langer Zeit im Theater wieder geschlafen.“ Dies änderte sich schlagartig, als der Bariton Baumann in der Spielzeit 1805/1806 die Rolle des Krispin übernahm. Rosenbaum schrieb am 11. Februar 1806: „Abends ins Theater an der Wien, zum 3. Male Zwei Schwestern von Prag, Baumann als Krispin. Ziemlich voll, ich fand Compagnie. Baumanns Arien wurden zum Teil auf mein Klatschen repetiert.“ Rosenbaum gehörte in jenen Jahren zum Freundeskreis Beethovens. Mag sein, dass sie in einem ihrer Gespräche auf Krispins Lied zu sprechen kamen, denn spätestens 1806, möglicherweise aber schon zur Wiederaufnahme 1801 schrieb Beethoven seine Variationen über diesen Schlager. Erst 1816 bot er sie dem Verleger Härtel an und bemerkte dazu: „Variationen mit Einleitung über ein Müllersches Thema und von meiner früheren Komposition, jedoch nicht unter die verwerflichen zu rechnen“. Erfolgreich war er mit dieser Offerte zunächst nicht. Erst 1824 sind seine Variationen endlich im Druck erschienen. Sie tragen deshalb die missverständlich hohe Opuszahl 121a.

Thema mit Introduktion

In seinem Schneider-Lied bediente sich Wenzel Müller unverhohlen bei Mozart: „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich“ klingt deutlich an, ebenso ein Thema aus dem Finale von Mozarts G-Dur-Violinkonzert (der so genannte „Straßburger“). Danach geht das Thema eigene Wege, die Beethoven immerhin reizvoll genug erscheinen mussten, um sie variierend zu verarbeiten. Beim Publikum konnte er dieses Lied und seinen Text als bekannt voraussetzen, auch noch 1824, als seine Variationen endlich im Druck erschienen.

Aus diesem Thema Variationen zu machen, lag nahe, weil auch Wenzel Müller seine Arie von Strophe zu Strophe im Orchester variiert hat. Freilich beginnen Beethovens Variationen nicht gleich mit Wenzel Müllers simplem Thema, sondern mit einem bedeutenden Adagio assai in g-Moll. Mit seinem Pathos und seinen 46 Takten ist dieses Adagio mehr als nur eine Einleitung. Der Wiener Originaldruck nennt das Werk ausdrücklich Adagio, Variationen und Rondo, auch in London erschien es unter dem Titel „Trio“, nicht etwa „Variations“. Man hat es fast mit einem dreisätzigen Klaviertrio zu tun, denn am Ende folgt auf die Variationen ein veritables Presto-Finale in Rondoform.

Der Kontrast zwischen der pathetischen Introduktion und dem naiven Thema könnte kaum größer sein: Beethoven übernahm Wenzel Müllers Melodie so, wie sie zu Beginn vom Orchester gespielt wird, nicht so, wie der Sänger sie vorträgt. Außerdem veränderte er die kurzen Zwischenspiele bei „Jüngst kam ich grad in eine Stadt / Wo man mich arg behandelt hat“. Hier benutzte er die Version aus der dritten Strophe der Arie. Ganz besonders raffiniert legte er die Begleitung zu den letzten beiden Zeilen des Liedes an. Damit war die Grundlage für zehn Variationen gelegt, die höchst geschickt gestaffelt sind.

Zehn Variationen

In der ersten Variation spielt das Klavier alleine, in der zweiten mit der Violine, in der dritten mit dem Cello. Erst in der vierten Variation kommen alle drei zusammen, in der fünften gehen die Streicher mit einer sanften Themenvariante voran und das Klavier folgt (dolce). Als sechste Variation hat Beethoven ein Klavierscherzo aus lauter Oktaven geschrieben, begleitet von kurzen Vorschlägen der Streicher – einer der vielen Hinweise darauf, dass diese Partitur nicht ganz ernst zu nehmen ist. Als siebte Variation dient ein „delikater“ Kanon der beiden Streicher ohne Klavier. Dieses Duett geht nahtlos in die achte Variation über, wo Streicher und Klavier konsequent dialogisieren – in Synkopen und schnellen Läufen. Variation 9 verwandelt das Thema noch einmal in ein hochpathetisches Adagio espressivo in g-Moll, bevor die rasend schnelle Schlussvariation einsetzt.

Dieses Presto scheint ein Rondofinale zu sein, mündet aber in eine Fermate, auf die plötzlich wieder das anfängliche Allegretto folgt. Streicher und Klavier bringen das Thema semplice e dolce, „simpel und süß“, auf seinen einfachsten Nenner. Erst danach folgt der brillante Schluss. Es bleibt der Fantasie der Zuhörer überlassen, dies mit den Abenteuern des Schneiders Kakadu zu einer humorvollen Geschichte in Tönen zusammenzufügen. Hier ein zeitgenössischer Librettodruck des Liedes: https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/pageview/509541