Aktuell: Villa Musica Adventskalender: Händel in Dublin 1741

Advent in London ohne Händel

Charles Jennens hatte sich zu früh gefreut: Am 2. Dezember 1741 kehrte er von seinem Landsitz nach London zurück und vernahm voller Freude, dass Händel endlich seinen Oratorientext „Messiah“ vertont habe. An eine Aufführung war freilich nicht zu denken: Der Meister war verreist. Ärgerlich schrieb Jennens an seinen Freund Edward Holdsworth: „Bei meiner Ankunft in der Stadt hörte ich mit großen Vergnügen, dass Händel das Oratorium vom Messias in Musik gesetzt habe; aber es war eine große Enttäuschung für mich zu hören, dass er, anstatt es hier aufzuführen, damit nach Irland gereist ist.“ Tatsächlich sollten die Iren in den Genuss kommen, Händels größtes Werk als erste zu hören, freilich nicht in der Adventszeit, zu welcher man es heute am liebsten aufführt. Für Händel blieb „Messiah“ bis an sein Lebensende ein Werk für die Fastenzeit, mit Passion und Auferstehung des Herrn im Mittelpunkt. Die Weihnachtsgeschichte im ersten Teil mit den Ankündigungen des Messias durch die großen Propheten war eine Hinleitung auf das zentrale Ereignis, nicht die Hauptsache, wie man angesichts der heute üblichen adventlichen Aufführungen vermuten könnte. Tatsächlich dirigierte Händel die Uraufführung des „Messiah“ in Dublin am Dienstag der Karwoche 1742, dem 13. April. Da Irland wie England noch bis 1752 dem julianischen Kalender folgte, lag Ostern für die Iren damals auf dem 18. April, während man es auf dem Kontinent schon am 25. März gefeiert hatte. Charles Jennens blieb derweil nichts anderes übrig, als über die irischen Erfolge Händels in der Zeitung zu lesen und abzuwarten, bis der Meister den „Messiah“ endlich auch nach London brachte.

Advent in Dublin

Auch in Dublin ließ Händel sich mit dem “Messiah” Zeit: Erst einmal organisierte er für die Iren eine Oratoriensaison mit sechs Aufführungen anderer Werke. 24 Stunden vor Heiligabend 1741 war es endlich soweit: Das Publikum der irischen Hauptstadt versammelte sich im brandneuen Konzertsaal in der Fishamble Street, um dem ersten Oratorium unter Händels Leitung zu lauschen. Die Nachricht, dass der große Meister aus London in Dublin eingetroffen sei, hatte sich Anfang Dezember ebenso rasch verbreitet wie die Meldung, dass er sechs Oratorienkonzerte im Abonnement anbot. Im „Dublin Journal“ ließ Händel verkünden, dass man die Tickets in seiner Dubliner Wohnung in der Abbey Street von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags kaufen könne. Mit einem Ticket erwarb der Käufer das Recht, an jedem der sechs Abende zu dritt zu erscheinen: „which entitles him to three Tickets each Night, either of Ladies or Gentlemen“. Vier Monate später sollten sich die Reifröcke der Ladies und die Degen der Gentlemen als hinderlich erweisen, als Händel im selben Saal „Messiah“ aus der Taufe hob. Da die Aufführung einem wohltätigen Zweck dienen sollte, wurden die Damen in der Zeitung aufgefordert, auf „Hoops“ zu verzichten, die Herren auf „Swords“, damit noch mehr Publikum in den Saal passte. Auch mit Reifröcken und Degen fasste die „New Musick-Hall“ 600 Personen. Triumphal meldete Händel seinem Librettisten Jennens, dass er den Saal für alle sechs Vorstellungen zwischen Dezember und Februar ausverkauft hatte, ohne auch nur ein Ticket an der Abendkasse anbieten zu müssen. In London war von solchen Verhältnissen nur zu träumen. Der zuhause umstrittene Händel wurde in Dublin wieder zum unbestrittenen Star.

