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So erlebten die Schumanns Rolandseck anno 1851: mit dem Hôtel Groyen im Zentrum und dem schönen Gastgarten im Vordergrund (Stahlstich von 1850).

Clara Schumann in Rolandseck

Kapitel II in der Villa Musica Musikgeschichte von Rheinland-Pfalz: Clara Schumann entdeckt in Rolandseck ihre Liebe zur Rheinromantik.

Clara Schumann in Rolandseck

von Karl Böhmer

Um es gleich vorweg zu sagen: Clara Schumann hat nie im Bahnhof Rolandseck konzertiert. Zum „Künstlerbahnhof“ wurde das 1858 eröffnete Gebäude erst viel später. Die Schumanns lernten den Ort Rolandseck schon 1851 kennen und lieben, als man noch mit der Kutsche oder dem Dampfschiff anreiste. Treffpunkt der vornehmen Welt war das Hotel Groyen, wenige hundert Meter rheinabwärts vom späteren Bahnhof gelegen. Dort hat die größte deutsche Pianistin auf der Tastatur des Flügels virtuos konzertiert, aber ebenso gerne diniert und parliert.

Hôtel de Rolandseck

Auf der Tastatur des Rheintourismus spielte kein Gastronom anno 1850 virtuoser als Charles Groyen: In Stahlstichen verbreitete er die malerische Ansicht seines Hôtel de Rolandseck für die internationale Kundschaft und ließ dazu in rührseligen Versen und Bildern die Geschichte von Roland und Hildegunde erzählen, vom Paladin Karls des Großen und der Schönen vom Rhein. Überschrift: „Rolandseck – ein Denkmal treuer Liebe“. Als letzter Rest der Rolandsburg thronte der Rolandsbogen hoch über dem Hotel. Links neben der schmucken Biedermeier-Fassade bot der Gastgarten mit hoher Mauer und Belvedere herrliche Ausblicke auf das Kloster Nonnenwerth. Vor Haus und Garten toste noch nicht der Verkehr einer modernen Bundesstraße: Beschaulich erging es sich am Rheinufer in Rolandseck.

Zum Diner bei Groyen 1851

Das wussten auch Clara und Robert Schumann, seit sie im September 1850 von Dresden nach Düsseldorf übersiedelt waren. Schon bald fühlten sich die beiden Sachsen im Herzen der Rheinromantik wie zuhause. Zwar verhinderten Schumanns „Rheinische Sinfonie“ und das Cellokonzert fürs erste Ausflüge nach Bonn, doch das wurde am 15. Mai 1851 nachgeholt: Clara und Robert bestiegen die Kutsche und besichtigten Beethovenhaus und Beethovendenkmal. Noch am gleichen Nachmittag ging es weiter nach Rolandseck. Man traf sich mit dem Ehepaar Euler zum Diner bei Groyen. „Diner“ meinte im Sprachgebrauch der Schumanns noch ein spätes Mittagessen, kein Abendmahl. Also konnten sie noch am selben Tag nach Düsseldorf zurückkehren – ein gelungener Auftakt für weitere Ausflüge nach Rolandseck.

Wandern im Ahrtal 1852

Im Folgejahr wurden die Ziele ehrgeiziger: In Wanderungen wollte das berühmteste Musikerehepaar Deutschlands die schöne Umgebung Bonns erkunden, bis hinein ins Ahrtal. Es ging hinauf zur Apollinariskirche („ausgezeichnetes Bauwerk“), hinauf zur Ruine von Altenahr („sehr wild“), hinauf zum Ölberg, hinauf zum Drachenfels. Robert hatte seine „Freude an Klara, die sehr tapfer marschirt“. Die Quartiere dazwischen mussten freilich beschaulich sein: erst ein „schönes Hôtel“ in Bonn, dann ein „hübsches Hôtel“ in Remagen, ein weiteres In Altenahr „mit originellem Garten, von der Ahr umspült“, schließlich für eine Woche Logis beim Apotheker in Godesberg.

Fast zwei Wochen dauerte diese „Rheinreise“, vom 26. Juni bis 7. Juli 1852. Dabei war Rolandseck Dreh- und Angelpunkt. Den 27. Juni fasste Robert Schumann im Tagebuch folgendermaßen zusammen: „Früh 8 Uhr von Bonn nach Rolandseck. Die jungen Begleiter, wie Tags zuvor. Von Rolandseck mit Boot nach Honef. Dort kein Logis gefunden. Von da Fußparthie nach Königswinter durch sehr freundliche Gegend. Gleich mit dem Dampfboot weiter wieder nach Rolandseck. Ziemlich langweiliges Diner.“ Offenbar waren „die jungen Begleiter“, der Geiger Wasielewski und der Cellist Reimers, nicht zu geistreicher Konversation aufgelegt, oder man war nach der Wanderung in der Sommerhitze so erschöpft, dass sich die üblichen lebhaften Gespräche bei Groyen nicht einstellen wollten.

