Aktuell: Villa Musica Adventskalender: Bach in Leipzig 1731

Am 2. Dezember 1731 dirigierte Johann Sebastian Bach im Hauptgottesdienst der Leipziger Thomaskirche seine längste Kantate zum ersten Advent: „Schwingt freudig euch empor“. Der erste Teil erklang vor der Predigt: ein wahrhaft schwungvoller Eingangschor, gefolgt von einem kontrapunktisch strengen Choralduett, einer liebreizenden Tenorarie und einem schlichten Choral. Den zweiten Teil leitete Bach „sub communione“, während der Austeilung des Abendmahls: eine Bassarie mit Streichern, einen Tenorchoral mit Oboen, eine Sopranarie mit Solovioline und den Schlusschoral. Es gab für die Leipziger also viel zu hören und zu genießen in diesem Adventsstück, das damals schon sechs Jahre Werkgeschichte hinter sich hatte. Zum ersten Advent 1731 schuf Bach die Fassung letzter Hand, die heute noch zahllose Zuhörerinnen und Zuhörer auf der ganzen Welt freudig auf den Advent einstimmt.

Schwingt freudig euch empor

Schwingt freudig euch empor
Zu den erhab’nen Sternen.

So singen zu Beginn der Kantate vier Singstimmen im konzertanten Wettstreit mit Oboen und Streichern. Bach hob den Geigenbogen und gab den Einsatz für die energischen Triolen, mit denen die Geigen den Satz eröffnen. Dazu spielte sein erster Oboist Gleditsch auf der Oboe d’amore langgezogene Melodiebögen, die sich zu den Sternen aufzuschwingen scheinen. (Natürlich konnte Bach es nicht lassen, gleich im zweiten Takt der Oboe zwei Töne zu ändern, um die Melodie noch schwungvoller zu machen!) Die Singstimmen übernehmen den Aufschwung der Oboen und Streicher. In der Thomaskirche standen sie vorne an der Rampe der Westempore, vor dem Orchester, und zogen die Zuhörer gleichsam mit sich in die Höhe – hinauf zu den Sternen am winterlich kalten Himmel Leipzigs. Gesungen wurde dieser Chor entweder nur vom Quartett der Solisten oder verstärkt durch ein zweites Quartett von „Ripienisten“, also von insgesamt acht Sängern. Dadurch kam das Spiel mit dem Schall im zweiten Teil des Chores besonders schön zur Geltung:

Doch haltet ein!
Der Schall darf sich nicht weit entfernen.
Es naht sich selbst zu euch
Der Herr der Herrlichkeit!

Zwischen den Sängern vorne an der Rampe und dem Orchester hinten auf zwei erhöhten Podien entstand in diesem Moment ein entzückendes Hin- und Herschallen von kurzen Motiven.

Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen

Während die frommen Leipziger an jenem Adventssonntag zum Altar schritten, um das Abendmahl zu empfangen, hörten sie ein ähnliches Spiel mit dem Widerschall der Klänge wie im Eingangschor. Ihre Ohren wurden von der letzten Arie der Kantate umschmeichelt, in der ein Knabensopran mit den glitzernden Passagen einer Solovioline wetteiferte:

Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen
Wird Gottes Majestät verehrt.
Denn schallet nur der Geist dabei,
So ist ihm solches ein Geschrei,
Das er im Himmel selber hört.

