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Instrument der Spitzenklänge: die Pietro Guarneri von 1702, erläutert im Interview zwischen Barbara Harnischfeger und Laura Handler. Im Vordergrund zu erkennen: das charakteristische rote Kopftuch von Gertrude Degenhardt. Die Mainzer Künstlerin feierte beim Bach-Abend im Landesmuseum Mainz ihren 82. Geburtstag.

Spitzenklänge Guarneri

Unter der Überschrift Spitzenklänge präsentiert die Landesstiftung Villa Musica in zwei Konzerten jährlich wertvolle Streichinstrumente aus der Landessammlung der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur, zuletzt am 1.10. bei Bach im Landesmuseum. 

Meistergeigen für junge Geigerhände

Jahr für Jahr sorgt die Landesstiftung Villa Musica dafür, dass neun wertvolle Streichinstrumente des Landes Rheinland-Pfalz genau jenen Ausnahmetalenten zugute kommen, die ihren kostbaren Klang optimal entfalten können. Derzeit spielt die bayerische Geigerin Laura Handler das Starinstrument der Sammlung: die Pietro Guarneri „Ex Schubert“, gebaut 1702 in Mantua. In Bachs E-Dur-Violinkonzert entfaltete sie am 1.10. im Landesmuseum Mainz den Glanz des Instruments. Hier erzählen wir seine 320-jährige Geschichte.

Mantua–Dresden–Mainz: die Guarneri aus der Landessammlung RLP

von Karl Böhmer

Zu Weihnachten 1702 konnte Pietro Guarneri mit seiner Arbeit wahrhaft zufrieden sein: Er schenkte sich eine neue Violine von so perfekter Proportion, wie er schon lange keine mehr gebaut hatte. Seit er vom heimatlichen Cremona 1680 nach Mantua umgezogen war, hatte Herzog Ferdinando Carlo Gonzaga immer mehr Gefallen an seinem Violinspiel gefunden. Dies ließ ihm immer weniger Zeit für den Geigenbau, wie er ihn bei seinem Vater Andrea erlernt hatte. Sein Bruder Giuseppe war in Cremona geblieben und hatte mittlerweile zwei kleine Söhne, die auch schon Interesse an der Werkstatt zeigten. Zur Taufe seines Patensohns Pietro reiste der Onkel eigens zurück nach Cremona.

Damals konnte noch keiner ahnen, dass der kleine Pietro seinen Patenonkel einmal in den Schatten stellen sollte, was den Ruhm als Geigenbauer anbelangte. Denn der jüngere Pietro ging ins große Venedig und wurde dort zum berühmten „Pietro Guarneri del Gesù“, auch „da Venezia“ genannt, während sein Onkel immer „Pietro Guarneri da Mantova“ blieb, auch „Pietro Giovanni Guarneri“ zur Abgrenzung vom viel jüngeren Neffen. 1655 in Cremona geboren, war Pietro Giovanni ein Zeitgenosse des großen Geigers Arcangelo Corelli, des Opernmeisters Alessandro Scarlatti und der geigenden Bononcini-Brüder. Sein Neffe, 1698 geboren, gehörte dagegen schon zur galanten Zeit, zur Generation eines Tartini, Galuppi und Hasse. Entsprechend unterschiedlich sind ihre Instrumente.

Eine perfekte Violine

Die Geige von 1702 zählt zu den barocken Prunkstücken aus der Werkstatt des Pietro Guarneri da Mantova. Ihre Echtheit ist durch einen Originalzettel verbürgt: „Petrus Guarnerius Cremonensis fecit / Mantuae sub tit. Sanctae Theresiae 1702“. Zu Deutsch: „Pietro Guarneri aus Cremona baute dieses Instrument zu Mantua im Pfarrsprengel der Kirche Santa Teresa 1702.“ Außerdem zeigte der Saitenhalter früher das Wappen der Guarneri-Familie.

Den Bau einer solchen Violine musste Pietro seinen zunehmenden Verpflichtungen als Geiger an der Hofkapelle abtrotzen. Wer sie zuerst gespielt hat, ist unklar. Vielleicht hat er sie für sich selbst gebaut oder für einen anderen Geiger der Hofkapelle. Dann wäre sie in Mantua noch erklungen, als dort 1718 Antonio Vivaldi als neuer Kapellmeister eintraf. Sicher hat er mit Pietro Guarneri musiziert und auch dessen Werkstatt besucht. Ob die Geige von 1702 von Vivaldi gespielt oder gar erworben wurde? Dann hätte sie der große Venezianer vielleicht mit nach Wien genommen, wo er 1741 starb. Aber dies ist reine Spekulation.

