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Die junge Imogen Holst auf dem Foto eines unbekannten Fotografen aus den frühen Dreißiger Jahren.

Imogen Holst

Jeden Monat stellt die Villa Musica eine bedeutende Komponistin in ihrem Programm vor. Nach Clara Schumann im September ist es im Oktober die Britin Imogen Holst.

Imogen Holst, Komponistin und Dirigentin

von Karl Böhmer

Am 2. Juni 1967, exakt 14 Jahre nach ihrer Krönung, besuchte Königin Elisabeth II. in der Grafschaft Suffolk die Einweihung der Maltings Concert Hall, die Benjamin Britten für sein Festival in Aldeburgh hatte errichten lassen. Dabei konnte die Queen eine der ersten Dirigentinnen ihres Königreichs am Pult erleben: die damals schon sechzigjährige Imogen Holst. Acht Jahre später zeichnete Elisabeth „Miss Imogen Clare Holst“ bei den jährlichen New Year Honours mit dem Ehrentitel Commander of the British Empire aus – „for services to Music“.

Verdienste um die Musik hatte sich die Tochter des Komponisten Gustav Holst nicht nur als Dirigentin erworben, sondern auch als Musikpädagogin, Autorin, Festivalmacherin und Herausgeberin von englischer Barockmusik, last but not least als Komponistin. Dass Söhne großer Komponisten oft genug im Schatten ihrer Väter stehen, weiß man von den Bachsöhnen und den Söhnen Mozarts. Dass aber die Tochter eines arrivierten Meisters selbst im liberalen England und trotz der Förderung ihres Vaters als Komponistin fast vergessen werden konnte, lässt sich nur mit der Geringschätzung von Komponistinnen insgesamt erklären. Als Imogen Holst 1928 mit ihrem Phantasy Quartet den Cobbett Kammermusik-Wettbewerb gewann, hätte sie eigentlich eine Karriere als Komponistin anstreben können. Doch die Wertschätzung des Publikums galt schon bald der Dirigentin, Organisatorin und Autorin über Musik. Deshalb ist Imogen Holst ihren englischen Zeitgenossen hauptsächlich in drei Rollen im Gedächtnis geblieben: als Biographin ihres Vaters, als Assistentin von Benjamin Britten beim Festival in Aldeburgh und als Autorin erhellender Musikbücher wie An ABC of Music, Tune oder Conducting a Choir.

Das Letztere, einen Chor dirigieren, war für sie ein vertrautes Milieu: Als Leiterin der Purcell Singers war sie wesentlich an der Renaissance der Elizabethan Music und des großen Purcell beteiligt. Auch beim Leiten von Orchestern brach sie mit gängigen Vorurteilen gegen Frauen am Dirigentenpult. Als Komponistin stand sie dagegen bis vor Kurzem völlig im Schatten ihres Vaters. Während dessen Planeten auf der ganzen Welt gespielt werden, harrt die Orchester- und Kammermusik von Imogen Holst noch der Wiederentdeckung. Erst ihr 100. Geburtstag 2007 gab den Anstoß zu einer bescheidenen Renaissance ihrer Werke. Deshalb ist es umso schöner, dass das junge Valor Quartett aus Weimar im letzten Streichquartett-Labor der Villa Musica ihr Phantasy Quartet von 1928 aufs Programm gesetzt hat.

Komponistin zwischen den Kriegen

Der Erste Weltkrieg war noch nicht zu Ende, als die elfjährige Imogen Holst im August 1918 ihrem Vater ihr Erstlingswerk präsentierte: die Sonata in D minor. Der stolze Vater schenkte ihr zum Dank ein Buch mit English Christmas Carols, mit englischen Weihnachtsliedern, und schrieb eine Widmung hinein: „To Imogen to help her do her Opus II and in honour of her Opus I, from Father, August 1918“ („Für Imogen, um ihr bei ihrem Opus II zu helfen und ihr Opus I zu ehren, vom Vater“). Tatsächlich fing die junge Komponistin sofort an, vier der Weihnachtslieder zu bearbeiten – ein Zweig ihres Schaffens, der lebenslang ihre größte Freude bleiben sollte: Bearbeitungen englischer Volkslieder.

