: Villa Musica Adventskalender: Flaminia Scarlattis Weihnachtspost aus Neapel

Am 22. Dezember 1716 schrieb Flaminia Scarlatti einen Weihnachtsbrief an Kardinal Annibale Albani in Rom: „Der Jubel, den das Universum bei diesem allerheiligsten Weihnachtsfest empfindet, ermuntert auch mich zu den glücklichsten und festlichsten Wünschen für Eure Eminenz und zum Ruhme Eures ganzen erlauchten Hauses, dem ich meine Fürbitten beim Allerhöchsten widme.“ Das „erlaucht“ ersetzte Flaminia als geschickte Schreiberin von Weihnachtspost durch das Wort „Clementissima“ als Anspielung auf Papst Clemens XI. aus dem Hause Albani, den Onkel des Kardinals Annibale. Wie der Heilige Vater so waren auch alle anderen Mitglieder der Familie „clementissimi“.

Flaminia Scarlatti, Sopranistin und Komponistin

Seit Flaminia mit ihrem Vater, dem großen Alessandro Scarlatti, zwischen 1703 und 1708 in Rom gelebt hatte, wusste man auch dort um ihre schöne Sopranstimme. Im heimatlichen Neapel war sie als Muse des Malers Francesco Solimena stadtbekannt: Wann immer es dem Malerfürsten des neapolitanischen Spätbarock an Inspiration gebrach, um seine riesigen Leinwände mit biblischen Personen zu füllen, musste ihm Flaminia eine Cantata singen, und schon erstrahlten die Ölfarben wieder in frischem Licht. Dass Flaminia Kantaten nicht nur singen, sondern auch komponieren konnte, weiß man leider nur aus ihrer Weihnachtspost nach Rom. Im zitierten Schreiben gibt sie dem Kardinal zu erkennen, dass sie „ungeduldig seine geschätzten Aufträge“ erwarte. Damit waren nicht etwa Auftritte als Sängerin in Rom gemeint. Die Ewige Stadt war eine Bastion des Kastratengesangs, seit der Vorgänger von Clemens XI. jeglichen öffentlichen Auftritt von Sängerinnen in Rom verboten hatte. Die Dienste, die Flaminia dem mächtigen Kardinal Albani anbot, waren zweifellos kompositorischer Natur. Einem früheren Weihnachtsbrief an denselben Adressaten hatte sie nämlich eine selbst komponierte Cantata beigelegt: „Als kleines Zeichen meiner unveränderlichen Dienstbarkeit sende ich eine Cantata und küsse mit Ehrerbietung den Purpur Eures Gewandes“. Soweit man heute übersehen kann, sind die Kantaten von Flaminia Scarlatti leider verloren. Man muss auf die mehr als 600 Kantaten ihres Vaters Alessandro ausweichen oder auf einige ihrer Brüder Pietro und Domenico, um zu erfahren, wie ihre Stimme möglicherwiese klang.

Weihnachtskantate vom Ritter Scarlatti

Mit der Weihnachtspost aus Neapel, die im Palazzo Albani jährlich bergeweise eintraf, kam kurz vor Weihnachten 1716 auch ein Schreiben vom Vater Scarlatti, unterschrieben mit seinem einfachen Namenszug. Dabei hätte er anno 1716 auch schon mit „Cavaliere Alessandro Scarlatti“ unterschreiben können. Am 8. Juli 1715 hatte Papst Clemens XI. den Komponisten zum Ritter des Ordens „Militia Jesu Christi“ ernannt. Der römische Musikwissenschaftler Luca della Libera konnte das entsprechende Breve des Papstes im Archivio segreto des Vatikans ausfindig machen und publizieren. Seitdem weiß man, dass Scarlatti einem anderen päpstlichen Orden angehörte als Gluck und Mozart, die beide Ritter „vom goldenen Sporn“ waren. In seinem Brief an Kardinal Albani vom 19. Dezember 1716, bedauerte Scarlatti, dass ihm kein aktueller Auftrag aus Rom vorliege. Umso eifriger scheint er sich mit einer musikalischen Gabe in Erinnerung gerufen zu haben. „Da sich heute die Gelegenheit ergibt, den Jubel des Gemüts über das glückliche Schicksal der Geburt des göttlichen Erlösers zu bekunden, erlaube ich mir, dies gegenüber Eurer Eminenz auszudrücken.“ Dazu passt eine Weihnachtskantate, die er just im Dezember 1716 komponiert hat: „Non sò qual più m’ingombra“.

