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Karl Ditters von Dittersdorf, Gesprächspartner der Habsburgerkaiser, hochgeschätzter Komponist köstlicher Singspiele und ein Lieferant populärer Variationenthemen, auch für Beethoven.

Beethovenwerk der Woche

Manchmal wird sich der Rheinländer Beethoven nach dem Bonn seiner Jugendjahre zurückgesehnt haben, besonders im Karneval. Das offene Lachen der Rheinländer war den Wienern nicht gegeben. Deshalb hat ihnen der Meister in manchem seiner Werke rheinländischen Humor von ziemlich kräftiger Sorte zugemutet, wie etwa in den Variationen für Klaviertrio Opus 44 über ein lustiges Thema von Dittersdorf.

Trio-Variationen Opus 44

Beethovens Zeitgenossen hatten beim Genuss seiner Variationen einen entscheidenden Vorteil gegenüber uns Nachgeborenen: Sie kannten alle populären Themen, die er variierte, und deren Texte. Das beste Beispiel dafür sind die Variationen Opus 44 für Klaviertrio. Nicht einmal gestandene Beethoven-Forscher erkannten in dem Thema ein Melodiezitat: Im Beethoven-Werkverzeichnis wird das Opus als „Variationen über ein eigenes Thema“ geführt. Erst 1991 wies Sieghard Brandenburg darauf hin, dass die Melodie aus Dittersdorfs Singspiel Das rote Käppchen stammt. Zum Verständnis der Variationen ist aber der Text dieser Arie unabdingbar, sonst könnte man versucht sein, Beethovenschen Humor für tiefen Ernst zu halten.

Dittersdorfs "Rotes Käppchen"

Karl Ditters von Dittersdorf war mit seinen Singspielen so erfolgreich, dass sie in Deutschland und Österreich um 1800 buchstäblich Jeder kannte, etwa auch die Mainzer. Sein Doktor und Apotheker war das erklärte Lieblingsstück des Publikums im Mainzer Nationaltheater auf der Großen Bleiche, und auch das Rote Käppchen kam bald nach seiner Uraufführung 1790 in Breslau am Rhein bestens an. Der Schottverlag brachte schon 1792 den ersten Klavierauszug des Werkes heraus, zudem eine Bearbeitung für zwei Flöten und Cello von dem Mainzer Hofoboisten und erfahrenen Arrangeur Franz Heinrich Ehrenfried. Alleine diese beiden Notendrucke zeugen von der Popularität des Roten Käppchens am Rhein, was sich stromabwärts für Bonn ebenso belegen lässt. 

"O Hans Christoph, das war dumm"

Beethoven kannte also seinen Dittersdorf und den Dorfschulzen Hans Christoph Nitsche, der mit der koketten Hedwig verheiratet ist. Der Ehemann leidet so sehr unter den Eskapaden seiner Frau, dass er beschließt, sich scheiden zu lassen:

Ja, ich muss mich von ihr scheiden,

Das ist länger nicht zu leiden,

Sonst bringt mich die Galle um.

Noch in meinen alten Tagen

Mich mit einer Frau zu plagen,

O Hans Christoph, das war dumm!

In seiner hilflosen Eifersucht gibt Hans ein Bild der Lächerlichkeit ab, was Dittersdorf in seiner Arie durch das simpelste aller Mittel unterstrichen hat: durch Unisono, den harmonielosen Einklang. Statt eines wutschnaubenden Agitato singt Hans ein Andante aus lauter gebrochenen Dreiklängen in Es-Dur, im Unisono mit dem Orchester, gleichsam als Sinnbild für unterdrückte Wut. Dabei liegt die Pointe der Melodie in der letzten Zeile: Zuerst mündet die Melodie noch einstimmig in eine bedeutungsschwere Fermate, dann setzt plötzlich ein Sextakkord ein, also zum ersten Mal Mehrstimmigkeit, wozu der alte Brummbär eine simple Kadenz singt: „O Hans Christoph ... das war dumm“. Diese Floskel kehrt im Lauf des Strophenliedes noch häufig wieder, besonders am Ende, nachdem Hans beschlossen hat, mit der Scheidung ernst zu machen und zum Pfarrer zu gehen. Diesen Anflug von Wutausbruch hat Dittersdorf im Allegro vertont, bevor noch einmal der lächerliche Refrain wiederkehrt:

Doch ich will zum Pfarrer gehen,

Und die Tür blieb offen stehen?

O Hans Christoph, das war dumm!

