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Louise Farrenc, porträtiert von dem italienischen Maler Luigi Rubio (Foto: Wikipedia).

Louise Farrenc

Komponistinnen im Fokus lautet das Motto der aktuellen Villa Musica-Saison auch auf der Homepage. Jeweils passend zu den Programmen der Woche stellen wir Komponistinnen vor, von der Romantik bis Heute.

Louise Farrenc, Pianistin, Professorin, Komponistin

Wer Mitte der 1840er Jahre das Conservatoire national de Musique in Paris betrat, traf in den Unterrichtsräumen nicht nur auf einige der renommiertesten Instrumentalprofessoren Europas, sondern auch auf die einzige Musikprofessorin des Kontinents. Als erstes Institut der Welt berief das Conservatoire 1842 eine Frau auf einen Musiklehrstuhl: die virtuose Pianistin und Komponistin Louise Farrenc. Für 30 Jahre wirkte sie als Klavierprofessorin von weitreichendem Einfluss. Ihre 30 Etüden op. 26 wurden offizielles Klavier-Lehrwerk nicht nur in Paris, sondern auch an den Konservatorien von Brüssel und Bologna. Selbstbewusst stritt sie für gerechte Bezahlung im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen: „Monsieur Le Dirécteur: Ich wage zu hoffen, dass Sie mein Salair ebenso hoch ansetzen mögen wie das jener Herren. Denn wenn ich nicht die gleiche finanzielle Entlohnung erhalte, könnte man meinen, dass ich mich nicht mit dem nötigen Einsatz und Erfolg meiner Aufgabe gewidmet hätte." Sie hatte namhafte Schülerinnen und fand in den Konzerten des Konservatoriums ein Podium für ihre Kompositionen.

Als Pianistin vertrat sie einen klassischen Stil, geprägt von ihren Lehrern Moscheles und Hummel. Damit hob sie sich wohltuend von den „Showeffekten“ der Pariser Klaviervirtuosen um 1830 ab. In einer Rezension über ihren Klavierabend am 17. Juli 1830, zehn Tage vor dem Ausbruch der Juli-Revoultion, hieß es: „Diese junge Dame, die durch ernsthafte Studien auf dem Klavier aufsehenerregendes Können erworben hat, hat es verstanden, dem frivolen Geschmack zu widerstehen, der aus diesem Instrument einen bloßen Mechanismus macht, wo allein die Fingerfertigkeit zählt und das wahre künstlerische Genie überhaupt nicht zur Geltung kommt. Sie folgt den Spuren eines Hummel, Moscheles und Kalkbrenner und scheint entschlossen, auf diesem Weg zu beachtlichen Erfolgen zu gelangen.“

Louise wurde 1804 in die Pariser Bildhauer- und Malerfamilie Dumont hineingeboren. Sie war sieben Jahre jünger als Schubert und wenige Jahre älter als Mendelssohn, Schumann und Chopin. Sie wirkte also im Herzen der Romantik. In dem Flötisten und Musikverleger Aristide Farrenc fand sie schon als Siebzehnjährige einen gleichgesinnten Lebenspartner. Er ließ ihre Werke im eigenen Verlag drucken und wirkte mit ihr gemeinsam als Herausgeber einer Serie mit historischer Klaviermusik von Couperin bis Beethoven (Le Trésor des pianistes). Die Qualität der Notendrucke des Verlags Aristide Farrenc entsprach der anerkannten kompositorischen Qualität der Werke seiner Frau.

Als Kompositionsschülerin von Anton Reicha knüpfte sie an die Wiener Klassiker an, indem sie Sinfonien und Kammermusik nach Beethovens Vorbild schuf, was im Paris ihrer Zeit die absolute Ausnahme war. Zwischen 1834 und 1840 schrieb sie drei Sinfonien, zwei Klavierquintette mit Kontrabass (op. 30 und 31) und ein Nonett für Streicher und Bläser. Auch später setzte sie ihr kammermusikalisches Schaffen fort. Während sie ihre schwerkranke Tochter pflegte, schrieb sie um 1855 zwei Klaviertrios mit Bläsern: eines für Flöte, Cello und Klavier (e-Moll, op. 45), das andere für Klarinette, Cello und Klavier (Es-Dur, op. 44).

In all diesen Werken fand sie ihre eigene Stimme, die in ganz Europa gehört wurde. Die Zeitgenossen priesen ihre Stücke „wegen der Klarheit der Konzeption“ (Gazette musicale), der guten Orchestrierung (Berlioz) und der „erhabenen Einfälle“ (Prix Chartier). Schumann meinte, „ein ganz leiser romantischer Duft“ schwebe über ihnen fort. Im 20. Jahrhundert trugen ihr die drei Sinfonien den Ruf ein, die „bedeutendste Komponistin in der Mitte des 19. Jahrhunderts“ (MGG) zu sein.

Ende der 1850er Jahre verstummte die Komponistin Louise Farrenc. Im lauten Pariser Musikleben der Offenbach-Ära spielten ihre poetischen Werke keine Rolle mehr. Sie verschwand von den Konzertprogrammen, obwohl sie weiterhin Klaviermusik komponierte und noch immer den Trésor des pianistes herausgab. Im September 1875, ein halbes Jahr nach der Uraufführung von Bizets Carmen, ist sie in Paris verstorben, unbeachtet von der völlig veränderten Musiklandschaft der Belle Époque. Es war eine deutsche Notenedition der 1950er Jahre, die ihre Musik ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückholte und sie als die bedeutendste romantische Komponistin neben Fanny Mendelssohn und Clara Schumann wieder zur Geltung brachte.

Am kommenden Wochenende spielt die französische Pianistin Shani Diluka mit jungen Streicherinnen und Streichern der Villa Musica Farrencs erstes Klavierquintett a-Moll, op. 30, im Hüttenhaus Herdorf, im Schloss Montabaur und in der Villa Musica in Mainz.