Wechselnde Eigentümer

Rekonstruierbar ist die Geschichte dieser Violine erst wieder ab dem 20. Jahrhundert: 1904, 202 Jahre nach ihrer Vollendung, verkaufte sie ein gewisser Franz Schubert aus Dresden an den Sammler Wilhelm Hammig. Der Verkäufer war der Sohn des langjährigen Dresdner Konzertmeisters François Schubert, weshalb das Instrument heute „Pietrus Guarnerius ex Schubert“ heißt. 1934 verkaufte Wilhelm Hammig die Geige an Rudolf Kruger, einen aus Berlin stammenden Geiger und Dirigenten, der ab 1939 in den USA Karriere machte. 1969 erwarb sie der Verleger Arnold Gingrich, der durch das Magazin „Esquire“ reich und berühmt wurde. Er war ein leidenschaftlicher Geiger, der vor den Bürostunden täglich musizierte und über seine Passion eine Autobiographie verfasste: „A Thousand Mornings of Music: The Journal of an Obsession with the Violin“ („Tausend Morgen mit Musik: Das Tagebuch einer geigerischen Obsession.“) Als er 1976 in seinem Haus in New Jersey starb, gaben die Erben die Guarneri-Violine bei Sotheby’s zur Versteigerung frei. Über den langjährigen Konzertmeister der Staatsphilharmonie in Ludwigshafen, Ferenc Kiss, gelangte die Violine schließlich ins Eigentum der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur – als Glanzstück in der Landessammlung wertvoller Streichinstrumente, die ab den 1990er-Jahren angelegt wurde.

Schicksal eines Geigenbauers

Was seine eigenen Geigenkünste anbelangte, kam Pietro Guarneri über Mantua nicht hinaus, seit er dort 1685 als Geiger und Bratschist in die Hofkapelle aufgenommen wurde. Schon fünf Jahre später rückte er zum „Maestro de’ Violini“ auf, was nicht etwa „Meister des Geigenbaus“ bedeutete, wie man früher glaubte, sondern Konzertmeister im Orchester. Dass er weiterhin Geigen baute und mit ihrem Zubehör handelte, wird aus einem Dokument von 1692 ersichtlich: Pietro erhielt das Privileg zum Handel mit Streichersaiten auf dem gesamten Territorium des Herzogtums Mantua. Im Jahr darauf starb seine erste Frau Caterina. Kaum zwei Monate später vermählte sich der Witwer erneut, mit einer gewissen Lucia de Buranis aus Guastalla. In rascher Folge kamen die Kinder aus der zweiten Ehe zur Welt, während ein Sohn aus der ersten Ehe mit vier Jahren starb. Angesichts der vielen tragischen Todesfälle konnte Pietro am Ende nicht mit Nachwuchs in seiner Geigenbauwerkstatt rechnen, anders als sein Bruder Giuseppe. Die Mitgift für seine Töchter ließ die Einkünfte aus Kapelldienst und Geigenbau zusätzlich schwinden.

Hinzu kam der Krieg: Im Spanischen Erbfolgekrieg stellte sich Herzog Ferdinando Carlo auf die Seite Ludwigs XIV. gegen den Kaiser. 1706 belagerten die Kaiserlichen Mantua und eroberten die Stadt. Der Kaiser setzte den geflohenen Herzog ab, an dessen Stelle fortan kaiserliche Statthalter die Kunsthochburg in der Lombardei regierten. Glücklicherweise übernahm 1714 ein Hesse mit überaus musikalischen Neigungen diesen Posten: Landgraf Philipp von Hessen-Darmstadt. Er holte Vivaldi nach Mantua und wusste sicher auch Guarneris Geigen zu schätzen.

Als Pietro Guarneri am 24. März 1720 im Alter von 64 Jahren starb, hatte er seiner Witwe und seinen Kindern wenig genug zu vermachen. Der italienische Forscher Gianpaolo Gregori, der alle Dokumente zum „Guarneri di Mantova“ 2017 im Internet veröffentlichte, fasste sein Leben resigniert folgendermaßen zusammen: „Man kann sagen, dass er trotz des prestigeträchtigen Postens als Geiger bei Hofe, trotz des Monopols für den Saitenhandel und die gelegentlich ausgeübte Kunst des Geigenbaus keinen üppigen Lebenswandel führen konnte. Pietro Giovanni hatte kein heiteres Leben.“