Wie schon gesagt: Der Text, die Melodie und die ganze Szene waren den Zeitgenossen Beethovens geläufig, denn sie hatten die Nr. 14 aus dem Roten Käppchen im Einzeldruck des Mainzer Schottverlags auf ihrem Klavier liegen. Beethoven setzte diese Kenntnis beim Publikum voraus, denn er hat Autor und Herkunft des Themas in seinem Opus 44 verschwiegen. Aber er hat das Thema originalgetreu übernommen: als simple gebrochene Dreiklänge im Unisono, die nach einer Fermate plötzlich in einen Mehrklang münden. Diese Stelle wird von den Interpreten meist geheimnisvoll und lyrisch ausgedeutet. In Wirklichkeit müsste man hier die Pointe der Arie auch ohne Worte akzentuieren, zumal die Wendung sofort wiederholt wird: „O Hans Christoph ... das war dumm!“

14 Variationen

Es versteht sich von selbst, dass bei einem so ironischen Thema auch die 14 Variationen nicht durchgängig ernst gemeint sein können. Es scheint so, als habe Beethoven in den Variationen den Verlauf von Dittersdorfs Opernszene nachzeichnen wollen, den Dorfschulzen Hans, der sich von ohnmächtigem Unisono allmählich in eine hilflose Wut hineinsteigert, dann ins Lamento verfällt und schließlich von seiner Frau verspottet wird. Dabei hat Beethoven die Wendung "O Hans Christoph, das war dumm" in jeder Variation mit neuen Pointen bedacht und wie in der Arie sofort wiederholt.

In der ersten Variation hängt das Klavier an jeden Ton der Dreiklänge einen übermütigen Schlenker an. In der zweiten Variation spielt der Pianist alleine eine empfindsame Legato-Linie, in Nr. 3 und 4 erhalten die beiden Streicher jeweils ihr Solo: die Violine in kessen Triolen, das Cello in klangvollem Cantabile. In den nächsten beiden Variationen kehrt das Unisono wieder, zuerst als Triolenkette im Klavier, dann als stürmischer Staccatolauf aller drei Instrumente. Man gewinnt den Eindruck, als habe Beethoven hier den Wutausbruch des Hans aus Dittersdorfs Arie nachzeichnen wollen. Denn danach versinkt der düpierte Ehemann gleichsam in Larmoyanz: Das Cello stimmt ein Largo in es-Moll an, ein klagendes Siciliano. Darauf folgt ein nur wenig schnelleres Un poco adagio, allerdings in Es-Dur mit einem ironischen Schlenker. Das Dreiklangsthema des Hans wandert nun in die linke Hand, als Bass zu einem neuen Thema der rechten Hand, einem Kantabile, das man mühelos dem Sopran der Hedwig zuordnen kann. Wie in der Oper scheint Hans von seiner koketten Ehefrau verspottet zu werden.

In der neunten Variation kehrt mit dem ruppigen Staccato auch das Unisono wieder, aber in der tiefen Klavierlage, gefolgt von grotesken hohen Trillern in der rechten Hand. Nun werden die Verfremdungen des Themas immer bizarrer: Sforzato-Synkopen in der zehnten Variation, Doppelschläge der Streicher in der elften, kesse punktierte Rhythmen in der zwölften. Mit Letzteren spielte Beethoven auf den punktierten Rhythmus in der Orchesterbegleitung der ursprünglichen Arie an. Nach diesen vier durchweg ironischen Variationen, schlägt Variation XIII als es-Moll-Adagio unerwartet düstere Töne an. Das seltsame Pianissimo am Ende bereitet schon den Boden für das Allegro-Finale, die 14. und letzte Variation. Beethoven hat sie zu einem brillanten 6/8-Allegro ausgebaut. Doch wie Hans in Dittersdorfs Arie kehrt der Pianist auch hier noch einmal zum Originalthema zurück, erst in c-Moll, wie eine Art Kadenz, dann in Es-Dur, allmählich beschleunigend bis zur Presto-Stretta.

Opus 44 ohne Einleitung

Als Beethovens Bruder die Variationen 1803 dem Verlag Breitkopf & Härtel in Leipzig anbot, nannte er sie „Variationen für Klavier mit Violine und Violoncell mit Introduzion und großem letzten Stück“. Von der langsamen Einleitung fehlt heute jede Spur. Vielleicht hatte sie Beethoven damals noch gar nicht geschrieben oder wieder verworfen. Denn nach der Absage von Breitkopf druckte der Verlag Hoffmeister & Kühnel das Werk im Januar 1804 als Opus 44 ohne Introduktion. Gleich mit dem bekannten Thema ins Haus zu fallen, ohne Einleitung, war ein Beethovenscher Faschingsscherz. Im Wien des Kaisers Franz II. liebte man das Erraten populärer Themen und ihr Durcheinanderwürfeln in Pasticcio-Stücken. Vielleicht verbirgt sich in Beethovens Opus 44 noch mancher, bisher unerkannte „Gassenhauer“.

Karl Böhmer