Englisches Oratorium mit italienischem Titel

Am 23. Dezember 1741 eröffnete Händel seine irische Oratorienserie mit einem Werk, dem man heutzutage kaum adventliche Gefühle abgewinnen würde: „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato“, zu deutsch: „Der Freudige, der Nachdenkliche und der Gemäßigte“. Dabei handelte es sich nicht etwa um ein italienisches Oratorium, sondern um ein englisches, basierend auf zwei Gedichten von John Milton, denen der blinde Dichter aus dem 17. Jahrhundert seltsamerweise italienische Titel gegeben hatte. “L’Allegro” ist der sanguinische Genussmensch, der gerne ins Treiben der Großstädte eintaucht und das Leben in vollen Zügen genießt, “Il Penseroso” der melancholische Einzelgänger, der lieber in einsamen Mondnächten seinen träumerischen Stimmungen nachhängt und der Natur lauscht. Diesen beiden Extremcharakteren hatte Charles Jennens einen dritten hinzugefügt: den maßvollen Menschen des Ausgleichs, das Ideal der Aufklärung. Während er in London für diese Zutat zum großen Milton gerügt worden war, zeigte sich die geistige Elite Dublins gerade vom dritten Teil des Oratoriums äußerst angetan, wie Händel seinem Librettisten mitteilte. Sicher lag dies auch an der wunderschönen Musik, besonders an jenem himmlischen Schlussduett, das man sich ebenso gut im „Messiah“ vorstellen könnte. Es zählt zu Händels schönsten Pastoralstücken. Das doppelte Duett zwischen Oboe und Fagott, Sopran und Tenor besingt über wallenden Streichern, wie die Schatten der Nacht vor der Morgenröte zurückweichen. Vielleicht kam im Dubliner Publikum an jenem 23. Dezember 1741 doch noch Weihnachtsstimmung auf, als Christina Avolio und ihr Tenorkollege dieses Duett anstimmten.

Eine Mainzerin mit Moskauer Spitznamen

Die Sopranistin, die Händel in diesem Duett einsetzte wie später im “Messiah”, hieß mit Mädchennamen Christina Maria Graumann und stammte aus Frankfurt oder Mainz. In diesem Punkt ist sich die Händelforschung noch nicht einig. Sicher ist nur, dass sie den italienischen Sänger Giuseppe Avolio heiratete und mit ihm an den Zarenhof nach Sankt Petersburg und Moskau reiste, weshalb man sie in England „La Moscovita“ nannte. Bevor sie nach London kam, hatte sie die Partie der Kleopatra in Händels „Julius Cäsar“ schon unter Telemanns Leitung in Hamburg gesungen. Nach dem Zusammenbruch der Londoner Oper 1741 übernahm sie Händel in sein Oratorien-Ensemble und konnte sie überreden, ihm nach Dublin zu folgen. Am 28. November 1741 meldete das „Dublin Journal“, „Signora Avolio“ sei mit einer Jacht aus Parkgate in der Stadt eingetroffen, „an excellent Singer, who is come to this Kingdom, to perform in Mr. Handel’s Musical Entertainments“, „eine ausgezeichnete Sängerin, die in dieses Königreich gekommen ist, um in Herrn Händels musikalischen Unterhaltungen zu singen“. Anders als in London wurde sie vom Dubliner Publikum geradezu gefeiert. „Signora Avolio, die ich von London mitbrachte, gefällt außerordentlich“, bemerkte Händel befriedigt in seinem ersten Brief an Jennens. Ihre schönen Soprantöne sollten Händels Dubliner Advent ebenso veredeln wie vier Monate später die Uraufführung des „Messiah“.

Zum Hören

Das wundervolle Duett aus Händels Oratorium „L’Allegro, il Pensieroso ed il Moderato“, hier gesungen von Kate Royal und Ian Bostridge zum vereinigten Klang des Freiburger Barockorchesters und des Orchestra of the Age of Enlightenment:

As steals the morn

Karl Böhmer, 2018