Cantata Pastorale da Camera
Soprano solo con violini
Del Cav. Alessandro Scarlatti
Xbre 1716

So lautet der Titel der autographen Partitur, die sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin befindet. Man kann sie online studieren, was sich in jeder Hinsicht lohnt. Die makellos schöne Schrift des Komponisten lässt die besondere Sorgfalt erkennen, die er auf die weihnachtlichen Bilder dieser Kantate verwendet hat. Sie war sicher für einen illustren Adressaten bestimmt, worauf schon der Titel hindeutet: „Cantata Pastorale da Camera“, also „Hirtenkantate für eine fürstliche Kammer“, nicht etwa für die Kirche. Die Krippen in den fürstlichen Palästen Roms boten den passenden Rahmen für die Aufführung einer solchen „Cantata Pastorale“.

Blumen mitten im Winter

Nicht zufällig schrieb Scarlatti in seinem Weihnachtsbrief vom „giubilo dell’animo“, vom Jubel des Gemüts. Dieser Jubel steht auch in der besagten Cantata eindeutig im Vordergrund: von den freudig erregten Sechzehnteln der Streicher in der Einleitung bis hin zu den Hirtenklängen der Schlussarie. Dabei geht es ausnahmsweise nicht um die üblichen Bilder vom Licht über Bethlehem und den Hirten an der Krippe, sondern um das plötzliche Aufblühen der Natur mitten im Winter. Eben noch war es finstere Nacht, nun wird es plötzlich taghell; eben noch lagen die Blumen wie erfroren unter dem Eis, nun erblühen sie in schönsten Farben; eben noch waren die Bäche erstarrt, nun strömen sie munter von den Bergen herab. Kein Detail dieser Bilder lassen sich die Streicher im einleitenden Accompagnato-Rezitativ tonmalerisch entgehen. Die erste Arie gibt der Freude nur verhalten Ausdruck, denn noch kann sich die gläubige Seele den plötzlichen Stimmungsumschwung nicht erklären, aber im zweiten Rezitativ wird die Ahnung zur Gewissheit: Der Messias ist geboren, er hat die Welt verwandelt, und er bringt ihr den Frieden.

Friede für den ganzen Erdkreis

Pace, Friede – dies ist das Stichwort für die wunderschöne Schlussarie der Kantate: „Mit dem großen Messias wird der Friede für den ganzen Erdkreis geboren.“ Eine ganze Minute lang ergehen sich die Geigen und die Bässe zu Beginn der Arie in weihnachtlicher Hirtenmusik. So viel Raum musste sein für die unverzichtbare „Pastorale della Notte di Natale“, das Musizieren der Streicher an der Krippe, die hier Volksmusik in Kunstmusik verwandelten. Denn was draußen auf den Straßen Roms von Hirten aus den Abruzzen auf Schalmei und Dudelsack, also „Pifa“ und „Zampogna“, in brachialer Lautstärke dargeboten wurde, verwandelten die Geiger des barocken Rom in säuselnde Krippenmusik. Der Sopran stimmt in diese Bordunklänge ein, die hier zur Metapher für den Frieden werden. Die süße Hirtenmelodie des Soprans wird von den Streichern in ein typisch barockes „Helldunkel“ getaucht.

Als sich Kardinal Albani diese Kantate an seinem Cembalo in Rom durchspielte, wird er sehnsüchtig an die schöne Sopranstimme der Flaminia Scarlatti gedacht haben. In Rom konnte dieses Stück nur von einem jungen Sopranisten gesungen werden, wie es auch in unserer Aufnahme der Fall ist.

Zum Hören

Die Aria pastorale „Nacque col Gran Messia“ aus Scarlattis Weihnachtskantate von 1716, mit dem amerikanischen Sopran Brian Asawa und der Arcadian Academy unter Nicolas McGegan. Unten der Text der Arie zum Nachlesen:

Scarlatti

Nacque col Gran Messia
La pace all’orbe intero,
Così dice il pensiero
E me l’attesta il cor.

È lieta l’alma mia,
Non sente affanni rei,
E godon gl’occhi miei
In mezzo al gelo il fior.

Mit dem großen Messias
Wird für den ganzen Erdkreis der Friede geboren.
So sagt es mir mein Verstand,
Und das Herz bezeugt es.

Meine Seele ist fröhlich,
Sie fühlt keinen Schmerz mehr,
Und meine Augen erfreuen sich
An der Blume mitten im Eis.