Etwas vom Zauber dieser britischen Folklore weht auch durch ihr Phantasy Quartet von 1928. Damals war sie noch Studentin am Royal College of Music in London, doch schon so erfahren, dass sie den bedeutendsten englischen Kammermusik-Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Als sie zwei Jahre später dem Ende ihrer Studienzeit entgegen ging, schrieb sie zwei weitere Meisterwerke: ihre Suite for Viola und ihre Ballettmusik Meddling in Magic nach Goethes Zauberlehrling. Wieder zollte ihr der Vater rückhaltlosen Respekt: „It is splendid to think of you finishing your RCM period with the ballet and the viola suite.“ („Es ist großartig, sich vorzustellen, dass Du Deine Zeit am Royal College of Music mit dem Ballett und der Viola Suite beendest.“)

Dass auf den Studienabschluss so wenige weitere Werke folgten, hatte mit ihren Erfolgen in anderen Bereich zu tun: Dirigieren, Schreiben über Musik, Organisieren. Auch folgte auf ihre erste Schaffensphase allzu schnell der Zweite Weltkrieg. Erst 1944 setzte ihr Komponieren wieder ein, ab 1952 unter den Auspizien von Benjamin Britten und seinem Aldeburgh Festival, wo sie als Dirigentin und Programmheftautorin omnipräsent war. Eine dritte Schaffensphase mit wenigen, bedeutenden Werken reichte von Mitte der Sechziger Jahre bis zu ihrem letzten Instrumentalwerk, dem Streichquintett von 1982. „Ich fühle mich wie ein wahrer Komponist“, schrieb sie voller Stolz auf diese Partitur. Zwei Jahre später ist sie im Alter von 76 Jahren in Aldeburgh gestorben.

Phantasy Quartet

Das früheste Streichquartett der damals erst zwanzigjährigen Imogen Holst war ihr Beitrag zu einem Kammermusik-Wettbewerb, wie man ihn sich englischer nicht vorstellen kann: dem Cobbett Wettbewerb zur Wiederbelebung der altenglischen Phantasy. Der englische Industrielle Walter Wilson Cobbett war ein Fanatiker der Kammermusik, dem man nachsagte, mehr Zeit auf die Musik zu verwenden als auf seine gut gehenden Geschäfte. Er selbst spielte begeistert die Violine und konnte es sich leisten, sowohl einen eigenen Kammermusikführer herauszugeben als auch einen Kammermusikpreis ins Leben zu rufen. Letzterer diente der Wiedergeburt des ältesten Genres englischer Kammermusik: der Phantasy. Heute kennt man diese Gattung für vier Gamben oder andere Streicher hauptsächlich dank der 15 Fantazias des jungen Henry Purcell von 1680, doch reicht die Tradition viel weiter zurück, bis in die elisabethanische Zeit weit vor 1600. Cobbett wollte dieses typisch englische Genre der Consort Music auf die moderne englische Kammermusik übertragen. Dazu rief er 1911 einen Preis ins Leben, der für jährlich wechselnde Besetzungen ausgeschrieben wurde.

Die Wettbewerbsaufgabe war in jedem Jahr die gleiche: ein einsätziges Kammermusikstück in der Tradition der englischen Streicherfantasien des 16. und 17. Jahrhunderts zu schreiben. Auf der Liste der Preisträger findet man alle großen Namen der englischen Musik. Benjamin Britten gewann den Preis 1932, vier Jahre nach Imogen Holst. Deren Phantasy für Streichquartett von 1928 kann man als Prototyp aller über die Jahrzehnte für den Cobbett-Wettbewerb komponierten Phantasies verstehen. Die Vision des Wettbewerbsstifters war, wie Peter Evans beschrieb, „eine Synthese aus der großen englischen Fantasientradition und den Sonatenexperimenten der Romantik.” Genau dies gelang der jungen Imogen Holst in ihrem Quartett. Der satte, romantisch schöne Streichersatz dieses Zehn-Minuten-Stückes hallt wider vom Echo englischer Volkslieder und von den schönen Landschaften ihrer geliebten Heimat Surrey im Süden Englands.