Aktuell: Villa Musica Adventskalender: Vivaldi in Mantua 1718

Am 1. Dezember 1718 begann für Antonio Vivaldi kein geruhsamer Advent in seiner Heimatstadt Venedig, sondern ein turbulenter Monat voller Opernvorbereitungen in Mantua. Die alte Residenzstadt der Gonzaga in der Poebene stand seit 1706 unter kaiserlicher Verwaltung. Im Spanischen Erbfolgekrieg hatten sich die Gonzaga-Herzöge auf die Seite Frankreichs geschlagen und waren von den Kaiserlichen aus ihrer Residenzstadt vertrieben worden. Wo 110 Jahre zuvor Claudio Monteverdi seinen “Orfeo” und seine “Arianna” für die Gonzaga aufgeführt hatte, leitete nun Antonio Vivaldi seine Opern für einen musikalischen Landgrafen aus Hessen.

Kapellmeister eines Darmstädters

Als Statthalter in Mantua setzte Kaiser Karl VI. 1714 den Landgrafen Philipp von Hessen-Darmstadt ein, der nicht nur ein großer Kriegsmann, sondern auch ein leidenschaftlicher Liebhaber der Oper war. Der Landgraf stammte zwar aus einer streng lutherischen Familie, war aber vor seiner Hochzeit zum katholischen Glauben konvertiert und hatte sich als Befehlshaber der Kaiserlichen Italienarmee bewährt. Als Militärgouverneur im 1707 eroberten Neapel hatte er bereits seine Liebe zur Oper unter Beweis gestellt und den jungen Komponisten Porpora gefördert. Kaum war er 1714 nach Mantua umgezogen, streckte er seine Fühler nach Venedig aus. 1718 gelang es ihm endlich, den berühmtesten venezianischen Geiger und Komponisten für zwei Jahre an seinen Hof zu locken: Antonio Vivaldi.

Maestro und Impresario

Im Dezember 1718 kam es in Mantua zu einer typisch barocken Situation: Ein zum Katholizismus konvertierter Hesse aus erzlutheranischer Familie ließ sich von einem venezianischen Priester nicht nur Opern komponieren, sondern gleich auch noch die gesamte “Impresa” seines Theaters besorgen. Was das im Advent 1718 für Don Antonio bedeutete, kann man sich leicht vorstellen: Für seine Oper “Teuzzone” hatte er im Teatro Arciducale zunächst das chinesische Kolorit in Dekorationen und Kostümen sicherzustellen. Denn die Handlung spielt am chinesischen Kaiserhof. Gesungen wurde natürlich auf Italienisch im reinsten venezianischen Stil, den Vivaldi beherrschte wie kein Zweiter.

„La Campioli“, eine der großen Primadonnen Italiens, schlüpfte in die Hosenrolle des chinesischen Kaisersohns Teuzzone, der nach vielen Wirren und Mühen endlich die tatarische Prinzessin Zelinda heiraten darf, dargestellt von der Altistin Teresa Micci. In Vivaldis Arien zogen die beiden Sängerinnen alle Register ihres Könnens, in virtuosen Koloraturenketten ebenso wie in sanften Adagios oder säuselnden Naturgleichnissen. Auch den anderen sechs Akteuren musste Vivaldi die passenden Arien auf den Leib schneidern und zugleich die Hofkapelle bei Laune halten. An original chinesische Musik war dabei nicht zu denken: Weder der Maestro selbst, noch seine Sänger oder Orchestermusiker verstanden auch nur das Geringste von chinesischen Instrumenten und ihren exotischen Klängen. Landgraf Philipp war mit der Leistung seines Impresario-Maestro überaus zufrieden, wie zwei größere Zahlungen an Vivaldi vom 7. Dezember 1718 und 18. Januar 1719 beweisen.

Ein Hirtinnenkonzert

Erstaunlich, dass es Vivaldi neben all den Operngeschäften in Mantua immer auch gelang, kleine feine Kammerkonzerte für den Landgrafen zu schreiben. Um dessen hervorragende Bläsersolisten ins rechte Licht zu rücken, gab es keine bessere Gattung als das “Concerto da camera”. In diesen klein besetzten Konzerten konnte jeder Musiker sein Können im kammermusikalischen Schlagabtausch zeigen, besonders die Bläser. Also kombinierte Vivaldi auf immer neue Weise Flöte, Oboe, Fagott, Violine und Cembalo miteinander. Viele dieser Juwelen seiner Kunst tragen Titel. Eines mutet in seinem Thema fast weihnachtlich an: das Concerto “La Pastorella”.

Obwohl die Heilige Schrift nur von männlichen Hirten in Bethlehem berichtet, haben die Maler in ihren Darstellungen der Heiligen Nacht immer auch Hirtinnen an die Krippe des Jesuskindes gestellt. Um eine Hirtin geht es in Vivaldis Concerto, und zwar um eine höchst anmutige “Pastorella”, verkörpert durch die Flöte. Im ersten Allegro tritt sie mit den leichten Tanzschritten auf und beweist in ihrem Solo, dass sie auch virtuose Koloraturen „singen“ kann. Das Cello bzw. Fagott ist dabei ihr ständiger Begleiter. Im Mittelsatz bleibt die Flöte mit dem Basso continuo alleine und “singt” eine Siciliana, eine jener sanft wiegenden Arien im Rhythmus eines sizilianischen Volkstanzes, wie man sie auch im barocken Venedig liebte. In seinem großen weihnachtlichen Gloria hat Vivaldi diesen Rhythmus zum Lobpreis Gottes und seines Sohnes eingesetzt. So ist er vielleicht auch in diesem Hirtinnenkonzert gemeint. Im Finale stimmen alle Instrumente in den tänzerischen Lobgesang auf des Jesuskind ein. Ob dieses Concerto tatsächlich eine Weihnachtsgabe des rothaarigen Priesters Vivaldi an seinen deutschen Dienstherren in Mantua war, weiß man nicht. Es hätte aber gut in den Advent 1718 hineingepasst.

Zum Hören

Vivaldis Concerto “La Pastorella”, gespielt von Dorothee Oberlinger auf der Blockflöte, und zwar in einer von Vivaldi autorisierten späteren Fassung mit reiner Streicherbegleitung. Man höre die wundervollen Verzierungen der Solistin in der Siciliana des Mittelsatzes.

La Pastorella

Karl Böhmer, 2018