Ganz anders zwei Tage später, als die Schumanns von Remagen aufbrachen: „früh um 7 1/2 Uhr mit Klara zu Fuß nach der Apollinariskirche u. dann über Rolandseck nach Königswinter. Freundlicher Weg. Ausgezeichnetes Diner in Königswinter (Hôtel de Berlin).“ Die traute Zweisamkeit des Paares wurde am folgenden Wochenende wieder durch allerhand Gäste bereichert: Marie Schumann kam, der junge Komponist Albert Dietrich, sein holländischer Kollege Johannes Verhulst. Sie alle sollten die Schönheit von Rolandseck genießen. Der Sonntagsausflug mit Diner bei Groyen war unverzichtbar.

Ein jähes Ende 1854

Jener 4. Juli 1852 war der letzte schöne Sommertag, den die Schumanns zusammen in Rolandseck verbrachten. Zwar kehrten sie im Lauf des Jahres 1853 noch drei Mal nach Bonn zurück, im Februar, Ende Juli und Mitte November. Doch im Winter und Herbst war das Wetter zu grimmig, und im Sommer fehlte die Zeit. 1854 fand die Rheinidylle des Paares ein jähes Ende mit Roberts Selbstmordversuch am Rosenmontag. Die Einweisung in die Endenicher Klinik war unvermeidlich. Fortan musste Clara in Düsseldorf alleine für die Kinder sorgen, unterstützt vom jungen Brahms, während Bonn zur Leidensstadt ihres Mannes wurde. Der alte Zauber von Rolandseck wollte sich nicht mehr einstellen, auch noch lange nach Roberts Tod nicht. Erst im Sommer 1873 lebten „die schönen Tage von Aranjuez“ noch einmal auf: am Ende des Bonner Schumannfestes.

Gartenpartie nach dem Schumannfest 1873

„Zum Beschlusse eine Fahrt nach Rolandseck und Gartenfest dortselbst.“ So erlebte der damals fünfzehnjährige Pianist Theodor Müller-Reutter den krönenden Abschluss des Schumannfestes 1873. Die „Gedächtnisfeier für Robert Schumann“ fand vom 17. bis 19. August in Bonn statt und wurde an der Künstlertafel zu Rolandseck auf denkbar festliche Weise beendet – „am lebensprühenden, sonnenübergossenen Rhein“, wie es der alte Müller-Reutter 1919 in seinen Erinnerungen an Clara Schumann formulierte. In jenen drei Tagen anno 1873 dirigierte Joseph Joachim im Wechsel mit seinem Geigerkollegen Wasielewsi einige der größten Meisterwerke Schumanns: die Zweite und Vierte Sinfonie, das Oratorium Das Paradies und die Peri, die Schlussszene aus Goethes Faust und das Klavierkonzert. Natürlich saß Clara Schumann am Flügel: „Der Beifall nach dem A-moll=Klavierkonzert wurde zu einer stürmischen Kundgebung, alles war aufgestanden, die gefeierte Spielerin wurde tatsächlich von Blumen überschüttet.“ (Müller-Reutter)

Auch im Klavierquintett ihres verstorbenen Mannes wie in einigen seiner schönsten Lieder ließ sich Clara ihren Platz am Flügel nicht streitig machen. Dies schloss zwar ihren Freund Johannes Brahms von der prominenten Liste der Ausführenden aus, doch blieb das Letztere der einzige Wermutstropfen in einem rundum gelungenen Festprogramm. Das Ereignis war eine Genugtuung für Clara, die ihren Mann endlich in jener Stadt geehrt sehen konnte, in der seine letzten Lebensjahre in der Klinik hatte zubringen müssen. Natürlich führte sie die Abschlussfeier nach Rolandseck, denn noch immer lockte Groyens Gastgarten mit der schönen Pergola und dem fantastischen Blick. Was Clara Schumann an jenem Augustsonntag wohl empfunden haben mag? 1856 hatte sie ihren Mann in Bonn zu Grabe getragen. 1896 sollte sie selbst dort an seiner Seite ihre letzte Ruhestätte finden – nur 15 Kilometer vom Bahnhof Rolandseck entfernt.

Dort spielt nun Ragna Schirmer mit Stipendiaten der Villa Musica ihre Musik - im modernen Foyer des Arp Museums, aber mit Blick auf dieselben Rheinufer, die schon Clara Schumann so sehr liebte.