Anno 1731 war der Gesangssolist vermutlich der vierzehnjährige Johann Christoph Nichelmann, nachmals zweiter Cembalist Friedrichs des Großen in Berlin und in Leipzig Bachs Schüler im Gesang und am Cembalo. Gedämpft klang nicht nur die Stimme des jungen Soprans, sondern auch die Solo-Violine, die Bach wahrscheinlich selbst spielte, und zwar mit Dämpfer auf den Saiten. Den entsprechenden Hinweis „col Sordino“ hat er erst nachträglich in seine wunderschöne Originalpartitur eingefügt. Mit dem jungen Sopranisten Nichelmann und dem Geiger Bach musizierten in dieser Arie ein Leipziger Student am Cello und der Bach-Schüler Johann Ludwig Krebs am Cembalo. Letzterer hat auch die Hauptarbeit beim Ausschreiben der Stimmen übernommen. Eigentlich verfügte Bach damals schon über ein Aufführungsmaterial für diese Adventskantate, die er spätestens 1727 aus der Taufe gehoben hatte. Doch die Urfassung genügte ihm nicht mehr, vor allem, weil sie zu wenige Choralstrophen enthielt, galt es doch, den ersten Advent als den Beginn des Kirchenjahrs zu feiern. Dabei durfte ein Choral nicht fehlen: Martin Luthers „Nun komm der Heiden Heiland“.

Nun komm der Heiden Heiland

1731 fügte Bach zwischen die Arien seiner Kantate drei Strophen aus Luthers Adventslied ein: die erste Strophe „Nun komm der Heiden Heiland“ als streng kontrapunktisches Duett in fis-Moll für Sopran, Alt und Basso continuo, ein bei Generalbass-Spielern bis heute gefürchteter Satz wegen seiner Ausflüge in die hohen Kreuztonarten und wegen der verschachtelten Rhythmen; die sechste Strophe „Der du bist dem Vater gleich“ als Tenorsolo, umspült von virtuosen Läufen der beiden Oboen, die hier den Heiland als Helden charakterisieren; die achte Strophe „Lob sei Gott, dem Vater, g’ton“ als schlichten Schlusschoral. Den Schlusschoral der ersten Fassung schob Bach ans Ende des ersten Teils der Kantate: Strophe 7 aus Philipp Nicolais „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. So erfreute er seine Gemeinde in dieser Kantate gleich mit zwei verschiedenen Adventsliedern.

Weltliche Vorlage

In Bachs Originalpartitur von 1731 kann man deutlich erkennen, dass die drei Choralstrophen nachträglich eingeschoben wurden: Sie zeigen Bachs typische „Konzeptschrift“, also den unruhigen, heftig inspirierten Schriftduktus bei der Erstniederschrift eines Stückes. Alle anderen Sätze sind in Reinschrift notiert, also in jener Schönschrift, die Bach immer dann anwendete, wenn er einen Satz von einer Vorlage abschrieb. In diesem Fall handelte es sich um eine weltliche Vorlage aus dem Jahre 1725. Zumindest ein Zuhörer in der Thomaskirche hatte die angenehmsten Erinnerungen an diese weltliche Kantate: jener Leipziger Universitätsprofessor, zu dessen Ehren sie im Sommer 1725 erklungen war. Damals hatten vier Studenten des Leipziger Collegium musicum vor dem Jubilar Aufstellung genommen und ließen ihn zum Klang des kleinen Orchesters hochleben: „Schwingt freudig euch empor / Und dringt bis an die Sterne“, ein Bachsches „Gaudeamus igitur“.

Die Liebe zieht mit sanften Schritten

In der weltlichen Urfassung waren Rezitative enthalten, die dem Herrn Professor auf jede erdenkliche Weise schmeichelten und seine Schüler zum eifrigen Studium anhielten. Für die Adventskantate strich Bach sämtliche Rezitative, aber er übernahm die hinreißend schöne Arie, die auf den Eingangschor folgt. Darin besingt der Solotenor, wie die Liebe zu ihrem Lehrer die Studenten zur Ehrfurcht und zum Fleiß anhält: „Die Liebe führt mit sanften Schritten / Ein Herz, das seinen Lehrer liebt“. Schon damals dürften Studenten solche Zuneigung nur wenigen Professoren entgegengebracht haben, ihr Lehrer durfte sich also geschmeichelt fühlen, zumal Bach den Text in die Töne einer wahren Liebesarie kleidete: Eine Oboe d’amore, eine „Liebesoboe“, spielt in Bachs Lieblingstonart h-Moll eine sanfte Melodie im Tanzschritt eines Passepied, so angereichert mit rührenden Vorhalten wie keine zweite in seinem gesamten Schaffen. Der Tenor stimmt mit ein, woraus ein wahrhaft entzückendes Trio mit dem Continuo entsteht. Spätestens an dieser Stelle muss Bach beschlossen haben, aus der weltlichen Kantate eine geistliche zu formen, denn soviel Inbrunst findet seinen Ort eigentlich nur bei Jesus, wenn ihn die Tochter Zion als ihren Bräutigam verehrt. Für die Adventskantate ließ Bach die Arie in dieser Weise umdichten: bezogen auf die Brautmystik des Hohen Liedes:

Die Liebe zieht mit sanften Schritten
Sein Treugeliebtes allgemach.
Gleichwie es eine Braut entzücket,
Wenn sie den Bräutigam erblicket,
So folgt ein Herz auch Jesu nach.

Willkommen, werter Schatz

Mit der zweiten Arie der Cantata hatte Bach sehr viel mehr Probleme. Das Original beginnt mit einem fast holprigen: „Happy Birthday“:

Der Tag, der dich vor dem gebar
Stellt sich vor uns so heilsam dar
Als jener, da der Schöpfer spricht:
Es werde Licht!

Damit war für die Adventskantate nichts anzufangen. Also sah Bach in der zweiten weltlichen Fassung der Kantate nach, jener Serenata, die er am 30. November 1725 in Köthen zu Ehren der zweiten Gemahlin von Fürst Leopold aufgeführt hatte. Sie hieß Charlotte, was metrisch gut zum Kopfmotiv der Arie passt. Aus dem „Es werde Licht“ wurde nun „Charlotte, blüh!“. Für den ersten Advent führte dies freilich auch nicht weiter. Deshalb probierte es Bach mit dem Anruf: „Sei mir willkommen, werter Schatz“ und einer Textverteilung analog zur weltlichen Vorlage. Erst 1731 strich er das überflüssige „Sei mir“ und stellte den Ausruf „Willkommen“ an den Anfang der Arie, was so wunderbar zum kräftigen, den Heiland begrüßenden Streichervorspiel passt. Die Zeilen 2-4 des Textes verbannte er ganz in den modulierenden Mittelteil der Arie und fügte dabei einmal fünf und einmal zehn Takte neu ein, um neben der Deklamation auch die Modulation zu verbessern:

Willkommen, werter Schatz!
Die Lieb und Glaube machet Platz
Vor dich in meinem Herzen rein.
Zieh bei mir ein!

Hört man die Endfassung der Arie, so wirkt alles ganz natürlich: der Anruf „Willkommen, werter Schatz“ zu Beginn wie auch die Modulationen des Mittelteils. Nie könnte man ahnen, dass Bach daran so lange „herumgedoktert“ hat.

Dass sich Bach der Mühe unterzog, die gesamte lange Kantate nochmals abzuschreiben, hatte nicht nur mit der gründlichen Überarbeitung der Bassarie oder mit den eingefügten Choralstrophen zu tun, sondern auch mit der Sopranarie. Sie steht nun nicht mehr in A-Dur wie in den weltlichen Vorlagen, sondern in G-Dur. Offenbar war dem Knabensopran die Urfassung zu hoch, so dass Bach sie um einen Ganzton nach unten transponierte. Dadurch wirken Sopran und Geige noch gedämpfter als in der Urfassung – zur gläubigen Erbauung der Leipziger an einem kalten Adventssonntag anno 1731 ebenso wie zur Freude zahlloser Bach-Hörerinnen und –Hörer seitdem.

Zum Hören

Bachs Adventskantate “Schwingt freudig euch empor” BWV 36 in der Endfassung von 1731 mit dem Amsterdamer Barockorchester und -chor unter Ton Koopman:

BWV 36

Karl Böhmer, 2018